Sonntag, 18. Juli 2021

The grand scheme of things....?!?


Ossi and ich mögen vielleicht regelmäßige Kenia-Besucher sein, aber es wäre schlichtweg falsch zu sagen, wir sind hier bekannte Gesichter, die jeder kennt... Obwohl, wenn ich so die letzten Tage Revue passieren lasse, dann bin ich durchwegs überrascht...

Am Weg zum Supermarkt laufen wir doch glatt unserer Schneiderin, Fatima, über den Weg, die wir das letzte Mal vor 2 Jahren gesehen haben. Da sie ihr Geschäft normalerweise am Strand betreibt, war ich überrascht, sie in der anderen Seite von Ukunda zu sehen. Sie erklärte mir, sie musste ihr Geschäft übersiedeln - der Arbeitsaufwand ist überschaubar. Ihr Geschäft besteht aus 4 großen Stecken und einigen Welldachbrettern. Sonst wurden an einer Holzleiter 10 Stoffe zur Schau gestellt. Ich hatte sowieso vor, sie aufzusuchen, da Ossi sein jährliches kenianisches Outfit bei ihr bestellt. Und so war es auch. Nach freudigen Wiedersehensumarmungen ging es ans Maßnehmen und bestellen. Nach 2 Tagen war alles wieder fertig : 2 Hosen, 1 Shorts, 2 T-shirts und 1 Hemd für den jungen Mann. Alles zu erschwinglichen Preisen (trotz des mzungu - Aufschlags). Corona hat das Geschäft total zu erliegen gebracht - umso mehr ein gutes Gefühl, die lokalen Arbeiter und Arbeiterinnen zu unterstützen. Was ich insgesamt nicht verstehe, warum es nicht schon längst eine afrikanische Mode-Kette in Europa gibt (wie desigual oder so) - die Mode hier und all diese Stoffe sind ein wahrer Hit und schauen einfach großartig aus!! 

Danach fuhren wir mit dem tuktuk weiter zu einem Handy-Geschäft (safaricom heißt das hier), da ich eine sim Karte benötigte. Das war in Null-Komma-Nix erledigt. Ossi stößt mich an und raunt mir zu:" Mama, ist die Frau hinter dir nicht die Besitzerin von KFI?" Ich traute meinen Augen nicht, Ossi hatte recht. Diese ältere Frau (ich erfuhr später, dass ihr Mann erst vor wenigen Monaten gestorben war) ist die Chefin von einem großen Stoff- sowie Schneidereigeschäft. Ich habe dort mal ein paar Polsterüberzüge gekauft und einige Freundinnen hier gehen zu ihr regelmäßig, um Stoffe zu kaufen und nähen zu lassen. Ich bin immer sehr beeindruckt, wenn ich dort bin und sie auf einer großen Poltrona sitzen sehe. Mit ihren Augen ist sie überall, hat alles in Visier, strahlt trotzdem eine Ruhe aus, damit der customer sich wohl fühlt. Ihre Angestellten sind alles Männer, die um sie herum tanzen und alles wortgetreu ausführen, was sie mit einer lieblichen, dennoch bestimmten Stimme sagt. Und man merkt ganz genau, dass sie die Hosen anhat. Ich gebe zu, mir gefällt das schon - so ein wenig "verkehrte Welt" zu sehen - ich weiß schon, dass in Europa an Gleichberechtigung gearbeitet wird, aber, wie wir alle wissen, sind wir nicht sehr weit....und auch, wenn ich in unserer Zukunft, Männer nicht unterwürfig sondern gleichberechtigt sehen will, so gefällt es mir doch zugegebenermaßen einmal nicht die Frauen mit Kaffeetassen rennen sehen, sondern Männer, die nach einem geprüften Blick der Chefin mit einer Tasse Kaffee angelaufen kommen. 

