Wenn man an Afrika denkt, dann denken viele an Armut, Hunger, Korruption, Krankheiten und Mißstände. Ja, das alles gibt es hier. Es gibt aber auch ein anderes Afrika, ein Afrika, das endlich ebenbürtig gesehen werden sollte; ein Afrika, das sich verdient, gleichberechtigt behandelt zu werden und ernst zu nehmen. Ich sehe hier Kenia, ein Schwellenland, das mit vielen Problemen kämpft, so wie wir in Europa mit vielen Problemen konfrontiert sind.
ad Dienstleistung: Kenia mag noch nicht so firm wie wir sein im terziären Sektor. Und trotzdem nehme ich hier den Servicebereich auch auf niedrigster Ebene sehr positiv war. Ich habe mir hier eine Bluetooth - Verstärkerbox gekauft (um das Lied "Jerusalema" mit unseren Kindern gut proben zu können). Beim Ausprobieren dann Vorort funktionierte der Lautstärkerregler nicht einwandfrei. Ich brachte das Gerät zurück und bekam nicht nur ein Neues sondern eine bessere Marke, das eigentlich teurer war, was aber nicht verrechnet wurde. Wenn ich mich da in Wien an meinen Handykauf erinnere, wo das Handy schon nach dem Auspacken nicht ordentlich funktionierte, ärgere ich mich immer noch: 3 Mal musste es eingeschickt werden und noch immer wollten sie es nicht austauschen. Mutmaßungen, wie "das haben wahrscheinlich Sie ruiniert", musste ich mir gefallen lassen. Schlussendlich brauchte es anwaltliche Schritte bis ich mein neues Handy bekam - soviel zur Handhabe von Gewährleistung bei uns. Auch einige Wiener Kaffeehäuser könnten an ihrer Bedienungsfreundlichkeit arbeiten (da muss ich nicht weiter ins Detail gehen; ihr wisst, was ich meine... Die Unfreundlichkeit der Wiener Kellner/innen sind über die Grenzen hinaus bekannt.) Auch in Salzburg kann ich mich erinnern, daß mir die Bedienung dort erklärt, dass sie touristenmüde sind... Aber das wäre doch eigentlich ihr Job. Also, hier in Kenia ist man von Freundlichkeit umgeben, ob das im Restaurant ist, im Safari Business oder in herkömmlichen Geschäften.
Ad Diebstähle: ja, es wird hier gestohlen. Es wird aber auch in Wien gestohlen. Ossi und mir wurde schon so Einiges in Wien gestohlen und die Polizei kann es auch nur aufnehmen, sind dem Kleinverbrechen aber in keinster Weise gewachsen. Diebstahl hat natürlich auch etwas mit Armut zu tun. Hier versteh ich das Stehlen noch eher: wenn man nichts hat und man sieht, dass andere so viel haben, dann ist die Versuchung hoch. Und hier in Kenia gibt es nun einmal keine etablierte Mittelschicht. Menschen, die in Wellblachhütten im Schlamm/Erdboden leben, ohne Arbeit, ohne Perspektive, dann radikalisiert man sich eher - keine Frage: unrechtmäßiges Verhalten, dennoch irgendwie nachvollziehbar. Am Weg (ist nicht wirklich wegsam) zum Kinderheim fahre ich durch den kenianischen Busch und das Auto hat alle Mühe diese Schlammwege und Ruppelpisten zu durchqueren. Da sehe ich auch die Leute, wie sie leben.... waschen, kochen, arbeiten im kleinen Beet mit nichts wirklich zu ernten, Wasser heranschleppen, Kinder, die im Dreck spielen.... Und dann sehen sie mich: gewaschen, angezogen, im Auto fahrend, in der Handtasche Geld, Handy, Tablet. Was werden sie sich wohl denken? Wie müssen sie sich fühlen?
