Sonntag, 28. Juli 2019

Here we go again...


Here I go again...

Ja, here I go again..  to Kenya. Ein Koffer ist schon fertig gepackt - voll mit Unterrichtsmaterialien und Büchern (die man Vorort nicht bekommt, da Amazon nicht nach Afrika liefert), fertig zum Einchecken am 5. August.

Es erwartet mich eine Menge Arbeit - Arbeit, die es zu tun gilt, da  Einiges im letzten Sommer offen blieb. Das ganze Jahr über verbrachte ich viel Zeit, nachzudenken über das Viele, das nicht zu Ende geführt werden konnte. Schon allein deshalb nicht, weil der Gedankenprozess erst im Entstehen war:  soviele Eindrücke, Impulse, Erfahrungen, die erst mit der Zeit zurück in Wien eingliederbar waren; die vielen Stimmen in mir, die mich schlussendlich denken ließen und ich Punkte auflisten konnte, die benennbar und realistisch durchführbar waren.

Es entstand somit eine "to do" Liste, die ich Schritt für Schritt bearbeitete und vorbereitete und, die es jetzt gilt, umzusetzen, sowie Prozesse abzuschließen, die ich letzten Sommer begann jedoch mit deren Beginn damals noch nicht wusste, wohin sie führen würden.

Im letzten Sommer stellte sich für mich heraus, dass zwar immer die Kinder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit für mich stehen werden, dass jedoch, um genau das zu gewährleisten, die nannies in meinen Fokus rücken müssen. Fazit für mich war : die nannies brauchen Supervision. Ich beschloß deshalb, einen Workshop für sie zu erstellen, um mit ihnen Konzepte zu erarbeiten, die für sie praktikabel sind und ihr Selbstbewusstsein steigern und somit ihre Motivation boosten! Dazu nur 3 keywords : Entwicklungsschritte eines Kindes, Verhaltenspyramide, das Verfassen eines Entwicklungsprotokolles zur Beschreibung eines Kindes.

Die Kinder? Nun, für die Kinder hab ich folgendes zusammengestellt : eine Morgenmeditation, einen reading workshop ("Charly and the chocolate factory"), ein money Seminar, da sie alsbald auch Taschengeld bekommen sollen. Außerdem wünschen sie sich, dass wir nochmals "the stone soup" aufführen sollen - diesem Wunsch komm ich gerne nach :) Am Abend werden wir wieder laufen gehen!

Ein weiteres Projekt soll alle, die Kinder sowie auch die nannies, betreffen : ein intensives Wochenworkshop über Sexualaufklärung, Gewaltprävention sowie HIV-Fakten. Da ich letztes Jahr trocken feststellen musste, dass unsere Kinder größer werden und auch solche Themen auf sie zukommen - Themen  die in der Schule nicht bzw viel zu wenig behandelt werden- hielt ich es für eine ganz wichtige Aufgabe, in unseren Vorstandsmeeting diese Maßnahme durchzusetzen ; und es gelang!:) Ein Experten-Team, das unser Vorstandsmitglied Lilo aussuchte, wird aus Nairobi dieses mir sehr wichtige Thema aufgreifen und professionell behandeln. Ich werde das Seminar aufmerksam begleiten und mitdokumentieren.

So sehr mich auch all diese Punkte und Themen das ganze letzte Jahr über beschäftigten, so ließen sie sich doch relativ gut umsetzen und bearbeiten. Die Emotionen jedoch, die ich aus Kenia mitnahm, die Bilder, die sich in mir festgebrannt hatten, . .. Diese Gefühle holten mich in der Nacht ein, ließen mich nicht los, und verfolgten mich.

Welche Bilder ? Nun, da muss ich zurück gehen zum Tag der Abreise, jenen Tag, den ich sowieso gefürchtet hatte, da es nun mal nicht einfach ist, von Kindern, die einem ans Herz gewachsen sind, Abschied zu nehmen. Also : wir trafen uns alle im Pavillon und ich weiß noch, dass ich krampfhaft versuchte, die Stimmung positiv zu halten, was all meine Kraft in Anspruch nahm. Dann kam die Frage, die ich so gescheut hatte : when are you coming back to us? Ich druckste herum und meinte, ich kann es einfach nicht sagen, da ich es nicht weiß  ... Und das stimmte auch. Ich wusste damals nicht, dass ich das kommende Jahr wieder nach Kenia reisen sollte. Die Kinder versuchten mich festzunageln und Andrea, ein 14-jähriger Teenager, stierte in eine Richtung und schwieg zunächst. Vor 7 Jahren war er ein Kind gewesen und ich hatte mit ihm damals viel gemacht (er spielte die Hauptrolle in "the lizard") und wir hatten viel gemeinsam gelacht. In diesem Sommer kam er mir ein wenig reserviert vor, dachte aber, dieses kühle Verhalten sei seiner Pubertät geschuldet.. .
Auf einmal wandte er sein finsteres Gesicht zu mir, seine Augen durchbohrten mich und er sagte mit trotziger, provokanter Stimme , "Or will you come back in 7 years as you did before?!?" Auf einmal kam alles um mich herum zum Stillstand. Wie eingefroren stand ich da, hörte diesen Satz, seine Stimme, sah seinen Gesichtsausdruck - alles wie in einem Vakuum. Ich hörte mich atmen und ich versuchte, die schwüle Hitze so gut wie möglich zu ertragen. Langsam setzte ich zur Verteidigung an, meine Stimme war jedoch zu dünn und zu schaal, um überhaupt glaubwürdig rüber zu kommen :"But you know I had my son and could not come because of the risk of Malaria ..." Andrea unterbrach mich in einem bitteren Ton, der sich tief in mein Herz einschloss :"No, we did NOT know. NOBODY told us. You were here 7 years ago and then you left." Ich stand da - und noch immer kommen mir die Tränen - und sagte das Einzige, was ich dazu sagen konnte und was ich seitdem so sehr in mir fühle :" I am sorry. " Andrea zuckte mit den Schultern, es schien ihn nicht sehr zu beeindrucken mein" SORRY" - wie soll auch ein zweisilbiges Wort eine 7-jährige Verletzung pflastern können.

