Das Leben hier, im Gegensatz zu Wien, kann sehr entspannt sein: Fortbewegung mit tuktuk (3-Rad Taxi) oder pikipiki (Motorrad) auf Fingerschnipp und sehr wenig Geld. Kleidung wird am Strand ausgesucht, angemessen und prompt am nächsten Tag geliefert - Ossi bekommt hier immer sein jährliches kenianisches Gewand. Alle anderen Dinge, die du brauchst, bestellst du am Strand, wo mindestens 5 Menschen da stehen, die dir gern alles bringen, was dein Herz begehrt.... und alles um wenig Geld. Eine Kokosnuss wartet sowieso immer auf uns, wenn nicht sogar 2. Am lokalen Markt bekommt man die besten, frischesten und buntesten Früchte, die man sich nur vorstellen kann - allein die Passionsfrucht hat dreierlei Farbkategorien. Einen Friseurtermin braucht man nicht, man kommt sofort dran. Der afrikanische Winter ist herrlich mit 28 Grad und einer angenehmen Brise. Manche Kenianer, die zeigen wollen, dass sie sich Winterkleidung leisten können, ziehen sogar ihren Kindern eine Wollhaube über.
Stichwort Kinder: ich habe hier viel mit Kindern zu tun und Kenia ist ein kinderreiches Land, man kann also gar nicht umhin, sie nicht zu sehen und zu beobachten. Ich kann nur sagen, was ich hier sehe und was ich hier nicht sehe: ich sehe hier nur lachende, glückliche Kinder und ich sehe kein einziges Spielzeug, ich sehe hier kein trotziges Kind, ich sehe hier keine Tobsuchtsanfälle. Warum? Weil es hier ganz entspannt zugeht. Es gibt keine Spielzeuggeschäfte und auch keine Werbung und Fernsehen. Die Kinder haben immer einander zum Spielen und Blödsinn machen und die Erwachsenen mischen sich nicht ein, weil sie Wichtigeres zu tun haben (sie müssen sich um das tägliche Überleben kümmern). Sobald ein Baby krabbeln kann, krabbelt es herum und wird einmal von der einen, dann von einer anderen und dann wieder von einer anderen gestillt. Das Baby wandert somit von einer Milchbar zur nächsten. Die Mutter muss also nicht anwesend sein und hat somit auch mehr Ruhe... auch kein Fehler...
Alles in allem kann man also hervorragend die um die Ecke lauernde Realität der Armut ignorieren... Diese Armut kann man natürlich auch sehen (und ich sehe sie, und ich kann sie euch beschreiben, denn Fotos davon zu machen, wäre unhöflich): Dreck, Lehmhütten, keine Straßen, kein Kanal, keine Müllabfuhr, keine Möbel oder Gebrauchsgegenstände. Und trotzdem tragen die Frauen Wasser her und waschen täglich ihre Kleider, denn das, was sie haben, ist sauber: ihr Körper, ihre Haare und ihre Kleidung.
Und ich? Ich freue mich täglich auf mehrere Momente: die Früchte, den einstündigen Strandspaziergang, das Schwimmen im Meer, das Lesen und das Schlafen. Ich tauche ein in die Magie des Nicht-Kostens: die Stille, das Mensch-Sein, Dankbarkeit, Träume, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Verantwortung und Großzügigkeit. Diese Erfahrung der Transzendenz, von der Verfügbarkeit der Welt, des Konsums und Dienstleistung, Medien, Werbung und deren ständigen Beschallung (die phantasielose Eintönigkeit) zur Unverfügbarkeit des Himmels, des Meditierens, des Mit-/Nachdenkens, des Mitfühlens, der Reflexion, der Weisheit, der Liebe - sprich, des Lebens.
Und warum kann ich diese Transzendenz erfahren und nicht der Kenianer in der Lehmhütte in Ukunda? Die Antwort liegt auf der Hand: Bildung. Die einzige Erfahrung der Transzendenz ist Bildung. Nur durch Bildung können unfreie Menschen diese Grenzen überwinden. Schon Sokrates sagte:" Bildung befähigt den Menschen zur Schau der Idee des Guten."
Nicht so sehr der Klimawandel, die Umweltpolitik, die Veränderung des Systems, sondern vielmehr die Bildung - und in diesem Zusammenhang die der Frau und ihrer Gleichstellung ist vorrangig. Die Frau hier soll endlich die Wahl haben: will sie heiraten, will sie Kinder? Allein durch diese Entscheidung entscheidet sich die Belastung unseres Globus: weniger Menschen, weniger Autos, weniger Umweltbelastung.... Eine simple Rechnung - nur schwer dieses Ziel zu erreichen, das schon seit dem 14. Jahrhundert in Geoffrey Chaucers "The Canterbury Tales" nachzulesen ist: der größte Wunsch der Frau ist Souveränität.
Ab morgen gehe ich dieses Ziel im Amadeus Children’s Home an: sexual awareness, Verhütungsmethoden, HIV-Protektion, Selbstverteidigung, "Nein" - Sagen. Und wenn ich von unseren 19 Kindern 5 erreiche und sie zum Nachdenken und aktiven Entscheiden anrege, so ist das ein voller Erfolg!!!
Doch man muss auch bei der Wahrheit bleiben: das Tranzendieren macht natürlich auch erst Spaß, wenn man die Verfügbarkeit des Lebens, sprich seine Finanzen, unter Kontrolle hat. Mein meditativer Strandspaziergang verbuche ich erst dann als schön, wenn mein Bauch gefüllt ist, ich Kleidung am Körper trage und ich weiß, wo mein komfortables Bett steht, zu dem ich sicher zurück kehren kann. Und wieder : auch das Management von Hab und Gut hat mit Bildung zu tun.
Und weil mein Kind auch ein Kind des Konsums ist, und ich fleißig in der europäischen Welt arbeite, gönnte ich Ossi einen Taucher-Schnupperkurs: Ossi meinte, er könne unter Wasser viel besser nachdenken... Ein teures Transzendieren....



