Sonntag, 5. August 2018

Amadeus und amore

Ich habe bis jetzt immer nur von unseren Kurzaufenthalten an diversen Orten berichtet, aber unsere homebase ist natürlich das Kinderheim "Amadeus".

Ossi hat sofort und recht unkompliziert mit allen Kindern Freundschaft geschlossen. Wir haben 19 Kinder, zwischen 5 und 20 Jahren. Sie alle kommen aus katastrophalen Verhältnissen, Verhältnisse, die unsere Vorstellungskraft übersteigen.

Ein Kind wurde 2x versucht, von ihrer Mutter umgebracht zu werden. Andere Kinder wurden mit Drogen wie Alkohol und Zigaretten aufgezogen: Zigaretten, weil sie sonst nichts zu essen hatten und Alkohol, damit sie trotz starkem Hunger schlafen können. Natürlich reden wir hier nicht von Alkohol und Nikotin, das man erwerben kann. Denn hätten sie Geld, würden sie ja etwas zu essen kaufen. Nein, es ist selbstgebrautes Kraut, das Hunger und Durst stillt (alkoholisches Gebräu) und irgendein Kraut, das man im getrockneten Zustand inhaliert. Andere Babys wurden in erbärmlichen Zustand am Straßenrand gefunden. Im besten Fall werden die Babys vor einem Spital weggelegt - etwas, das ich noch irgendwie nachvollziehen kann. Viele Kinder, die eben im Busch gelebt hatten, waren zunächst klarerweise an kein zivilisiertes Leben gewohnt: manche hielten sich stundenlang in Baumwipfeln auf, andere kletterten auf Vorhangstangen, weil sie nicht gewohnt waren, am Boden zu sein.

Und trotzdem schon nach kurzer Zeit "normalem Leben" mit Zuwendung, Nahrung und trinkbaren Wasser sowie sauberer Kleidung wurden aus allen Kindern hier ganz entzückende Geschöpfe.

 Seit 6 Jahren bin ich glückliche Mutter und trotzdem kämpfe ich oft mit dem Umstand, dass mein Kind oft motzt und unzufrieden ist. Um ein Beispiel zu geben: wir sind bei einem swimming pool, es gibt Eis etc... Ossi, "ja, aber blöd, dass es keine Popcorn gibt". Aber mein Sohn ist da keine Ausnahme. ... Sehr viele europäische Kinder sind so. Selten, dass sie zufrieden mit dem sind, was sie sowieso im Überschuss haben.

Umso erfrischender ist es, hier die Kinder zu sehen, die immer lachen, die nie jammern, die immer höflich sind, die immer hilfsbereit sind ..  Wo ist bei denen die Trotzphase geblieben und alle anderen Phasen, die wir erfinden, um eigenartiges bzw eigenwilliges Verhalten unserer Kinder zu erklären? Ich glaube, die Antwort ein wenig zu erahnen: die europäischen Kinder werden mit einer Gesellschaft konfrontiert, die zu schnell-atmig und zu stressig ist. Maggie, eine Bekannte, die ich hier kennengelernt habe, sagte zu mir, "Was ist mit euch in Europa? Alle haben bei euch Krebs!! Ihr macht euch kaputt. "

Auf jeden Fall sind die Kinder hier verspielter und kindlicher. Sie spielen den ganzen Tag miteinander: Fußball, Völkerball, Verstecken. Sie haben immer großen Spaß!

Sie alle haben große Träume und wollen Piloten werden. Ich fragte sie, wohin sie denn fliegen wollen. "Wien, zu dir" kommt als Antwort, "Amerika, aber ohne Trump", "Brasilien wegen Fußball". Als dann der eine Jugendliche zu Wort kam, der mit Drogen aufgezogen wurde, sagte er,  "Ich gehe von hier nach da (zeigt zum Hauseingang) und versuche, nicht auf die Nase zu fallen." und lacht! In Wahrheit weiß er gar nicht, welch philosophischen Gehalt er da zum Ausdruck brachte. Dieser Bursch (15) ist so ein lieber und immer freundlich. Er ist nicht hell (sein Gehirn hat damals darunter gelitten), aber ich habe ihn besonders ins Herz geschlossen, weil er einfach immer nett und freundlich und hilfsbereit ist. Jeder kann sich glücklich schätzen, ihn als Freund zu haben. Wenn alle anderen Kinder nicht mehr nachlaufen mit Ossi spielen wollen, dann ist er immer bereit Ossi nachlaufen . . und immer mit lächelndem Gesicht.

Ihr könnt euch noch an die Schuldirektorin erinnern, an Maren, von der ich ausführlich vor kurzem berichtete? Nun, sie sagte etwas Interessantes, das mich nach wie vor beschäftigt. Ich fragte sie, was denn ihrer Meinung nach afrikanischen Kindern hier fehle. Die Antwort war, "In Wahrheit fehlt es den Kindern hier an Liebe, an körperlicher Nähe, an Kuscheln." Sie erklärte mir, dass afrikanische Mütter zwar ihre Säuglinge auf allen möglichen Arten im Tuch herumschleppen, aber sobald die Kinder selber gehen können, gibt es kaum Körperkontakt mehr zwischen Kind und Mutter. Maren meinte, das ist einfach nicht Teil ihrer Mentalität und Tradition. Außerdem, fügte sie schmunzelnd hinzu, hätten sie kein gemütliches Sofa daheim, das zum Kuscheln einladet. Nun gebe ich noch leichter nach, wenn Ossi zu mir ins Bett kriechen will mit den Worten "Mama, ich will kuscheln."

Ich habe aus Wien Kreidebälle mitgenommen, die beim Abschießen bunte Flecken lassen. Wir spielten dann Monster und hatten eine Mordsgaudi!







Ein anderes Mal wurde das  Plantschbecken befüllt und die Kinder spritzten sich gegenseitig nass. Etwas, das ich davor auch nicht wusste: Mädchen und Buben dürfen nicht gemeinsam ins Plantschbecken - hier gilt noch die Geschlechtertrennung, die bei uns vor rund 50 Jahren auch noch üblich war.



Sonst wird gemeinsam gekocht. Hier hilft Ossi beim Ciabatti machen - das ist so eine Art Crêpe, aber ungesüßt. Man isst davon wenige Bissen und ist lange satt! Also, wenn man wenig Essen hat, dann ist Ciabatti von Vorteil!



Wir fuhren auch einen Nachmittag ans Meer und vergnügten uns im Nass!





Ein anderes Mal verteilte ich ein anderes Mitbringsel aus Wien (ich danke dir, Hedi!!) : zusammenlegbare Frisbee!!!




Es ist schön zu wissen, dass diese Kinder eine Zukunft haben!!! Denn die Vergangenheit kann man nicht ändern, aber die Zukunft gehört ihnen, denn sie werden mit Wahlmöglichkeiten für ihr Leben entlassen werden! ❤️