Dienstag, 5. Juli 2022

And it's all coming back to me now

 Aus der Ferne zu beschreiben, wie es ist, wenn sich Kinderarme ausbreiten, um dich zu umarmen, wie es ist, diese Nähe einzuatmen, wie es ist, die Freudentränen sich gegenseitig wegzustreichen, ist schwierig zu erzählen...

Unsere Kinder hier in Amadeus sind für sich einzigartig: ihr Lachen, ihr Strahlen, ihre gewinnende Art... Ich möchte an dieser Stelle ehrlich sein : Viele Freunde, die hier leben, sagen immer wieder: "Man kann Afrika entweder lieben oder hassen - es gibt keinen Kompromiss." Ich kann das so nicht bestätigen ; mich hat nie dieser afrikanische Virus erwischt, den viele dafür verantwortlich halten, um sich hier niederzulassen. Weder liebe ich Afrika, noch hasse ich es. Ich komme hier her jeden Sommer, um die Kinder zu sehen, um mit ihnen Zeit zu verbringen, um mich um sie kümmern. Dieses Band, das vor 11 Jahren geknüpft wurde, wird jedes Jahr gefestigter, jedes Jahr stärker, jedes Jahr verbindlicher. Ich komme hier an und werde nicht nur erwartet, ich werde gebraucht, kurzum ich werde geliebt. Tausende Geschichten erwarten mich hier, so viel Lachen, mit großen Augen wird erzählt, wird ausgetauscht, so viele Geheimnisse werden mir anvertraut. Ich finde mich wieder in einem Boot voller Geschichten, die mir anvertraut werden, die eine Fortsetzung finden vom letzten Jahr.... Es ist ein Geschenk, das ich genießen kann, denn dieses Vertrauen von den Kindern ist mir ein Heiligtum, das ich um keinen Preis missen will. 

Natürlich freuen sich die Kinder auf all meine Vorhaben mit ihnen, denn schließlich haben sie Spaß an unserem Morgen-Yoga, an unseren Drama-und Theater -Einheiten, an unseren gemeinsamen Lektüren, wenn wir uns Geschichten vorlesen, sowie natürlich an unseren Laufeinheiten am Abend. Aber all das kann unsere gemeinsame Zeit, in der wir einfach plaudern nicht aufwiegen. Mit den Jahren, wo unsere Kinder größer werden, wird es immer wichtiger, dass wir reden und einander mehr und mehr emotional näher kommen. 


Unsere größeren Kinder sind schon im Internat (wenn man in Kenya nach dem 14. Lebensjahr weiter in die Schule gehen will, muss man ein Internat besuchen - eine andere Option gibt es nicht) und kommen nur sehr selten heim. Die letzte Klasse vor der Internatsschule ist sehr wichtig, da die Noten in dieser Klasse ausschlaggebend sind, welches Internat sie auswählen können: gute Noten - gutes Internat, schlechte Noten - schlechtes Internat. Klar, dass sich die Kinder in der letzten Klasse der Regelschule besondere Mühe geben. In der letzten Klasse befinden sich 3 unserer Kinder: Chimera, Asha und Miriam. In diesem Jahr hat die Regierung entschieden, dass die Schüler und Schülerinnen des letzten Regelschuljahres keine Ferien (und ich habe in meinem letzten Eintrag schon erwähnt, dass dieses Schuljahr sowieso nur 1 Woche Ferien im Juli vorsieht) haben; sprich, Miriam, Chimera und Asha dürfen nicht nach Hause ins Amadeus kommen. Ihr könnt euch nun vorstellen, wie sich die 3 Kinder fühlten, als sie erfuhren, sie dürfen nicht nach Hause, während die anderen Amadeus - Kinder mit mir Zeit verbringen durften. 

Wir kamen am Samstag Abend, völlig erschöpft - es gab sehr viel Verkehr vom Flughafen bis ins Amadeus - an. Sonntag verbrachte ich zum Teil mit den Kindern, zum Teil musste ich auch einkaufen gehen und mich organisieren. Am Montag wollten meine Kinder mit mir lesen und Geschichten erzählen-ich hatte Griechische Sagen für uns alle vorbereitet: die Kinder verschlungen diese Geschichten mit großem Interesse - all die Götter und Göttinnen und Monster und Ungeheuer .... Am Nachmittag verrät mir dann eine nanny, dass es Miriam nicht gut geht und sie jetzt nach Hause ins Amadeus kommt. 1 Stunde später kommt Miriam an. Ich wusste sofort, was mit ihr los war. Sie hielt es einfach nicht mehr aus : sie wollte mich sehen und Zeit mit ihrer Amadeus Familie verbringen. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie mich umarmte und war überglücklich. Ich war natürlich auch ganz überwältigt.... Vor allem dann, als sie mir ein klein zusammen gefaltetes Papier in die Hand drückt, mit den Worten: this is for you from Asha. Als ich diesen Brief las, musste ich mich kurz zurück ziehen, weil mir die Tränen kamen... Liest selber :


