Welch einen Kraftakt es oft benötigt, meine Schüler der Altersgruppe zwischen 11 und 18 zu motivieren, so braucht es mindestens dieselbe Anstrengung meine Kinder hier, zwischen 4 und 10, zu bremsen. Nach meinem ersten Unterrichtstag, der um 9h beginnt und um 16h schließt, war ich schweißgebadet und gerädert. Ich muss natürlich zugeben, dass ich diese Altersgruppe nicht gut einschätzen kann. Dennoch habe ich in den letzten Monaten in vielen Büchern darüber nachgelesen und mich schon darauf eingestellt. Trotzdem, wie wir alle wissen, divergiert Theorie und Praxis gewaltig!
Am Morgen beginnen wir mit einer „Good morning – keep fit“-Einheit, die zunächst mit einem Fitness Programm „Radio London Keep Fit Programme“ beginnt und dem wir alle gemeinsam folgen. Danach kommt ein „Good Morning“ Song, den sie mittlerweile natürlich schon auswendig können und auf maximaler Lautstärke singen – wie süß das ist, wenn alle 4 bis 10 Jährigen (ja, die Babys schwingen auch auf den Armen der nannies mit) tanzen und singen, muss ich ja nicht näher beleuchten! Dann kommt auf allgemeinen Wunsch das Lieblingslied meiner Truppe: „Ten green bottles“ –ein Dauerbrenner! Was für ein Spaß! Zu guter Letzt spielen wir noch „Simon Says“, um einen Sieger zu küren, der sich am besten konzentrieren konnte. Fun!
Zu Beginn meines Aufenthalts war eines meiner ersten Fragen, welchen Lieblingssong sie hätten. Ich hätte mir zögerliche Antworten erwartet und vielleicht ein gesummtes Lied oder so vorgestellt – zumindest wäre das meinen Erfahrungen in meinem Unterricht in Wien gleich gekommen. Hier wohnt man einem Spektakel bei, der seinesgleichen sucht: alle fangen sofort ein Lied an – in diesem Fall war es „Waka waka – this time for Africa“; einer stimmt an, die anderen finden spontan die anderen Stimmlagen, einer schnalzt den Rhythmus, die Hüften sowie der ganze Körper kreisen im Takt, die nannies überstimmen den Echo-Refrain… und man sieht/hört sich einer komplett professionellen Gospelgruppe gegenüber und fragt sich nur mehr: wo bleiben die Seitenblicke? Ja, die Afrikaner haben’s einfach im Blut und bekommen den Rhythmus in die Wiege gelegt – so viel ist klar! Wenn ich da an einen Tanzkurs in Wales denke, dem ich (nur einmal wohlgemerkt!) beigewohnt habe, dann fällt mir der arme Afro-Amerikaner ein, der sich alle Mühe gab, den flapsig steifen Engländern ein wenig Hüftschwung beizubringen. Zum Todlachen!
Da die Ankunft der Wohltäter der Amadeus-Kinder kurz bevorstand, studierte ich mit den Kindern ein sehr schönes Gedicht ein: „Skin“. Je öfter wir es trainierten, desto mehr Spaß hatten sie dran. Die Kinder stehen in Reih und Glied nebeneinander und je nach dem wer dran ist, tritt einen Schritt nach vorne, sagt einen Vers mit der dazu passenden Mimik und Gestik und tritt dann wieder in die Reihe zurück. Es war so schön, miterleben zu dürfen, welch große Schwierigkeiten sie zunächst hatten, ruhig neben einander zu stehen bis hin zu dem Moment, wo sie das Gedicht fehlerlos aufführen konnten – wo doch jeder bis zu 4 Verse zu rezitieren hatte! Und wir dürfen nicht vergessen, dass hier nicht nur ein 4-Jähriger dabei war, sondern dass es insgesamt Kinder sind, die aus verheerenden Verhältnissen stammen und nur durch die großartige Wärme und Erziehung des Teams hier zu halbwegs normalen Kindern geworden sind und jeden Tag mehr davon profitieren.
Wenn Kinder vom Jugendamt hierher ins Amadeus Kinderheim geschickt werden, dann kommen sie als totale Fracks hier an: mehr tot als lebendig. Sie sitzen teilnahmslos in einer Ecke, beteiligen sich an keiner Aktivität, wippen wie in Trance auf und ab und teilen sich niemandem mit – wenn sie überhaupt der Sprache (Swahili oder Englisch) mächtig sind, denn die viele Substämme sprechen eine ganz andere Sprache, die mit Swahili nichts zu tun hat. Die Kinder sind aufgrund von Fehl- oder Unterernährung bzw Mangelerscheinungen oft aufgeschwemmt und haben eine sehr hässliche Haut. Durch starke Verschmutzung tragen sie leider auch oft Parasiten unter den Zehennägeln, wodurch sie kaum oder nur sehr schlecht gehen können. Einige Kinder gehen noch zusätzlich eine Entziehung durch, da sie mit Drogen ruhig gestellt wurden. Sie wurden auch sehr häufig Opfer von Missbrauch roher und brutaler Gewalt. All das haben diese Kinderseelen schon gespeichert und tragen mit sich. Trotzdem, thank God! – hat es die Natur so eingerichtet, dass sich Kinder sehr schnell regenerieren und bei exzellenter Pflege sehr schnell aufblühen… und siehe da, man hört wieder Kinderlachen und ausgelassenes Spielen! Aber Lernen verlangt gewöhnlich sehr viel Disziplin und Durchhaltevermögen sowie Konzentration – und ich hatte zunächst ein wenig die Befürchtung, dass ich meine Erwartung zu hoch schraube – doch ich wurde eines Besseren gelehrt: sie legten eine wunderbare Show hin und das sogar vor wildfremden Leuten, da die Kinderheimbesitzer Bekannte mitgebracht hatten.
Und – wie ihr mich alle kennt – sobald ich einmal Lunte gerochen hab, kann ich nicht anders, als die Latte noch ein wenig höher zu legen. Ihre zwei Lieblingserziehungsstellvertreter fliegen natürlich auch in absehbarer Zeit (kurz vor meiner Abreise) wieder zurück nach Wien. Also ist es nur zu logisch auch etwas zu ihrer Abreise zu veranstalten: warum nicht – ja, ihr habt es mit meiner Historie schon erraten – ein Theaterstück! Also wenn ich mir einmal verzweifelt die Haare raufe und so daliege, wie das hier angebrachte Kamel (nur weniger entspannt), erinnert mich daran, dass ich es so gewollt habe…!
Ich möchte euch auf gar keinen Fall das Gedicht, von dem ich erzählt habe, vorenthalten, denn es beeindruckt mich immer wieder, was wir nicht alle gemeinsam haben:
Skin (by Dennis Foon)
I am five foot six inches tall.
I weigh 150 pounds.
I have two arms
Two legs
Two feet
Two ears
Two eyes
One nose
One mouth
Ten fingers
Ten toes.
I can taste.
I can smell.
I can see.
I can hear.
I can touch.
My blood is red.
My blood is red.
My blood is red.
My blood is red.
I breathe.
I think.
I feel.
I feel.
I feel.
I feel.