Mittwoch, 23. August 2023

Schule - verhaftet in der Vergangenheit




Es scheint, als ob Schule in fast jedem Kontinent dieses Planeten in veralteten Schuhen steckt und sich der gegebenen Realität nicht anpassen will - nämlich das, was Schüler/innen brauchen und was die Gesellschaft braucht: eine wache, lebensnahe, neugierige, hinterfragende, achtsame und ausgebildete sowie empathische Generation, die den Herausforderungen von heute gewachsen ist und mit intelligenter Gelassenheit an die Fragen unserer Zeit herangeht. Dabei bräuchte es gar nicht viel: kleine Lerngruppen, engagierte Lehrer/innen und einen angepassten Lehrplan mit genügend Zeitmanagement, das einen Lernalltag ausfüllt.

Während Schule in Österreich in der Zeit von Maria Theresia verhaftet zu sein scheint, so ist Schule in Kenia in alten Strukturen verhaftet und rückt keinen Millimeter aus dem System der Klassengesellschaft sowie äußerst veralteter Pädagogik. Fast könnte man meinen, der kenianische Staat ist nicht an Bildung seiner Bevölkerung interessiert. Und doch möchte man daran erinnern: jeder Mensch hat Recht auf Bildung.

Jedes Jahr gehe ich mit meinen Amadeus Kindern ihre Zeugnisse durch und bespreche mit jedem einzeln, was sie toll gemacht haben und was sie noch verbessern können und wie sie das bewerkstelligen können. Diese Gespräche sind für mich emotional anstrengend, denn ich werde mit Berichten konfrontiert, die mich erschrecken.



Ich habe in einen meiner früheren Blogeinträgen schon vom langen kenianischen Schulalltag berichtet, der sich von 3h morgens bis 21h erstreckt. Und genau das lässt mir keine Ruhe. Wie kann es sein, dass hier die Kinder um 4h morgens (um 3h ist Tagwache) Schulbeginn haben und um 20.30h ihren Schultag beenden (das ist der Schulalltag für Kinder und Jugendliche im Gymnasium, das es ausschließlich in Internatsform gibt) und trotzdem nicht die Welt regieren?? In anderen Worten: wenn man täglich 16 Stunden lernt, und das 8 Jahre lang, müsste man doch entsetzlich intelligent sein... Kurzum: bei so viel Input...wo bleibt der Output???

Die wenigen Male, wo ich um 3h hier aufgestanden bin, um auf Safari zu fahren, sah ich montags 11-jährige halb schlafend zur Schule gehen...kaum konnten sie die Augen offen halten. Klarerweise ist das einer der meist genannten Probleme, die mir meine Kinder berichten: das Aufstehen um 3h. Das ist shower time, anziehen und Zimmer ordentlich hinterlassen. Um 4h sind sie in der Klasse für prep time und um 4.45h beginnt der Unterricht. Ich bezweifle, ob man bei uns in Österreich Lehrer/innen für diese Jobanforderungen finden würde. Meine Kinder berichten mir, dass viele ihrer Mitschüler/innen im Unterricht einschlafen und als Strafe dann stehen müssen, und manchmal schlafen sie dann im Stehen weiter....

Dabei ist eines glasklar: für konstruktives Lernen braucht man Schlaf - und das kommt hier zu kurz. Kinder brauchen Schlaf und lernende Kinder erst recht. Hier greift die Formel: "weniger ist mehr" - weniger Input bewirkt höheren Output. Ich merke das in meinem Unterricht: unterrichte ich 40 Vokabel in einer Unterrichtsstunde bleiben 3 hängen. Vermittle ich 10, bleiben 8 hängen. Nun stellt sich also die Frage: warum kann man das nicht ändern? Warum kann Schule nicht um 8h oder um 9h beginnen? Diese Frage stellte ich dem Schulpsychologen sowie einer Schuldirektorin. Der Schulpsychologe meinte:" Weil es schon immer so war." (könnte eigentlich eine typisch österreichische Antwort sein). Die Direktorin erklärte mir, dass sie das Problem kennt, aber nichts dagegen machen kann, da sie sonst keine Schulzulassung bekommt. Scheint also hoffnungslos...

Das nächste Problem, das mir meine Kinder in unseren Gesprächen schildern, begleitet mich seit Jahren hier und geht mir unter die Haut: punishments. Die Schulkinder werden hier regelmäßig mit Stöcken oder Stangen geschlagen. Wenn Mädchen den Unterricht stören oder schlechte Resultate bringen, werden ihnen die Haare geschoren - und das finde ich wahrhaftig barbarisch. Den Jungs wird der Hintern ordentlich versohlen, auch die Ohrfeige ins Gesicht ist üblich, auch wenn man zu spät in den Unterricht kommt. Ich weiß, ich kann gegen dieses System nichts unternehmen. Dennoch habe ich mir nun die Namen der Lehrer aufgeschrieben, die mir am häufigsten genannt wurden und ich werde die Direktorin, die mir immer versichert, dass das nicht in ihrer Schule geduldet würde, informieren. Auch wenn sich wahrscheinlich nichts ändern wird, so will ich nicht den Mund gehalten haben.

Ein Fall hat mich dieses Mal besonders beschäftigt: eines unserer Mädchen wurde wegen eines Mobbingvorfalls vom Unterricht suspendiert. Ich habe diesbezüglich relativ ungehalten mit den Schulvorgesetzten kommuniziert. Weder gab es eine Verwarnung, noch eine schriftliche Stellungnahme zu den Vorfällen. Mir wurde lediglich gesagt, unser Kind hätte ein anderes Mädchen als Hexe bezeichnet. Ich wollte den genauen Wortlaut wissen,  da wurde mir dann gesagt, dass das andere Mädchen nur von anderen gehört hätte, dass sie so bezeichnet würde; ins Gesicht hätte unser Kind es ihr nie gesagt. Nun, wenn wir alle Kinder, die sich gegenseitig beschimpfen, nach Hause schicken würden, wären alle Schulen fast leer. Unser Mädchen hat tagelang geweint und kann bis heute nicht zusammenhängend darüber reden. Sie wird natürlich weiterhin den Unterricht genießen, denn schließlich hat sie ein Recht darauf. Und ich habe sehr wohl meinen Ärger dort Ausdruck verliehen und auch daran erinnert, dass der Lehrer bitte auch auf ein konstruktives Miteinander achten soll und nicht einfach Schüler aus der Klasse weist. Daraufhin bekam ich die Antwort, dass es sich eben um einen jungen, unerfahrenen Lehrer handelt....naja, davon haben wir auch viele in Österreich.

Wenn ich Mary, unsere Spitzenschülerin befrage, wie für sie der Schulalltag aussieht, so gesteht sie, dass es für sie oftmals schwer ist, da sie nur 3 Mal die Woche Mittagessen kann. Die Schlange zum Essen ist so lang und die Pause hat nur 30 Minuten, und das Essen geht zumeist auch aus. Meistens stellt sie sich gar nicht an, da es eh keinen Zweck hat. Und trotzdem auf die Frage:" Gehst du gerne zur Schule?", strahlt sie über das ganze Gesicht: "Und wie!!!"