Es gibt Wochen, die sind langweilig; es gibt Wochen, die sind stressig ; es gibt Wochen, die sind langatmig; es gibt Wochen, die sind schier wiederholend. Und dann gibt es auch Wochen, wie diese letzte Woche: außergewöhnlich, einzigartig, berührend und aufregend, weil ein Prozess, ein Denken, gestartet wird, das etwas verändern kann und aller Wahrscheinlichkeit auch wird.
Es kam ein Team bestehend aus 7 professionellen Trainern von Nairobi, einer Organisation namens Ujamaa, die wir angeheuert hatten, um unseren Kindern und Jugendlichen sowie unseren Angestellten von Amadeus folgende Aspekte näher zu bringen und diesbezüglich Bewusstsein zu schaffen:
- HIV Prävention
- Sexualkunde
- Verhütungsmittel
- Sexuell übertragbare Krankheiten
- Selbstverteidigung
- Child protection and rights
- "Saying NO effectively"
- Interventionsmaßnahmen
Nachdem die Trainer mit den üblichen Icebreaking Games eine gute Atmosphäre geschafft hatten, gingen sie diese heiklen Themen an. Sie teilten alle Teilnehmer in vier Gruppen ein: boys / girls ; male / female staff. Warum wir auch die Angestellten schulen wollten? Ganz einfach: wir wollen sicher stellen, dass sie unsere Kinder gut unterstützen können und ihnen mit Informationen zur Seite stehen können.
Verschiedene Bilder sowie Dokumentationen über Geschlechtskrankheiten und Aids schockierten alle; dieser Schockmoment ist aber notwendig, um Bewusstsein zu schaffen und den Glauben endgültig zu nehmen, dass Waschen nach dem Geschlechtsverkehr Aids verhindert. Es war beeindruckend zu sehen, wie unsere Jungs ganz sorgfältig eine Gebärmutter ins Heft abmalten. Penisse aus Holz wurden herum gereicht und Kondome wurden ausgepackt und angewandt.
Während in der Gruppe der Jungs und der Männer mehr Dialog statt fand, Rollenspiele mit Interventionsimpulsen improvisiert wurden, so gab man den Mädchen und Frauen eine Stimme: immer lauter und fester wurden ihre Stimmen, als sie lernten, gegen Übergriffe zu reagieren und "nein" zu sagen. Und so wurden die männlichen Teilnehmer leiser und die weiblichen lauter - etwas, was in Afrika eher umgekehrt ist: Männer sind laut und geben den Ton an, Frauen müssen schweigen und akzeptieren. Die Trainer teilten mir mit, dass viele unserer Buben und jungen Männern der typisch afrikanischen Überzeugung seien, dass sie nach einem date mit einer Frau das Recht auf Sex mit ihr hätten. Dieser Workshop sollte mit diesen Rollenmustern aufräumen...und das tat es: Montag bis Freitag von 8.30h bis 17h - 4 selbstbewusste Trainerinnen und 3 Trainer befassten sich mit jedem einzelnen Kind und Angestellten und nahmen sie in ihren Bann.
Effektives, klares, starkes "Nein" Sagen mag gelernt sein. Es war sehr berührend zu erleben, wie unsere Mädchen, eines nach dem anderen, aufsteht, ihre persönliche Stimme findet und sich laut und klar artikuliert und durchsetzt: NO!!!!!
Im Falle dass jemand ein klares lautes Nein nicht akzeptieren kann, wird den girls and women die basic skills von self defense vermittelt: Nase, Augen, Hals, zwischen den Beinen, Zehen - jede Schwachstelle des Attackers wird angegriffen; der eigene Körper wird zur Waffe gegen dem Angreifer! Ossi durfte auch:
Und so darf ich nach diesem einwöchigen Training sicher sein: unsere Mädchen wissen, wie sie "nein" sagen und dass sie "nein" sagen dürfen! Unsere Buben wissen, wie sie mit Mädchen umgehen sollen und wie sie reagieren, wenn sie sehen, dass eine Frau attackiert wird beziehungsweise vergewaltigt wird - etwas, dass Frauen hier sehr oft passiert. Unsere Kinder wissen nun, welche Geschlechtskrankheiten es gibt, wie man sie verhindern kann und wohin man sich wendet, damit man sie behandeln kann. Unsere Kinder wissen, welche Verhütungsmittel es gibt, wo man sie bekommt und wie man sie anwendet. Unsere Kinder wissen, was Aids ist und wie man sich schützen kann. Unsere Kinder können nicht mehr sagen:" Wir wussten es nicht besser." - Unsere Kinder haben eine Wahl - und das ist mehr wert, als alles Geld auf dieser Welt.... Und ich durfte daran teilhaben!!
Am Freitag Abend war der Workshop zu Ende und es kam zum Abschluss und ich bedankte mich stellvertretend für alle Vorstandsmitglieder von Amadeus. Über 50 Sponsoren von Österreich hatten diesen Workshop möglich gemacht. Lilo, auch im Vorstand, hatte im Internet recherchiert und die Vorabgespräche geführt. Vielen galt und gilt mein Dank. Und dann sprach Umajaa das aus, wovor ich mich ein wenig gefürchtet hatte, weil es mir die Freudentränen nicht ersparen würde:"Christina, we thank you all, because without you this would not have happened!" Und ich erinnerte mich, als der Gedanke dazu vor einem Jahr entstand:
Als ich letzten Sommer hier war, sah ich ganz deutlich, wie groß unsere Kinder geworden waren. Aus den Kindergarten--und Vorschulkindern waren ordentliche Schüler und Schülerinnen geworden. Hassan, unser Ältester, sollte in eine weiterführende Schule gehen. Eine high-school ist hierzulande internat-geführt. Hassan also sollte dort dann ganzjährig wohnen. Ich hatte auf einmal ein ganz mulmiges Gefühl. Hassan würde dort sicher mit Mädels in Berührung kommen; er ist auch ein gutaussehender Bursche; es wäre naiv zu glauben, er würde keine sexuellen Erfahrungen sammeln.... War er darauf vorbereitet? Wer hat mit ihm je darüber gesprochen? Wenn er Sex haben will, weiß er, wie man sich vor Krankheiten schützt und eine Schwangerschaft verhindert? Die Antwort war klar: NEIN. Zurück in Wien besprach ich meine Sorgen im Vorstand:" Wir können noch so viel Geld für die Schule unserer Kinder ausgeben, wenn sie dann nach Abschluss alle sofort Kinder kriegen, weil sie nie etwas über Verhütung erfahren haben." Meine Bedenken fanden Gehör und so wurde dieses Vorhaben angegangen und ich durfte die Umsetzung miterleben und sehen, was Empowerment kann.
JA: Wissen ist Macht!













