Montag, 11. Juli 2022

Es geht unter die Haut

 Es ist das erste Mal, seit ich nach Kenia komme, dass Freunde von mir hier her kommen. Giulio aus Turin ist zeitgleich mit uns angekommen. Er wohnt mit uns im Waisenhaus und spielt Rugby mit den Kindern, bietet allen (den Kindern, den nannies und den askaris) physikalische Behandlungen an und zeigt sich in jeder Weise einfach nützlich und hilfsbereit. Es hat sich wahrhaftig als praktisch erwiesen, dass wir uns aufteilen können: während er sich mit einem Teil der Kindergruppe beschäftigt, mache ich etwas anderes mit dem Rest der Kinderschar - eine unsagbare Hilfe!     

Einige Tage später kamen meine langjährige Freundin Chiara mit ihrem Partner Paolo und ihrer dreizehnjährigen Tochter Emilie an. Chiara ist gebürtige Italienerin, lebt aber schon lange Zeit mit Emilie in der Schweiz und Paolo ist Italiener. Hier wohnen sie in einem Apartment Resort und kommen aber täglich auf Besuch ins Amadeus, um mit den Kindern zu plaudern und zu erzählen, woher sie kommen, was sie in Italien bzw in der Schweiz machen. Viele Fragen tun sich auf und die Kinder spitzen die Ohren. Sie lieben es, wenn Besuch da ist und sie sich austauschen können.

Umso mehr war es eine große Freude für uns alle, für die Kinder, für meine Gäste, für Giulio, für Ossi und mich, dass wir wirklich einen großen Grund hatten, eine Party im Amadeus zu machen: ja, ihr erratet es schon - meinem Gesuch auf Sonderurlaub für Asha, Chimera und Miriam wurde stattgegeben und sie durften am Freitag für das gesamte Wochenende nach Hause... Eine große Ausnahme! Somit war es klar: Festaaaa!!!! Wir fuhren ins Kokkos und kauften die gesamte Tortenvitrine ein - Tortenstücke für alle Kinder, alle nannies, alle askaris und uns.... Da kam schon was zusammen! Vielen lieben Dank an Chiara, die diese Rechnung übernommen hat!!! 



Freude zu schenken ist das Schönste im Leben: zu sehen, wie die gesamte Amadeus Familie vereint ist, wie sie lachen, scherzen und schmatzen.... Die heitere Atmosphäre, die wunderbare Stimmung mit Snoopy und Teddy, den beiden Hunden, die auch was abbekamen.... Großartig, dabei zu sein und diese Schönheit an Momenten zu inhalieren. Denn in diesen Momenten zeigt es sich, dass Familie nichts mit Blutsverwandtschaft zu tun hat, sondern mit gemeinsamer Geschichte. Ich denke, die Bilder hier zeigen, was ich meine. 

In den restlichen Tagen kam ich natürlich auch meiner Aufgabe nach, mich um die schulischen Leistungen meiner Kinder zu kümmern. Es war ja gerade Zeugnisschluss und deshalb wollte ich unbedingt die Gelegenheit nutzen, mit jedem Kind das Zeugnis zu besprechen, zu analysieren, zu beraten, wo sie sich verschlechtert hatten, wie sie sich verbessern können und was ihnen besonders gut gelungen ist. Die Kinder nehmen diese Beachtung und Wertschätzung mit Freude an. An den Gesprächen erkenne ich, dass sie diese Aufmerksamkeit genießen, da es ernst gemeinte Interesse ist, was ihnen zu kommt und was sie aufsaugen mit voller Inbrunst.

Ich zeige euch hier ein paar Zeugnisse: pro Fach gibt es insgesamt 100 Punkte zu erreichen, alles ab 80 ist schon wirklich sehr gut. Einige Kinder sind sehr gut, andere müssen sich mehr anstrengen. Unsere 16-jährigen gehen ins Internat. Der Umstieg in ein Internat ist meistens recht anstrengend: weit weg von daheim und über viele Wochen dort ist emotional nicht einfach. Die Tage dort sind lang und anstrengend, das Essen ist weniger als bei uns im Amadeus, die Regeln sind hart und jede Klasse hat bis zu 70 Schüler/innen. Deshalb haben einige unsere Teenager einen Leistungsabfall zu verzeichnen. Ich habe ihnen sehr ins Gewissen geredet, damit sie diesem Druck standhalten und nicht aufgeben, sondern einen Biss entwickeln, der ihnen dabei hilft.




Ich beschreibe euch jetzt einen solchen Tagesablauf in einem Internat.

4h - Wachruf

5h bis 6h - Lernstunde

6h bis 6.15h - Frühstück

6.15h bis 6.45h - Vorbereitung auf den Unterricht

6.45 bis 8h - 2 Unterrichtseinheiten zu je 40 Minuten

8h bis 8.45h - assembly : da wird die kenyanische Flagge gehisst und die Nationalhymne gesungen und der Schulleiter spricht zu den Schülern und Schülerinnen

8.45h bis 9.30h Unterricht

9.30h bis 9.45h health break, das heißt : Toilettenpause

9.45h bis 11h Unterricht

11h bis 11.30h tea break

11.30h bis 13h Unterricht

13h bis 14h lunch

14h bis 16.30h Unterricht

16.30h bis 17h games (da kann man mit anderen spielen: Brettspiele oder Fußball)

17h - dormitory : da geht man in den Schlafsaal, wo zig 3-Stockbetten nebeneinander stehen und macht sich fertig für das Abendessen

18h bis 19h - dinner

19h bis 20.30h Unterricht

20.30h bis 21.30h - free studying und Hausaufgaben

21.30h geht man schlafen. Um 21.40h ist das absolute Ruhezeit.

So schaut ein Schultag von einem 16-jährigen Schüler /Schülerin aus.... Ich denke, jeder kann sich nun ein Bild machen.

Ich möchte diesen Blogeintrag mit der Gedicht-Aufführung schließen, die ich mit den Kindern gemacht habe. Das Gedicht heißt "Skin" (Dennis Foon). Ich hatte dieses Gedicht schon vor 11 Jahren mit einigen meiner Kinder hier gemacht. Damals waren sie noch klein. Jetzt, da sie groß sind und mehr mit dem Gehalt des Gedichts etwas anfangen können, ist es noch eindrucksvoller zu sehen, wie sie es interpretieren und darstellen. Ich werde, sobald ich in Wien bin, versuchen, das Video hier zu laden. Jetzt kann ich euch aber schon Bilder zeigen und euch versichern: es ging unter die Haut. Ihre Stimmen, ihr Ausdruck, ihre Gesten gaben den Worten immenses Gewicht: "I breathe, I think, I feel, my blood is red" - Worte, die einem unter die Haut gehen und dort bleiben. Warum? Weil sie wahr sind.



Amadeus: love, respect, and great fun!