Es gibt hier über 40 Stämme und der Kikuju Stamm ist der, der den Ton angibt. Der Präsident ist ein Kikuju seit Ewigkeiten, obwohl die Bevölkerung anders wählt. Nur die Kikuju bekommen die besten Jobs, die besten Immobilien, kurzum sie haben das bessere Leben. Der besagte Busfahrer hat eine solide Ausbildung als Straßenbauer und Kranführer, nur bekommt er keine Arbeitsstelle, da er kein Kikuju ist - sagt er. "Entweder man ist ein Kikuju oder man muss sehr viel Geld bezahlen, damit man diesen Job bekommt." Geld, das er natürlich nicht hat. Und somit wären wir beim Thema: Korruption ist eine uralte Krankheit in Kenia. Aber, so meinte mein Gesprächspartner, da könne man nie etwas dran ändern, weil es schon seit Jahrhunderten so ist...
Tja, was soll man dazu sagen? Es kann ja auch nicht sein, dass alle Kenianer abwandern... Das hat ja auch keinen Sinn. Es wird also mal ein bildungsnaher Junger, der kein Kikuju ist, gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten etwas ändern müssen und wollen!! Während ich das hier schreibe, sitze ich in meinem Lieblingskaffeehaus, das Wi-Fi hat. Und ich sehe aus den Augenwinkeln, dass sich schon einige Altbekannte postieren, um mich zu belagern, wenn ich das Lokal verlasse. Sie wollen, dass ich etwas kaufe: Kokosnuss oder irgendwelchen Schnickschnack von ihren Geschäften. Mittlerweile bin ich ziemlich ungehalten und hab ihnen schon oft unverfroren gesagt, dass es keinen Sinn hat, mich zu belagern. Ich brauche nun mal nix. Dann kommen sie mit den Geschichten, dass zumindest einer in der Familie Malaria hat und sie kein Geld für Medizin haben und sie viele Kinder und nichts zu essen haben und ich sie doch unterstützen soll. Und ich sag ihnen immer wieder, dass sie sich tunlichst überlegen sollen, wie sie ihr Land in Griff kriegen sollen, denn es ist ihr System, dass das alles zulässt. Und es wird nicht besser, wenn sie Touristen oder Nicht-Kenianer damit am Wecker gehen ...
Ich war das zweite Mal beim Friseur, diesmal direkt in Ukunda, in der Geschäftswelt, wo man als Nicht-Einwohner normalerweise nicht hinkommt. Zunächst war ich sehr unsicher als mzungu so ganz allein mich da zu bewegen. So ganz anders ist da die Welt, doch schon nach kurzer Zeit fühlte ich mich schon viel besser und mittlerweile gehe ich sehr gern hin! Irrsinnig freundliche Menschen, gute und vor allem wohlfeile Ware. Nun kaufe ich das Obst immer dort und auf Swahili und bekomme immer ein lachendes Feedback für mein Bemühen!
Als ich zu Beginn am Strand meine Haare hatte machen lassen und ich zurück ins Hotel kam und meine Freundin Sylva mich sah, fragte sie mich, was ich bezahlt hatte. Als ich den Preis nannte, der ein Drittel des Preises in Wien ist, schüttelte sie tadelnd den Kopf mit den Worten "Christina, du versaust sie noch ganz". Was so hart und vielleicht ein wenig herablassend klingt, muss so verstanden werden: am Strand zahlt man den mzungu- Aufschlag und den Touristen-Aufschlag und das ist eindeutig zu viel. Sonst zahlt man sowieso auch den mzungu Aufschlag. Auch bei meiner jetzigen Friseurin konnte ich in ihrem Gesicht ablesen, dass sie dazurechnete, als sie mir den Preis nannte: einen Preis, der wiederum ein Drittel vom Strandpreis war.
Die Haarpracht hier ist natürlich ein Kult. Sie flechten und stecken auf, machen extensions und lines und und und. Das alles braucht natürlich seine Zeit. Ich musste schmunzeln, als ich eine Kenianerin sagen hörte:" so, jetzt ist mal Schluß mit dem Haarwahn. Ich setz mich nicht mehr stundenlang hin, ich hab Besseres in meiner Freizeit zu tun." Und da wird es für mich interessant: wenn eine Frau beschließt, selbst Herr /Frau über ihre Zeit zu sein und etwas "Besseres" (vielleicht Schule, Bildung! ?) machen will.
Die Waschmaschine hat hier noch lange keinen Einzug in die Häuser gehalten, zumal es ja auch nicht überall Strom gibt. Bei uns im Amadeus gibt es Waschmaschinen. Ich sehe trotzdem die nannies das Gewand händisch waschen, bevor sie es in die Waschmaschine tun. Ich frage sie, warum. Ganz einfach, erklären sie mir, sie sind es so gewohnt und zuhause haben sie natürlich keine Waschmaschine und waschen ja auch alles händisch. Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter auch lange brauchte, um an die Waschmaschine zu glauben und auch ewig alles mit der Hand wusch. Also, wenn wir uns überlegen, was hier die Frauen, die die Waschmaschine hoffentlich bald bekommen und auch den aufwendigen Haarkult ablegen, mit der gewonnenen Zeit anfangen....das kann revolutionär für die Frauen werden !!
