Und so ging auch dieser Aufenthalt zu Ende und die Abreise stand bevor. So schöne, berührende Momente darf ich mit nach Hause nehmen, so viele unterschiedliche Menschen habe ich kennenlernen dürfen, so viele lustige und abenteuerliche Geschichten durften mir wiederfahren... All das nährt meine Seele und macht mich sehr zufrieden.
Da in diesem Jahr auch Freunde mit waren, wurde es mir noch viel mehr bewusst, wie sehr verwurzelt ich schon in Ukunda bin, wieviele Leute ich schon kenne, was ich Vorort alles weiß und auch wieviel Swahili ich schon kann. Ich kenne die Wege, die man ohne Vorkenntnisse nicht kennen kann, ich kenne auch einige Menschen, die am Weg leben und kann sie grüßen, wenn ich vorbei fahre. Kurzum, Ukunda und vor allem Amadeus ist für mich ein zweites Zuhause.
Die Kinder waren glücklich - und das ist die Hauptsache: Yoga, Laufen, Lesen, Drama, Physio-Checkups, Rugby, Fußball, Quatschen...sowie unsere "Happy-Together" Party, als Miriam, Chimera und Asha auch nach Hause für das Wochenende durften... - all das kreierte eine harmonische Atmosphäre mit viel Lachen und wunderschönen Momenten! Allen, Amy und Obama verbrachten mit mir einen Nachmittag allein; sie sind Findelkinder und haben keine Verwandte, wo sie - wie alle anderen - einmal pro Jahr auf Besuch fahren können. Deshalb verbringe ich mit ihnen exklusiv einen Tag und verwöhne sie mit Aufmerksamkeit. Da an diesem Nachmittag gerade Flut war, konnten wir nicht ins Meer. Der indische Ozean spasst nämlich nicht mit seinen Gezeiten: wer hier lebt, kennt den Unterschied zwischen Ozean und Meer... Der Ozean hier ist eine Urgewalt und lädt nicht immer zum Schwimmen ein. Auf jeden Fall verbrachten wir den Nachmittag gemütlich im Swimming Pool, gingen dann in ein Restaurant essen und zum Abschluß durften sich die Kinder noch Gewand in einem schmucken Geschäft - wo sonst nur Weiße hingehen - aussuchen!
Abschließend führte ich mit Matron noch getrennte Gespräche mit den Mädels und mit den Jungs. Es wären ja keine Kinder, wenn es nicht auch Verhaltensauffälligkeiten gäbe... Ein paar Jungs schalten auf taub, wenn es um Küchen- und Wäschedienst geht - hier hakte ich dann nochmal nach. Ein paar Mädels hängen vor dem Computer herum, obwohl sie noch nicht die Hausaufgaben fertig haben - auch da hakte ich nochmal nach. Aber das Ganze hält sich ziemlich in Grenzen. Trotzdem, Giulio und ich haben den Kindern neue Uhren gekauft und sie der Matron übergeben mit folgender Auflage für die Kinder: die Matron bestimmt, wer wann die Uhr bekommt. Sobald die Kinder sich verlässlich zeigen, ihre Hausaufgaben ordentlich erledigen und auch beim Haushalt mithelfen, bekommen ihre Uhren sofort. Wir hoffen, hier einen Anreiz geschafft zu haben!
Giulio bekam viele berührende Briefe von den Kindern - sie haben ihn sehr ins Herz geschlossen: "Bitte komm bald wieder; wir lieben dich! Danke, dass du für uns da warst!!" - so lesen sich diese Notizen, die auch Giulio sehr berühren und ihn nachdenklich stimmen, ob er sich nicht auch nächsten Juli für die Kinder wieder Zeit nimmt. Ich erinnere mich, als ich solche Briefe von den Kindern bekam... Das war am Beginn meiner Zeit im Amadeus. Ich bin stolz, nicht mehr solche Briefe zu bekommen; denn sie zeigen eines ganz klar: ich bin eine fixe Bezugsperson; die Kinder wissen, ich komme jedes Jahr - sie könnnen sich hundertprozentig auf mich verlassen. In der Psychologie beschreibt man dieser Vertrauensprozess als Seilschaftsphase: wenn Kinder in eine andere Obhut gelangen und somit neue Bezugspersonen bekommen, so dauert es lange, bis die Kinder ihre Scheu ablegen und sich trauen, auch frech daheim zu sein. Zu groß ist die Angst, dass sie wieder verlassen werden, wenn sie nicht "brav" sind. Erst wenn sich die Erwachsenen das volle Vertrauen des Kindes oder der Kinder verdient haben, dann trauen die Kinder sich auch authentisch zu zeigen, da sie wissen, dass dieses Seil zwischen ihnen und den Eltern auch bei starker Belastung nie reißen wird. Und so ist es auch bei meinen Amadeus-Kindern: das Seil zwischen uns wird nie reißen. Ich bin präsent und brauche keine flehenden Bitten, damit ich im Juli wieder komme - ich komme ...so oder so.
Zum Abschied unterschrieben alle Kinder auf Giulios T-Shirt, das nun einen unbeschreiblichen Wert hat und sich stolz in Turin befindet:
Tutaonana July 2023! (See you in July 2023)
