Was sich zu Beginn als komplette Wildnis mit unüberblickbaren Areal und unüberwindbaren Wegen oder Unwegen präsentiert hat, erklärt sich nun in einer wunderschönen Dorfstruktur, und ich frage mich, wie ich es je habe anders sehen können. Mittlerweile kennen mich viele Leute hier, da ich sehr oft Laufen geh oder ich mache nach dem Unterricht einen Spaziergang. Alle grüßen freundlich und rufen „Jambo! Habari gani?“ (Hallo, wie geht’s?). Hier gibt es ein striktes Begrüßungsritual, das es zu beachten gibt: dem „Hallo“ wird eine persönliche Frage angestellt, wenn man nicht unhöflich erscheinen will. Man antwortet zurück „Mizuri sana“ (Sehr gut.) und erntet ein freundliches „Karibu!“ (Willkommen!), dem man ein „Asante sana!“ (Dankeschön) entgegnet. Das ist sowieso die kürzeste Willkommensfloskel, die jedem, also auch fremden Leuten, dargebracht wird. Bei näheren Bekannten kommt noch ein „Habari za nyumbani?“ (Was gibt es Neues von Zuhause), das man wiederum noch weiter ausbauen kann. Es darf einem also bitte nicht verwundern, wenn Schwarzafrikaner in Wien uns mit einem „Hallo, wie geht’s?“ begegnen: es ist eine direkte Übersetzung aus dem Swaheli.
Jedes Mal, wenn ich aus der gesicherten Welt des Amadeus-Kinderheims hinaustrete, beschleicht mich das ehrfürchtige Gefühl, Teil einer Welt sein zu dürfen, die nicht für Touristen bestimmt ist, die fernab in Hotelkomplexen am Strand wuseln. Die Straße, die sich zunächst so unüberwindlich gezeigt hat, ist in Wahrheit der Hauptzubringer dieser Streusiedlungen. Dazwischen gibt es eine Vielzahl von Abkürzungen, die nicht breiter als ein halber Meter sind und schlicht und ergreifend durch meterhohes Gras und Büschen geht. Man sieht nicht aus und kann sich nur darauf verlassen, dass dieser Weg wieder in eine Straße mündet oder zu einem Haus führt. (Ein bisschen wie das Labyrinth Venedigs, wo man auch nur in engsten Gassen von hohen Häusern umgeben ist und man keine Ahnung hat, ob man 50 oder 500m vom Markusplatz entfernt ist; bloß, dass man hier keine Wegweiser hat und mitten im Busch ist.) Die sogenannte Hauptstraße ist zu Fuß freilich leichter und schneller zu meistern als mit dem Auto, und so spaziere oder laufe ich sehr gerne zum Strand und zurück. Ich laufe 25 Minuten und setze mich kurz an den Strand, um den Wellen zuzuhören und -sehen und dann wieder zurück.
Am Wegrand aber noch häufiger weg von der Hauptstraße und hineingesetzt im Busch tun sich Häuser und kleine Siedlungen auf. Die meisten Häuser hier sind aus Lehm gebaut und haben ein Strohdach. Vor den Häusern spielen eine Menge kleiner Kinder ausgelassen miteinander und erfinden Spiele. Die Frauen waschen das Geschirr in alten Wassercontainer und kehren das Haus und den Vorplatz. Es herrscht Ordnung, Sauberkeit und Übersicht. Je öfter ich spazieren gehe, desto mehr erkenne ich, wie sehr strukturiert hier alles ist. Es tun sich kleine Läden am Wegrand auf, die Obst, Gemüse und andere Nahrungsmittel verkaufen; weiters gibt es eine Werkstätte, die alle möglichen Geräte repariert. Ein kleines Schild lädt ein, einer Gospelgruppe beizutreten, die sich in einem kleinen Häuschen unweit der Straße trifft. Wenn ich ein wenig singen könnte, wär ich schon dabei!