Frauen haben auch so wunderschöne Tücher (kanga) und kleiden sich so schön farbenfroh. Auch die Männer haben bunte kikoi. Es macht ein schönes Bild, sie anzusehen. Ganz im Gegensatz zu den westlichen Menschen, die sich hier aufhalten. Ich denke mir so häufig hier :"Mut zum Stoff!" Die westlichen Touristen zeigen Haut und zwar viele davon im üppigen Umfang. Ich muss mich direkt abwenden, wenn ich das Zuviel an Haut präsentiert bekomme. In einem Strandlokal an einem Nachmittag, wo eine nette Strandband spielt und viele schön anzusehende Kenianer und Kenianerinnen sich aufhalten, sitzen an der Bar einige Weiße mit ihren nackten Oberkörper und Bierbäuchen. Ich konnte es mir nicht verkneifen, als ich bei ihnen vorbeigehe, zu sagen, "Schade, dass ihr nicht genug Geld habt, euch mit schönen Stoffen zu bedecken." Die verblüfften Gesichter, die ich, sobald sie geschnallt hatten, wie ich das gemeint hatte, zu sehen bekam, war zum Schießen lustig.
Auf jeden Fall wäre ich dafür, dass die afrikanische Mode auch bei uns in Europa vermarktet würde: so eine Art" desigual" aus Afrika!
Ich hatte schon erwähnt, wie froh wir sind, dass unsere Amadeus Kinder eine gute Schule besuchen können. Leider kam es bei der letzten Schule, die auf mich vor 7 Jahren einen sehr guten Eindruck gemacht hatte, zu sehr argen Vorfällen: einige Kinder kamen mit Knochenbrüchen nach Hause, die von keinem Unfall herrühren konnten. Die neue Schule jetzt hat ja eine deutsche Direktorin mit europäischen Werten, wo ich ein solches Verhalten ausschließe. Das bringt mich zum Thema Erziehung hier. Ja, ich werde hier mit einigen kulturellen Diskrepanzen konfrontiert. Aus einigen Gesprächen und Erfahrungen, die ich in den letzten Wochen gemacht habe, geht hervor, dass hier altertümliche Maßnahmen herangezogen werden, um Kinder zu "guten Menschen" zu erziehen. Das Schlagen mit der bloßen Hand wird nicht akzeptiert, jedoch das Hauen mit einem Stecken auf den Hintern sehr wohl. Und das wird nicht "hauen" genannt, sondern "korrigieren", man "korrigiert" so das Verhalten des Kindes. Bei diesem "Korrigieren" müssen die Kinder knien und die Hände auf den Rücken geben. Dabei wird dem Kind "you are bad, you have bad habits, you are a liar" gesagt. Das Ganze wird gestützt und gedeckelt von der Bibel, die das Disziplinieren von Kindern, sozusagen aus erster Hand, von den Erziehungsberechtigten verlangt. Da muss noch viel Aufklärung erfolgen, damit diese Methoden und Erniedrigungen endlich aufhören.
Ich habe deshalb begonnen, unbequeme Fragen zu stellen:" woran erkennst du, dass das einen besseren Menschen macht?" Und ich komme mit anderen Sichtweisen. Ein Kind durfte nicht mit auf einen Ausflug, weil es sein Zimmer schmutzig gemacht hatte. Das Kind hatte die Blumen unseres Theaterstückes in ihrem Zimmer ein wenig aufbewahren wollen. Aus meiner Sicht ist es glasklar: das Kind muss gelobt werden, da es aus einer Theatererfahrung etwas mitnehmen und schön bewahren will. Und was die Bibel angeht, so habe ich ganz im Sinne unseren lieben Gottes erklärt, dass wir glauben, dass Jesus in unser allen Herzen wohnt, und deshalb jedes Kind gut ist und es an uns Erziehern liegt, das Gute zum Vorschein zu bringen.
Ich ging auch einmal mit zur Kirche. Die Messe gleicht mehr einer Folklore - Vorstellung. Fast könnte man meinen, dass einige Whitney Houstons auf der Bühne stehen und Gospel singen. Alle Afrikaner bewegen sich sofort rhythmisch mit - etwas das sie angeboren haben. Das habe ich schon bei Ossi als Baby gesehen - jegliche Art von Musik bringt ihn ins Schwingen, und immer in Takt. Je weiter man geografisch in den Norden geht, so mehr verlieren die Menschen diese Gabe. Ich kann mich gut erinnern, dass ein kubanischer Salsa-Lehrer im Norden von England zur Verzweiflung gebracht wurde, als er den Engländern einen Hüftschwung beibringen wollte.
Auf jeden Fall dauert eine solche Messe hier 4 Stunden mit Predigten, die sie ins Mikrofon hineinbrüllen, als wollten sie eine Art Gehirnwäsche vollziehen. Nach drei Stunden hatte ich Kopfweh und musste den Ort verlassen.
Insgesamt wird für meinen Geschmack "der liebe Gott" zu sehr bemüht, als ihn als Bereicherung zu sehen, wird er dogmatisch für alles Mögliche hergenommen. Und wenn Kinder mir sagen, "Ich möchte gern mal Lehrer werden, so Gott will.", so entgegne ich mit bestimmter Stimme, "und wenn Gott nicht will, dann tust du es trotzdem!"
Tja, so klaffen Welten auseinander - meine europäischen Werte gekoppelt mit afrikanischem Gedankentum. Manchmal könnte man fast glauben, man sitzt im falschen Film: sogar der Barboon-Affe schreckt nicht davor zurück, sich bei meinem Drink zu bedienen ....






