Dienstag, 16. August 2011

Unter den Wolken - ein ganz normaler Sonntag!


Tja, erstens kommt es anders und zweitens als man denkt! Das bewahrheitet sich wahrlich immer wieder in meinem Leben. Als ich vorgestern, am Sonntagmorgen, verschlafen meine Glieder streckte und ich mich genüsslich noch einmal in den Kopfpolster kuscheln wollte, hatte ich gerade mal einen vagen Plan für den beginnenden Tag… er sollte jedoch möglichst mit einem gemütlichen Frühstück beginnen und den Vormittag mit einem Kirchgang mit den Kindern beschließen. Just in diesen Gedanken verloren, klingelte mein kenianisches Handy (ja, ich hab hier ein Handy, damit ich für meine Amadeus Familie erreichbar bin) und ich höre eine aufgeregte Stimme am anderen Ende, die mir entzückt mitteilte, dass jetzt das ideale Wetter für einen Rundflug über Ukunda bis zum Strand und zurück sei. Ich solle den Kindern Bescheid geben, damit sie – sobald sie das Fluggeräusch vernehmen können – alles beobachten können. Schnell, denn es geht gleich los! Ich hastete im Pyjama mit meinen ungezähmten kenianischen Zöpfen zu den Kindern, die natürlich sofort vom Frühstückstisch aufsprangen und nicht mehr zu halten waren. Wortfetzen von „Gabriele is where? In the air? An aeroplane? How big? Does she know the pilot?“ flogen mir um die Ohren. 

Trotz des Pyjamas war ich nun schon mitten im Tag, doch hätte mir in dieser Sekunde jemand gesagt, dass ich in der nächsten Viertelstunde selbst in einem solchen Fluggefährt sitzen sollte, ich hätte die afrikanische Sonne für den Sonnenstich verantwortlich gemacht. Ja, als Volontär-Bonus sollte ich doch auch gleich den Boden unter den Füßen verlieren dürfen. Ob ich dazu Lust hätte? – blöde Frage!!!! Und so sprang ich in irgendwelche Hosen und T-Shirt und war schon am Weg zum Flugplatz. Ein Flug-Vehikel, das aussieht wie ein Tuk-tuk mit Flügel fliegt auf 150 Meter Höhe über das Gebiet Kinondo bis zum Galu-Beach und retour. Ein unbeschreiblich großartiges Gefühl beseelt einen in diesen Lüften; nur mit einem Gurt gesichert, sitzt man auf einem Sessel und fühlt sich wie auf einem fliegenden Teppich – ganz den Lüften ausgesetzt. Der Pilot sitzt barfuß vor einem und erklärt die Gegend. Neben der sagenhaften Buschlandschaft mit den Hütten und kleinen Siedlungen bis zum Strandabschnitt mit blitzblauen Meer und Korallenriffen, sieht man auch einen Hotelrohbau, der vor einiger Zeit abrupt abgebrochen wurde, da sie gegen Ende der Bauzeit drauf gekommen sind, dass sie am falschen Grundstück bauen – das Grundstück daneben wäre das besagt gekaufte… naja, fällt unter „dumm gelaufen“, oder?


Wir flogen zwei Ehrenrunden über das wunderschöne Amadeus-Heim und die Kinder rannten, wie eben noch zuvor bei Gabriele, wild im Garten herum und winkten und schrien meinen Namen. Ich winkte zurück und war so beeindruckt von der wunderbaren Sicht, beeindruckt und überrascht über den Bezug, den ich mittlerweile zu der Gegend hier – insbesondere natürlich zu Amadeus – aufgebaut habe; oft hilft die veränderte Perspektive, Beziehungen noch klarer zu sehen und hier hatte ich das Gefühl: egal ob am Boden oder in den Lüften – ich gehöre dazu! Wunderschön!