Die Grundkenntnisse der Swahili Sprache öffnen hier natürlich Herz und Tür! Und ich versuche, meine Ohren und Augen offen zu halten, um mehr davon zu inhalieren. Deshalb hab ich es auch gewagt, an einer solchen kleinen Greisslerbude einzukaufen – und es hat prompt geklappt: mit viel Lachen und Körpersprache! Natürlich befürworten die Leute es, wenn man sich für Swahili interessiert. Es ist ja auch fein, denn kann man nicht weiter, spricht man Englisch. Das ist natürlich sehr praktisch!

Da ich um 16h den Unterricht meistens schließe, gehe ich anschließend zumeist laufen, da ich um 17.30h auf jeden Fall unter der Dusche stehen muss, um um 18h pünktlich beim Abendessen zu erscheinen. Und das ist genau richtig, da es um 19h stockdunkel ist. Und in der Dunkelheit hat man draußen nichts mehr verloren. Licht gibt ja bekanntlich Sicherheit und Dunkelheit birgt Böses. Wir in unserer entwickelten Welt haben ja überall den Vorteil von Licht: Straßenlicht, die Geschäfte sind alle hell erleuchtet und die zahlreichen Leuchtreklamen möchte ich gar nicht erwähnen. Wir fühlen uns so sicher, dass wir auch nachts unterwegs sein können; am Wochenende bietet sogar unser öffentliches U-bahnnetz die Möglichkeit, rund um die Uhr durch die Stadt zu flitzen. Witzig, denn genau diesen Rhythmus von Tag und Nacht genieße ich hier sosehr. Gegen 18h wird man Zeuge eines mächtigen Sonnenuntergangs mit prächtigen, spektakulären Farben dessen Schilderung man nicht gerecht werden kann: einzigartig! Wenn es um 19h dunkel ist, ziehe ich mich gerade von unserem gemeinsamen Abendmahl in mein Apartment zurück, schreibe e-mails, bereite den kommenden Unterricht vor oder schreibe an meinem Reiseblog. Nach zwei Stunden umhüllt von Dunkelheit (ich habe schon Licht in meinem Apartment, aber ich benütze es wenig) kommt es einem vor, als wäre man schon ewig auf und man geht gern schlafen.
Da ich mit einigen Kindern den Unterricht am Strand abhalte – ja, bitte, zerplatzt nicht vor Neid! -, werde ich auch dazu angehalten, mit dem Auto zu fahren. Wie die meisten exbritischen Kolonien gibt es hier Linksverkehr. Auf der Landstraße, die sie hier „highway“ nennen, kann man höchstens 40/50kmh fahren und man hat alle Hände/Augen voll zu tun, um den Löchern auszuweichen. Die Landstraße ist die einzige Straße, die asphaltiert ist und das relativ schleißig. Aber wieder erinnere ich mich dunkel an meine Kindheit in Sieggraben, als nur die Landstraße asphaltiert war und es immer hieß: „Hoffentlich bekommen wir bald eine Straße.“ was eigentlich heißen sollte: „Hoffentlich wird die Straße zu unserer Siedlung auch bald asphaltiert.“. Also liegt in Wahrheit die Zeit der unwegsamen Straßen in Österreich auch gar nicht so weit zurück. Ich mag mittlerweile die holprige, unebene Straße hier: man lernt wieder die Füße bewusst einzusetzen, die Beine zu heben und zu schauen, wohin man steigt. In unserer mit Lineal und Zirkel gebauten Welt, schlapfen wir ja oft daher…
Wenn ich gegen 16h in der Gegend herum laufe, dann sehe ich die Schulkinder in Scharen nach Hause traben – und man traut seinen Augen kaum: sie schaffen es ganz ohne Handy! Unsere österreichischen Schulkinder sind ja mittlerweile so unselbständig, dass sie ständig am Handy geleitet werden müssen – traurig! Nein, diese Kinder gehen - und ich betone gehen, da bei uns in Österreich ja die meisten Kinder nach 5 Minuten k.o. sind und zu faul sind, ihren Körper fortzubewegen und deshalb ständig in Auto herumchauffiert werden – lachend nach Hause. Überhaupt, Kenia ist ein Land ohne Kinderwägen. Sobald Kinder laufen können, und das können sie hier noch bevor sie das erste Lebensjahr beschließen, werden sie nicht mehr getragen. Bei uns sieht man 5-Jährige heulen, wenn sie nicht sofort durchsetzen können, am Arm der Eltern herumgetragen zu werden. Ich habe einmal die süße Anna (2) aufgehoben, da sie die Arme zu mir gestreckt hat. Als ich sie wieder auf den Boden stellen wollte, fing sie an zu weinen. Die Obernanny Margret, eine typische big mamma, die hier das Sagen hat und an dessen Busen alle Kinder gedrückt und pädagogisch sehr vorbildlich genährt werden, hat mich tadelnd angesehen, den Kopf geschüttelt und gemeint: „Christina, so wirst du mit deinem Kind keine Freude haben; Gott hat ihr Beine geschenkt, die sie verwenden soll. Wenn du ihr sie entziehst, so wird sie den Boden unter den Füßen verlieren!“ Wie Recht sie doch hat!