Es war schwierig, die Haltung zu wahren und die Szene irgendwie abzuschließen. Ich verabschiedete mich, Jenzen hatte meine Koffer schon ins Auto gepackt und wir fuhren los. Auf einmal hörte ich Schreie und ich sah den kleinen 5-jährigen Mumo neben dem Auto laufen. Wir blieben stehen und ich stieg aus. Mumo schlang seine kleinen Arme um mich und zog mich zu sich runter. Tränen spritzten aus seinen Augen und er riss sie weit auf, als er mich flehend anheulte :" you do come back !? You do come back" und ich wusste, dass er nicht meinte, irgendwann oder so, sondern er meinte  heute abend zum Abendessen. Es war zuviel für mich: die Hitze, der Abschied, die Kinder. .. Ich konnte meinen Schmerz nicht mehr zurück halten...wie ein geschlagener Hund stieg ich wieder ins Auto und erst irgendwann im Flugzeug hoch über den Wolken konnte ich mich ein wenig beruhigen - vor allem Ossi zuliebe, der begonnen hatte, sich Sorgen um seine leise weinende Mutter zu machen.

Was glaubte ich eigentlich??? Ich kann genau sagen, was ich glaubte : ich glaubte ein guter Mensch zu sein, der Gutes tut und tun will. Ich glaubte, in meiner westlichen Arroganz, mit meinem überheblichen Wissen, etwas zu bewirken, zu helfen.... Und in Wirklichkeit??? Was sagte mir die blanke Wirklichkeit? Ich hatte eine Verantwortung für kleine Wesen, kleine Kinderherzen übernommen, deren ich nicht gerecht wurde - vielleicht auch nicht konnte und es wahrscheinlich auch nie werde. Ich hatte mich gut gefühlt, meinen Job in Kenia vor 7 Jahren begonnen zu haben, Theater mit ihnen gespielt zu haben, sie unterrichtet zu haben, ihnen Englisch gelehrt zu haben. All das hatte mich mit Stolz erfüllt und dachte ich, mir wäre etwas gelungen.... Ja, auf der Sachebene ganz gewiss, ich kann es aufzählen und beschreiben und wenn ich will, in dieser Selbstgefälligkeit baden.... Ich hatte die emotionale Ebene komplett außer Acht gelassen : ich hatte Kinder emotional berührt; Kinder, die in der Vergangenheit unzählige Male verlassen wurden; Kinder, die Grausames erlebt hatten ; Kinder, die keine Familie haben, bis auf das, was wir ihnen im Amadeus Home bieten können. Und ich war für sie somit Familie geworden. Erst jetzt weiß ich - da ich diese für mich so erschreckende Erfahrung gemacht habe -, welch große Verantwortung ich hier trage.

Man könnte sich natürlich fragen : Warum mach ich das eigentlich, wenn ich dem sowieso nicht gerecht werden kann? Wenn ich sowieso wieder gehen muss, weil es eben nicht anders geht und wieder alle verlassen muss... Ich denke, diese Fragen muss und soll sich ein jeder stellen, der - weil es zur Zeit so "modern" ist - als Voluntär arbeiten will. Es darf keinesfalls geschehen, weil ein Sozialjahr cool ist bzw im Lebenslauf gut aussieht. Nein, das darf es nicht.

In meinem Fall kommen diese Fragen zu spät. Ich bin zu tief verwoben mit den Menschen und Kindern Vorort als dass ich mich jetzt noch der Verantwortung entziehen kann und auch will. Ich habe meine Lektion gelernt : ich bin während des Jahres in Kontakt mit den Kindern geblieben. Briefe kommen leider in Afrika nicht an und Handy haben die Kinder nicht. Aber ich konnte die Briefe über Email schicken, die unser Administrator ausdruckte und den Kindern gab. Sie schrieben mir auch zurück und somit standen wir in einem Dialog. Auch werde ich sie diesen Sommer mehr einbinden und sie auf mein Kommen und Gehen besser vorbereiten.

Aber nun dürfen sie sich sowie auch mein Sohn und ich auf das Kommen freuen!

KARIBU SANA!!!!!
❤️