Als wir in Wien mit der Flüchtlingswelle konfrontiert waren, war ich schockiert, ein paar Wiener/innen mit ihren Pelzmäntel und Hüten spazieren zu sehen, wo die Armut von traumatisierten Kriegsflüchtlingen ihnen ins Gesicht schrie. Kurzum, es macht keinen Spaß vermögend zu sein, wenn man umgeben von Unglück ist. Außerdem wird man zum Gefangenen seiner eigenen Habe: denn um sein eigenes Vermögen zu schützen, muss man es sichern, entweder durch Alarmanlagen oder seiner eigenen ständigen Präsenz. Ich kann zum Beispiel nicht ins Meer gehen, wenn ich nicht jemanden mithabe, der auf meine persönlichen Sachen aufpasst. Nun steht man da an einem der schönsten Strände der Welt in Kenia und kann nicht ins tiefblaue, wunderschön glitzerndes Meer springen, weil sie dir deine Badetasche und die trockene Unterhose entreißen. Tja, eine gute Basis in einer Form von zufriedenen Mittelschicht ist der Schlüssel zum Glück des Einzelnen. Warum das hier nicht so leicht möglich ist? Das ist mein nächster Punkt:
ad Korruption: natürlich ist das das Grundübel. Und das Rezept, Korruption zu besiegen, mag auf internationaler und nationaler Ebene pathetisch und unrealistisch klingen, auf individueller Ebene klingt das bei Asha (12), eines meiner Mädchen im Kinderheim, so: "Our president now is not good. He is only interested in his own wealth and his family. But next elections we all must go and elect a better one, one that is fair and wants to do good." Aber um das sagen zu können, zeigt schon, dass sich Asha mit ihren Grundrechten auseinander gesetzt hat und von ihrem Recht Gebrauch machen wird. Dass faire Politik leider nicht so einfach umzusetzen ist und Korruption viel tiefer geht, als es einfach wegzuwählen, wird Asha schon bald erkennen müssen. Aber sie ist im Prozess schon involviert und das ist, worum es geht - um politisches Denken und Bewusstsein. Und was Korruption bedeutet, sehen wir in Österreich, in Zeiten dieser Bubenregierung, sehr klar - und das obwohl wir zu der sogenannten 1. Welt gehören. Also, auch in diesem Punkt versuchen wir mit Afrika auf Augenhöhe zu kommen... Gar nicht gut.
ad Gewalt: häusliche Gewalt ist in Kenya, vor allem was Kindererziehung anbelangt, weit verbreitet. Die "gesunde Watschn" wurde ja auch bei uns in Österreich lange Zeit bagatellisiert. Hier in Kenia verwendet man oft auch einen Gartenschlauch, einen Stecken oder einen Stab. Das ist in unserem Kinderheim natürlich verboten. Man muss nur immer genau hinsehen und aufpassen, dass diese Werte nicht kippen und vernachlässigt werden. Das ist zumeist ein mühsamer Prozess, aber absolut notwendig. Auch in Österreich haben wir akuten Handlungsbedarf: wir haben in der letzten Zeit einen traurigen Höchststand an Frauenmorden erfahren - Corona hat viele Mißstände in Europa aufgezeigt; häusliche Gewalt mit desaströsen Frauenmorden in Österreich ist einer davon. Nein, es wäre ignorant und anmaßend, würden wir es wagen, auf Afrika mit Fingern zu zeigen.
Ossi sieht diese unfassbar schöne Natur hier, die Sonnenuntergänge des irrsinnig großen orangenen Balls, unseren riesengroßen Garten im Kinderheim mit den Hasen und Ziegen (und deren Babies: wir haben 2 Babyhasen und eine frisch geborene Ziege namens Sheila), die vielen Kinder, die schon seit Jahren seine Freunde und Freundinnen geworden sind. Er möchte nicht nach Wien in die Stadt voller Beton (wie er sagt), in unsere kleine Wohnung, wo niemand ist außer er und ich,... wo es keine pikipiki oder tuktuk gibt und überhaupt, wo alles so kompliziert ist...
Ich gebe es offen zu. Ich bin Europäerin und vermisse sehr wohl die europäischen Strukturen und vor allem Kultur. Doch, wie Ossi für sich richtig erkennt, wenn man die Natur und weniger die Kultur in Form von Theater, Musik etc sucht, dann ist man hier schon richtig. Etwas genieße ich hier wirklich sehr, und das ist das Wetter: moderate Temperaturen bis zu 28 Grad, eine kleine Brise - man ist immer in kurzen Hosen und T-Shirt unterwegs ohne zu schwitzen oder zu frieren, und das von früh bis spät. Einfach herrlich!!
Und so ziehen meine Gedanken über Afrika an mir vorbei, während an meinem Nebentisch junge Kenianer/innen mitten am Tag mit einer Bacardiflasche vom Feinsten feiern und ich denke mir, super, da sieht man ja, es geht doch auch vielen gut und die machen heute mal auf einen drauf... Warum nicht. Zeigt, dass auch Komatrinken in Kenia angekommen ist und Alkohol kostet ja auch, also auch das Saufen muss man sich leisten können. Und schon glaubt man, man könnte auch in Europa gerade sein. Und dann geh ich zum Auto und fahre ein Stück und muss halten, weil die Polizei mit geladenen Schießgewehren eine Truppe von Häftlingen (in schwarz weiß gekleideter Uniform - wie im Bilderbuch) mit Ketten an den Füßen vor sich über die Straße treibt. Und auf einmal fühle ich mich doch wieder in einem Afrika, meilenweit entfernt von Europa..... (Sorry, dass ich kein Foto hiervon zeigen kann, aber das konnte ich nun wirklich nicht: eine reiche mzungu-paparazzi auf Jagd nach einem Schnappschuss vom Gefangenenmarsch)