Ihr kennt mich und wisst, was ich sofort in die Wege geleitet habe: ich habe die Schule angerufen und für den nächsten Tag angekündigt, dass wir die Schule und somit unsere 3 Kinder besuchen werden. Ich gebe zu, ich machte das mit einem klaren europäischen Ton, der zumeist zum Erfolg führt. Auch dieses Mal - es wird nämlich nicht gern gesehen, dass man Schüler / Schülerinnen besucht, da sich andere, die nicht besucht werden, benachteiligt fühlen. Aber manchmal ist es nun einmal so: das Leben bietet nunmal auch Vorteile einem gegenüber und an diesem Tag sollten unsere 3 Kinder dieses Privileg genießen dürfen. 

Und so war es auch. Wir nahmen Andrea, Rama, Tobias, Mary und Mumo mit und betraten gemeinsam das Schulareal - als Asha und Chimera uns sahen, bemühten sie sich zunächst, sich ihre Freudentränen vor den anderen Mitschülern und Mitschülerinnen nicht ankennen zu lassen. Aber sobald sie aus dem Klassenzimmer draußen waren, herzten und drückten wir uns und lachten uns in die Gesichter. Ein stilles, unterdrücktes "Thank you, Christina" erreichte mein Ohr. Die Frage ist wohl eher, wer wem zu danken hat - in meinem Fall hatte ich noch nie einen solchen Liebesbrief von einem Kind bekommen: einen Brief voller Sehnsucht und Wünschen, mit dem verzweifelten Imperativ "say yes". Diesen Brief werde ich für immer in Ehren halten. Denn wieder hat es etwas gezeigt: love conquers everything. Ihre Liebe zu mir hat mich stark genug gemacht, sofort zu reagieren und kenyanische Regeln zu dehnen, und meine Liebe zu Asha hat sie überhaupt erst ermutigt, mich anzuschreiben und mir ihre seelische Not anzuvertrauen. Gibt es ein größeres Geschenk?... Wohl kaum. 

Und so saßen wir gemeinsam an einem gemütlichen Tisch und plauderten und plauderten... Süßigkeiten sind strikt verboten im Schulareal... Aber es kann sein, dass der ein oder andere Keks im Geheimen ihre Münder fanden.... Vielleicht. 





So schön, zu sehen, wie sie aufblühen am gemeinsamen Tisch, wo sie sich austauschten und wir gemeinsam lachten. Ich hatte schon ein wenig befürchtet, was schlussendlich auch eintraf: der Wunsch, es nicht bloß bei diesem Besuch zu belassen... Asha, Chimera und Miriam haben nur einen Wunsch, einen Tag mit mir im Amadeus zu verbringen... Dazu braucht es eine offizielle Erlaubnis, einen Antrag, der von der Direktion gestattet wird. Hm... Was soll ich sagen: ich habe den Antrag auf Sondererlaubnis für 1 Tag während des Wochenendes gestellt. Bitte haltet mir und den Kindern die Daumen - es wird sich morgen oder spätestens übermorgen entscheiden. 

Sonst vergehen die Tage hier wie im Nu. Ich gehe natürlich auch meinen afrikanischen Gepflogenheiten nach und habe meine Raster wieder, gehe zum Schneider, esse Ingwer, Passionsfrüchte und Mangos. 

Giulio hat sich hervorragend eingelebt und wird von den Kindern geliebt... Was soll man sagen: Italiener und bambini sind quasi Synonyme!!! :) Die Kinder laufen ihm hinterher, die askari wenden sich an ihm, wenn sie männliche Verstärkung brauchen und die Hunde fressen ihm aus der Hand. Tja, Italiener verstehen etwas von Familie und verstärken in der Sekunde das engmaschige Netz dieser Verwobenheit. Das Vertrauen zeigen sie Giulio, in dem sie sich von ihm therapieren lassen - ein großer Vertrauensvorschuss.... Bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht auch noch alle ihre Freunde und weiteren Familienmitglieder bringen, denn dann würde die Zeit hier kaum ausreichen... 






Und schlussendlich dürfen unsere Laufeinheiten nicht fehlen - die Kinder fordern das regelrecht ein. Dem Wunsch komme ich natürlich sehr gern nach.... Schließlich ist es für mich eine Ehre mit Kenjanern laufen zu gehen - the World best Athletes!!!