Ich hatte auch das Vergnügen, den Bürgermeister dieser Gemeinde mit seiner Frau kennenzulernen. Sie wohnen ganz in der Nähe und ich komme immer an seinem Haus vorbei. Ich habe mich schon längst daran gewöhnt, dass Hendln und Ziegen immer rum sind. Es ist hier Brauch, dass man vorgestellt wird und der Gastgeber dem Gast etwas anbietet. Zu diesem Zweck wird einem ein Stuhl angeboten. So schnell konnte ich gar nicht schauen und am Platz vor seiner Hütte standen schon Stühle und ich setzte mich, wurde ständig von einer Ziege angestupst und war schon verwickelt in einem Gespräch in Swahili zunächst und dann gebrochenes Englisch. Er ist ein älterer Mann, der sehr besonnen wirkt und ein strahlendes Lächeln gezeigt hat, als ich um ein paar Sätze auf Swahili rang. Er hatte zuvor draußen unter seinem Vordach gebügelt und ich sah, wie sorgfältig er das machte (ich könnte es nicht besser!) und er das Hemd auch vorbildlichst zusammenlegte. Ich habe noch keinen Mann in Österreich gesehen, der ihm da das Wasser reichen könnte (Sabine, bitte sag Rene, dass er natürlich die Ausnahme ist!) – ganz zu schweigen, dass ein Bürgermeister in Österreich vor seinem Haus – sprich coram publicum – seine Kleidung bügeln würde. Das Bügeleisen muss ein solches sein, von dem meine Mutter mir erzählt hat: es schaut sehr schwer aus und wird an einer Feuerstelle heiß gemacht. Seine Frau saß nebenbei und flochte einen Korb. Nach zirka 5 Minuten verabschiedeten wir einander und ich bekam eine Mango geschenkt. Die ließ ich mir am nächsten Tag zum Frühstück schmecken!
Oft sehe ich den Bürgermeister auf seinem klapprigen Fahrrad unterwegs und wenn er mich sieht, lacht er, denn er weiß, dass ich gerne mein Swahili ausprobiere. Das letzte Mal, als ich ihm laufend traf, fragte er mich nach dem Begrüßungsritual:“Una kimbia wapi?“ (Wohin läufst du?) und ich konnte nicht nur so neben dem Laufen spontan verstehen, sondern hatte auch schlagfertig die Antwort parat: „Baharini.“ (Zum Strand.) Von diesem kleinen Mini-dialog, so spontan und überraschend geführt, zehrte ich stolz bis ich wieder von meinem Auslauf zurück war. Und so lege ich mich dann gemütlich auf die Terrasse vor meinem Haus und genieße den farbenprächtigen Sonnenuntergang – wohlig müde von den natürlich belassenen Wegen, so ganz ohne Lineal konstruiert: Hundertwasser hätte sich hier sehr wohl gefühlt!