 
Als ich dann ein wenig später meine Tasse Tee trank, wurde mir klar, dass es nicht viele Tage gibt, an denen man vor der ersten Tasse Tee schon einen Kurzflug hinter sich hat. Nun war es knapp vor 10h und ich schlüpfte in ein kirchentaugliches Outfit, und die Amadeus Bande und ich stiegen in den Bus und fuhren zur Kirche. Dort angekommen, traute ich meinen Augen nicht… ich hörte lautes Geschrei und muss feststellen, dass wir dem Lärm folgten: die Kirche ist ein riesiges offenes Gebäude mit Bänken. Das Plakat am Altar mit der Aufschrift „God is our only help“ mit einem in dunklen Anzug angezogenen nervös-wirkenden Mann, der ständig Wiederholungen in sein Mikrophon hineinrief und dabei wild auf und ab ging und von der Menge immer wieder mit Zwischenrufen bestätigt wurde. Mit fast manipulierenden Fragen wie „And I say the Lord is our only remedy! What is the Lord?“ brüllen die Leute gehorsam zurück „Our only remedy!“ Ich hatte so etwas schon einmal im Fernsehen gesehen, dachte aber, es wäre überzeichnet dargestellt. Nein: was sich hier abspielte, hat alle Anzeichen einer Sekte, die Gehirnwäsche betreibt und kommt auch einer massiven Lärmbelästigung gleich: mir brummte nach einiger Zeit der Schädl! Diese Veranstaltung hat nichts mit einer Messe im traditionellen Sinn zu tun; es gibt keine Abfolge oder irgendwelche Rituale, wie wir sie kennen. Wir kamen um 10.30h hin und verließen die Kirche gegen 13h – eine lange Zeit, zu lange für mich! Die nannies und ich hatten die Babys am Schoß – einen Vorteil gibt es bei diesem Lärm: es macht nichts, wenn die Kinder auch laut sind. Die anderen Kinder waren in der sogenannten „Sunday School“, wo sie gläubig geschult werden sollen… 

 
Nach einem Mittagessen im Amadeus Kreis ließ ich den Sonntagnachmittag gemütlich am Pool gemeinsam mit Gabriele und ihrem Mann ausklingen. Am Abend bei einem legendären Sonnenuntergang und einem orangen-farbigen Mond, der sich im Meer spiegelte, aßen wir dann noch in einem sehr gemütlichen Restaurant am Strand zu Abend. Wer in solchen Momenten keine Urlaubsstimmung aufkommen lässt, ist selber schuld!
 
Aber das alles sollte noch getoppt werden am nächsten Tag, als wir gemeinsam mit dem Waisenhaus-Chauffeur nach Mombasa fahren sollten! Um 7.15h ging’s los und nach einem Kaffee beschlossen Gabriele und ich, die Frauenkarte auszuspielen: wir schickten die Männer zum Landrover-Shoppen, während wir uns in einem Tuk-tuk zu dem fantastischen Kongowela-Markt bringen ließen. Kleidung über Kleidung – ein 2nd hand-paradise!! Im Schnitt bekam man ein Kleidungsstück um KSH 100 (EUR 80 cent) oder KSH 150 (EUR 1,20): das Wettrennen war eröffnet – wer kauft sich mehr? Wer sieht zuerst das Schönere, Bessere, etc… ein riesen Spaß!!! In Europa würde es wahrscheinlich niemanden einfallen, extra einen 2nd-Hand-Markt aufzusuchen, aber hier fühlte es sich verdammt gut an, mit Händlern zu verhandeln, neben Schlammlacken seinen Weg durch die Standln zu finden und den strengen essig-ähnlichen Geruch zu inhalieren. Die Männer waren schon früher als gedacht zurück und mussten somit den Leidensweg antreten und unsere Säcke voller Gewand nachschleppen…ich glaube, das ist Teil ihrer Job-beschreibung, oder?

Todmüde, aber selig, kam ich in meinem Amadeus-Häuschen an und freute mich auf eine ausgiebige Dusche, die den Stadt- und Marktdreck wegwaschen würde… nun aber war es Zeit, mich nach all meiner Luftakrobatik und dem Kaufrausch wieder auf den afrikanischen Boden zu holen… es gab kein Wasser – es war aufgrund von Installationsarbeiten abgeschalten  worden (ohne es zeitgerecht mitzuteilen, wohlgemerkt). Ja, auch das ist Afrika!