Dienstag, 12. August 2025

Martin - der achtsame Freiwillige

Keine Angst - es wird kein ähnlicher langer Blogeintrag wie der letzte über Ossi...schon alleine deshalb,  weil Martin erst das zweite Jahr hier mit in Kenia ist.

Es liegt an Martins offener Natur, dass er sich auf Neues einlässt und keine Kosten und Energie scheut,  um sich für Gutes einzusetzen.  Fällt ihm der kenianische Alltag leicht? Nun, nicht immer....hier ein paar Beispiele,  die Martin täglich herausfordern,  die er aber mit viel positiver Energie, Willenskraft und Durchhaltevermögen meistert.

Martin ist Marathon-Läufer und trainiert täglich, um sein Ziel, die 42,195km in 2 Stunden und 55 Minuten zu erreichen.  Kann er hier diesem Training gerecht werden- wohl kaum. Martin hat Respekt vor dem afrikanischem Busch, wo ich sonst immer mit den Kindern laufe - und auch mit Recht: es ist sehr unwegsam, es gibt viele streunende Hunde, es gibt auch Banden, die gerne Weiße attackieren,  ganz zu schweigen von den vielen Insekten und creepy crawlies,  die im Busch unterwegs sind. Deshalb läuft Martin lieber am Strand- der weiße Strand von Diani ist weltweit einzigartig....einzig und allein sind die Gezeiten, die man einhalten muss.  Der indische Ozean ist mächtig und wenn die Flut da ist, ist an Spaziergängen am Strand - geschweige denn zu laufen- nicht zu denken.  Martin konnte 2x mal in diesen Tagen am Strand laufen....meine Aufgaben in Amadeus machten alle andere Unternehmungen am Strand unmöglich. 

Martin ist noch nicht an kenianische Verhältnisse gewöhnt...er traut sich nicht Wasser aus dem Wasserhahn in Amadeus trinken, obwohl ich ihm wiederholt versichern kann, dass unser Amadeus Wasser trinkbar ist- es wird ja auch regelmäßig getestet. Ossi und ich trinken es seit Anbeginn, aber Martin will sich darauf nicht verlassen und bleibt lieber stundenlang durstig. 

Selbiges stellt sich dar mit dem Amadeus Essen: Martin möchte gerne seinem großen Marathon-Vorbild Eliud Kipchoge gleichtun und Ugali essen...er kann es nur nicht.  Auch sonst ist ihm diese Kost fremd und zieht sich das Unverständnis und Besorgnis unserer Matron zu, die nicht verstehen kann, wie ein erwachsener Mann ohne Mittagessen auskommen kann. 

Martin ist ein Kaffee- Trinker. Und Kenia ist 1A Kaffee Produzent. Kann man trotzdem Kaffee in Kenia trinken? Ja, in europäischen Restaurants, nicht aber in Ukunda. Ich habe davon in vorherigen Blogeinträgen berichtet. Kaffee wird sofort nach Europa exportiert. Ich werde nie Martins Gesicht vergessen,  als wir mit einigen Kindern in Ukunda waren,  und er Kaffee bestellt hatte. Seine Worte waren: " Coffee Americano, please. " Für mich war in der Sekunde klar: das versteht hier niemand....Der Kellner fragte dreimal, was das wäre. Martin versuchte,  klar zu machen. Ich stand daneben, und es war unmöglich für mich einzugreifen,  ohne dass es unhöflich geworden wäre. Und dann kam auch schon sein Kaffee: eine Tasse mit heißem Wasser mit einer kleinen Packung Löskaffee Nescaffee. Jeder der Martin kennt,  kann sich vorstellen,  wie sein Gesichtsausdruck war. Für mich war immer klar: in Ukunda gibt es nur Kahawa (Kaffee) als abgepacktes Nescafee Dings oder eben sonst nix - ganz zu schweigen,  etwaige Differenzierungen wie Espresso, Macchiato,  Melange,  Americano oder Ähnliches. Um es auf den Punkt zu bringen: Martin wird nie wieder Kaffee in Ukunda bestellen oder trinken. 

Um vom Amadeus ohne Auto zur beach road zu kommen,  fährt man am komfortablesten mit dem pikipiki (Motorrad) - normalerweise hängen da mindestens 4 Personen dran. Ich schlug vor, wir fahren mit je einem pikipiki.  Das war für Martin total inakzeptabel....ohne Helm, ohne ausgebildeten Fahrer- für ihn undenkbar. Ein Tuktuk (ein Dreiradgefährt) musste sich die unwegsame Piste hinaufquälen,  um uns abzuholen. 

Martin hat eine Schlangenphobie. Natürlich gibt es in Kenia alle Arten von giftigen Schlangen. Würden sie uns Menschen angreifen? Wohl kaum - sie haben zwar keine gute Augen, doch aber sensibles Gehör, und allein unsere Fußstapfen lassen sie sofort in ihr Zuhause verschwinden. Trotzdem hat Martin gehörigen Respekt vor ihnen. Es vergeht kein Tag, wo er nicht an deren unmittelbaren Präsenz denkt. In Diani wurde er einer toten Schlange Angesicht, in Amadeus spielen und malträtieren die Kinder mit diversen Schlangen und zu guter Letzt sah Martin auch noch eine Kobra in der Maasai Mara- nicht leicht für seine Nerven.

Um in die Maasai Mara zu kommen,  fliegt man in einem 12-Sitzer Kleinflieger. Martin, als erprobter Langstreckenflieger hatte Schweißhände, als er erfuhr,  dass wir in einer solchen Maschine fliegen würden. Hat es ihm schlussendlich gefallen? Und wie!! Bei der Rückreise waren wir ein fliegender Autobus, der aller 3 Minuten landete,  um andere Passagiere aufzuklauben. 

Martin muss oft mal pinkeln...kein Problem auch in der Maasai Mara...nur muss man halt aus dem Jeep aussteigen und hinter dem Auto seine Notdurft verrichten.  Zu Beginn war das eine große Herausforderung für Martin....zu wissen,  dass Löwen um die Ecke unterwegs sind.  Nur, die Löwen wollen von uns Menschen normalerweise nichts.

Auch kalt duschen ist nichts für Martin.  Er mag nun mal warmes Wasser auf seiner Haut. Aber warmes Wasser ist nun einmal Seltenheit hier.  Und so schimpft Martin unter dem kalten Wasserstrahl...bis er dann rauskommt,  um zu meinen,  es wäre eh recht erfrischend gewesen. 

Man kommt jetzt unweigerlich zum Schluss: Warum in aller Welt tut sich Martin das alles an? Die Antwort ist einfach und doch so unglaublich ergreifend: Martin macht das alles aus tiefer Liebe zu mir - und schafft es trotz aller Widrigkeiten,  mich anzustrahlen, mir seine Hand zu reichen und mir zu helfen.

Mir ging das Herz auf, als Martin ohne Kaffee,  ohne warme Dusche sowie mit Schlangennähe das kenianische Lied mit herzlichen Lachen lauthals mitsang: " Jambo, jambo Kenia!"