Tja, und was darf natürlich in den ersten Tagen in Kenya nicht fehlen? Sehr richtig: mein obligater Friseurtermin. Ein Geheimnis hab ich hier noch nicht gelüftet... Meine lokale Friseurin hier hat meinen WhatsApp Kontakt und schreibt mir ab und an, vor allem um zu fragen, wann ich wieder komme. Seit 2 Jahren also wartet sie auf meinen Friseurtermin. 2 Tage vor meiner Abreise schrieb sie mir und ich konnte ihr endlich freudig sagen, ich kann kommenden Freitag kommen. Sie sagt, sie kann es kaum erwarten und ich soll sie davor anrufen, damit sie mir den Weg ansagen kann, denn auch sie hat ihr Geschäft verlegt. Dann rufe ich sie an und was muss sie mir sagen?: sie musste nach Nairobi. Es tut ihr leid.... Ja, das kann natürlich auch sein - Notfälle gibt es immer. Aber dass sie keine Freundin hat, die den Job für sie übernimmt und wenn sie "bloß" die Hälfte somit verdient, ist es ein Super-Geschäft für sie. Nun, so hat sie mich für dieses Jahr verloren und ich ging zu einem anderen Friseur : the royal saloon. Ich wurde hervorragend bedient, fühlte mich sehr wohl. Pediküre gab es auch gleich obendrauf. Die Chefin erzählt mir, sie hat 6 Angestellte und betreibt das Geschäft seit 20 Jahren. Und das sieht man: sie hat Stammkunden und ihr Geschäft ist voll. Neben mir sitzt eine weitere Kundin. Sie will ihre afrikanischen Haare glatt haben. So sitzen wir nebeneinander und sehen einander zu, wie sich unsere Haare gegensätzlich verändern: ihre Haare werden mit aller Gewalt europäisch (mit Glätteisen und Feuerzange) geformt und meine Haare werden mit aller Gewalt afrikanisch geformt - jeder Quadratzentimeter wird verknüpft mit falschen Haarteilen und wird geflochten, dann in kochendes Wasser gehalten, um es lockig zu kriegen... Eine Prozedur, die 4 Stunden dauert und starke Kopfschmerzen hervorruft. Ja, was tut man nicht alles, um sich hübsch zu fühlen... Am Ende der Qualen stehen wir beide auf und schauen uns an: meine Nachbarin schaut so aus wie ich vor 4 Stunden und ich wie sie zuvor. Es ist nun mal immer so: man will immer das haben, was man nicht haben kann... 

Aber inmitten dieser Prozedur passiert das Unwahrscheinliche: eine ältere Frau mit einem Kübel gekochten Maiskolben am Kopf kommt herein und bietet diesen Snack an. Ich schau sie an und ich glaube, mich laust der Affe: das ist doch Rose, die vor 11 Jahren bei uns im Amadeus gearbeitet hat. Sie war einer der fleißigsten Mitarbeiterinnen, die alle Wände gestrichen hat sowie alle Fenster geschmirgelt hat. Also eine Frau, der ersten Stunde des Amadeus children's home. Sie kümmerte sich rührend um unsere Babys (Obama, Allen, Amy - waren damals unsere Babys) und sang ihnen swahili Songs, wenn sie nicht schlafen konnten. Sie selbst konnte keine Kinder bekommen und wurde deshalb von 3 Männern verlassen - in Kenia ist das Kinderkriegen eine Voraussetzung für eine Beziehung. Rose war also überglücklich einen Job bei uns zu haben und sich um Kinder zu kümmern, die sie selbst nicht haben konnte. Nur leider konnte sie kein Wort Englisch und das wurde immer wichtiger bei uns im Amadeus, da die nannies den Kindern bei den Hausaufgaben helfen sollten. Und so wurde sie schlussendlich nicht mehr bei uns beschäftigt. 

Zunächst erkannte sie mich gar nicht. Sie ist schon älter und ihre Augen sind nicht mehr so gut. Außerdem ist es 11 Jahre her, dass ich sie das letzte Mal gesehen habe. Aber als ich "Amadeus children's home" erwähnte, viel der Groschen und wir umarmten uns und hielten uns lange gedrückt. Wir beide hatten Tränen in den Augen. Ich fragte sie, ob sie die Kinder wieder sehen wollte und sie wollte natürlich. Heute am Nachmittag wird sie zu uns kommen ins Amadeus; das Geld für den Transport habe ich ihr gegeben. Was für ein Zufall... Rose wiederzusehen.... Und überhaupt, all diesen Menschen wieder über den Weg, rein zufällig, zu laufen, stimmte mich nachdenklich und natürlich auch glücklich!!! 

So, nun schau ich wieder ziemlich afrikanisch aus: mit den Haaren und kikoi und so... Auch das soll ja schon anmaßend sein: sich als Europäer auf afrikanisch zu geben. Die politische Korrektheit macht keinen Halt: jede Kultur ist zwar gleichberechtigt, aber man darf sie nicht nachahmen. Als ich mit Ossi unlängst mit Freunden unterwegs war, fragte mich ein Opa von Ossis Schulfreundin, "Woher kommt dein Sohn?" Ihr Papa daneben schreit seinen Vater verschämt an, "das ist diskriminierend, das kannst Du doch so nicht sagen... Das ist ja unglaublich, sowas würdest Du zu einem weißen Kind nie sagen!" "Eh nicht", erwiderte der Großvater, "Schwarze gibt es hier nun einmal in unseren Breiten nicht. Ergo, hat Ossi einen anderen geografischen Einfluss." Und wie recht er hat. Ich nenne es nicht Diskriminierung, ich nenne es Interesse... Denn wenn man nicht mal mehr fragen darf, woher man kommt, dann wird es fad. Dann muss man ja davon ausgehen, dass alle - wie auch immer exotisch oder" anders" man aussieht, keine interessante Geschichte haben. Und Ossi hat eine - und er erzählt sie gerne: er ist eine Wiener Melange gemixt mit köstlichen afrikanischen Gewürzen!!