Montag, 23. Juli 2018

Mzungu und die Pferdehaare


Als Weißer wird man erst weiß in einer schwarzen Gesellschaft. Ich sehe mich ja selbst nicht, aber ich sehe, dass ich als mzungu (weißer Mensch) wahrgenommen werde. "Weiß" bedeutet "man hat etwas": ganz egal, ob das Geld ist, Besitz von Haus und/oder Dingen wie Handy, Computer oder Gewand. 
Auch wenn man nichts oder wenig als Weißer hat, so ist es trotzdem immer so, dass der Schwarze dem Weißen die Armut nicht abnimmt. Weiß heißt also immer reich, und meistens stimmt es auch - im monetären Bereich. Reich bedeutet für mich, man besitzt mehr als man wahrhaftig zum Überleben braucht. Somit kenne ich in meinem Freundeskreis niemanden, der arm ist. 

Am weißen Strand wird mit den Weißen Geschäfte gemacht. Alles, das man nicht unbedingt braucht, aber schön aussieht, wird von den Schwarzen verkauft - zu durchwegs fast europäischen Preisen, in jeder x-beliebigen Sprache, die sie dir an der Nase ansehen: von Tiroler Akzent bis zum Schweizer Dütsch .. Alles können sie, um Geld zu verdienen. Wenn man vergleicht, wie angefressen das Salzburger Personal auf Touristen gegen Ende der Hochsaison ist, so kann man hier nur feststellen : von angefressen keine Rede, sondern eher unglaublich aufdringlich.

Das einzige Leo sind europäisch betriebene Strandbars, die von den Strandgeschäftemacher nicht betreten werden dürfen. Dafür knöpfen sie dir dann dort das Geld ab  ... 
Sobald ich also den Strand betrete, lass ich mir etwas einfallen, das ich nicht unbedingt brauche, aber trotzdem genießen kann: zb eine Kokosnuss, die ich gerne austrinke und bezahle. Also, win - win : er macht ein Geschäft, ich trinke, was ich in Wien so nicht kriege und fördere lokales Business... Ganz nach local sustainability 🤔
Wenn ich gar nicht mehr weiter weiß, so weiß Ossi, wie mit der Situation umzugehen ist : er brüllt dem schwarzen Verkäufer ins Gesicht "hakuna pesa" (kein Geld). Da kehrte der Geschäftemacher sofort um. Als ich begann, meinem Sohn einen Sermon darüber zu halten, was Höflichkeit und so angeht, unterbrach Ossi mich :"Mama, du scheinst nicht zu verstehen, dass er es anders nicht versteht!" Ich beschloss daraufhin den Mund zu halten und es so stehen zu lassen... Die Wirkung war ja sehr wohl erfolgreich, die Art und Weise gefiel mir nur nicht. Ossi hingegen sah da kein Problem.



Das bringt mich zu Ossis Sichtweise in dieser Welt, die ja zu Hälfte seine ist. Ja, ich weiß es nicht : ist es, dass Kinder sich mit fremden Umgebungen an und für sich leichter tun, da sie offener und unvoreingenommen sind,  oder ist es sehr wohl sein afrikanisches Gen, das ihn hier so unbeschwert und leichtfüßig durch das hiesige Leben gehen lässt. Wer weiß...
Wenn er mit Armut konfrontiert ist, lässt er keine Vergleiche zu und meint recht trocken "das ist hier eben so" . Wenn wir mit dem Auto durch den Busch fahren,  wo es keine Straßen gibt, da dort auch keine Autobesitzer wohnen (einmal ertappte ich mich, dass ich bei einer Richtungsänderung blinken wollte,...zawos!), so fühle ich mich schuldig, Zugang zu einem Auto zu haben, und stelle mir vor, wie die Leute über uns wohl reden : die wazungu mit magari. Ossi wiederum meckert neben mir, er würde viel lieber sofort aus dem Auto aussteigen und mit den Kindern im Dreck spielen. .  Ja, eh ..

Kinderaufzucht im allgemeinen ist hier unkomplizierter. Windeln gibt es nicht. Wie bei uns vor 50 Jahren machen Babys in Stofftüchern, desinfiziert wird mit Erde. So, soviel zum Thema Wickeln. Schnuller gibt es nicht. Süßigkeiten auch nicht. Und witzig, seit unserer Ankunft hier, habe ich noch kein einziges Mal von Ossi gehört :"Mama, hast du ein Zuckerl? " Kinderwagen gibt es natürlich auch nicht. Sobald ein Kind laufen kann, lauft es. Bis dahin wird es am Rücken der Mutter oder der älteren Geschwister getragen. Eine nanny erzählte mir stolz über ihr Neugeborenes. Es ist ihr drittes Kind, und nicht ihr Letztes. Sie schaute mich strahlend an und meinte "Ich brauche Hilfe zu Hause." Ich nickte verständnisvoll und meinte, wer ihr denn jetzt mit dem Baby hilft. Sie sah mich verwirrt an "na ihre Kinder ( 3 und 5 Jahre alt), deswegen hat sie ja Kinder!" Nun,  da sieht man wieder,  wie anders man die Dinge sehen kann. Bei uns sind Kinder zumeist eine Art von Verwirklichung der Eltern, eine Lebensentscheidung, schließlich hat man eine Vorstellung von seinem heiligen Ei. Da nehme ich mich selbstverständlich nicht aus! Hier hat man Kinder, um den Fortbestand der Familie zu sichern. Eines ist aber gleich : Mütter hier sowie auch daheim schauen gleich stolz, wenn sie von ihrem Kind /Kindern erzählen.

Auf jeden Fall, liebt Ossi die Menschen hier,  hübsche Mädchen ganz besonders. Hier fuhren wir mit Lydia im tuktuk zu einer Abendveranstaltung : beachband. Das tuktuk fährt über Wege, die,  wie man meint, nur auf eine Müllhalde führen können : ein Gatsch, Gerümpel, Ziegen, Hendeln und vieles mehr. Man steigt dann irgendwo im Dunkeln aus, sucht im Gatsch stehend das Geld und fragt sich, was da jetzt sein kann..  Und dann der stechende Geruch von verkohlter Alufolie und Abgasen (nix Kat). Aber viele lachende Menschen und gute Stimmung !!




Auf jeden Fall habe ich mir Mühe gegeben, nicht als mzungu rüber zu kommen. Denn ein mzungu ist nur dann ein richtiger mzungu mit seinen typischen Haaren, die hier mit Pferdehaaren verglichen werden. Somit bin ich mit den Rasterzöpfen ein wenig aus der mzungu Spur....


Morgen habe ich um 9h einen Termin mit der Direktorin der Schule, die unsere Kinder besuchen ... Bericht folgt! 😀