Sonntag, 20. August 2023

Sport - ein Privileg des Wohlstands


Sport zu treiben bedarf Zeit und Ressourcen - man braucht zumeist Ausrüstung, die Geld kostet, und danach möchte man sich waschen (können)... und die Problematik des Wassers habe ich ja schon erläutert. Sport macht Spaß, hält gesund und bewirkt einen schönen Körper sowie schärft auch den Geist. Nur hier in Kenia, an der Küste, wo wir uns befinden, haben die meisten Menschen keine Zeit, sich um Sport zu kümmern. Vielmehr geht es hier um das (Über)leben und nicht um die Qualität des Lebens.

Wenn ich mit meinen Kindern hier laufen gehe, dann laufen wir an  Menschen vorbei mit Kübeln Wasser am Kopf, oder an Menschen, die einen Karren mit Mehlsäcken ziehen, oder an Familien, die Holzstücke für die Feuerstelle sammeln. Was die sich wohl denken, wenn wir laufend an ihnen vorbeiziehen, ist schwer zu sagen... vielleicht: "Haben die keine andere Sorgen?" Oder "Wo laufen die bloß hin...und warum?" Und doch ist hier das Land der weltbesten Langstreckenläufer/innen. Doch dieser Nationalsport spielt sich im Hochland, im Norden von Nairobi statt, wo die Lauftrainingscamps zu Hause sind. 

Einige meiner Kinder wollen in diesem Jahr nicht mit mir laufen. Sie haben Angst. In der Gegend hier gibt es einige Banden, die Menschen mit Messer attackieren. Die wirtschaftliche Lage, vor allem hier an der Küste, ist prekär: die Inflation ist enorm und die Menschen kämpfen ums nackte Überleben. Und wo extreme Armut zum Alltag zählt, das ist Verzweiflung und somit Gewalt und Verbrechen nicht weit.

Ich gehe also mit den größeren Jungs hier laufen, und wir laufen schon um 16.30h los, um ja nicht in die Dunkelheit, die schnell ab 18h über das Land fällt, zu kommen. Unserer Sicherheit zuliebe, haben wir eine Strecke der Landstraße gewählt. Nachdem wir jetzt schon etliche Male laufen waren, kann ich nicht umhin zu denken: entweder man wird beim Laufen im Busch überfallen oder entlang der Straße von einem matatu (Autobus), magari (Auto), pikipiki (Motorrad) oder tuktuk (Kleintaxi) überfahren.... Nun, bis jetzt ist Gott-sei-Dank nichts passiert, und das soll auch so bleiben...man muss halt wachsam sein.

Wir fingen mit einer 8km Strecke an, und meine Jungs wollen nun auf 10km erhöhen - ich habe nichts dagegen 😁. Nicht selten sehe ich, wie jemand mit Fingern auf mich zeigt und mir nachschreit:" mzungu!!! Haraka!" ("weißer Mensch! Schneller!") Wahrscheinlich nennt man das Diskriminierung auf offener Straße....ja, alle anderen auf der Straße lachen dann...ich nicht. 

Ich laufe das Tempo meiner Jungs und muss sagen, dass sie exzellente Pace-maker sind und unbewusst die richtige Laufeinstellung haben: sie fangen langsam an und steigern jeden Kilometer. Mit richtigem Training wären sie sehr bald wirklich gute Läufer. Sie sind überglücklich mit ihren tollen Nike Laufschuhen, die ich ihnen von Marathonläufern mitgebracht habe. Außerdem hielten wir einen Abend einen Videochat mit Martin, einem passionierten Marathonläufer, ab, der ihnen viele Tipps zum Laufen geben konnte. So gebannt hab ich sie selten erlebt...sie hatten soviele Fragen, die Martin ausführlich beantworten konnte. Schön, dass Martin nächstes Jahr mit mir ins Amadeus kommen will und sie trainieren will!

Andrea, einer meiner besten Läufer, ist besonders ambitioniert, da er seine heimliche Liebe beeindrucken will. Er hat die Strecke so gewählt, dass wir an ihrer Hütte vorbeilaufen, wo sie zumeist den Kopf rausstreckt, und sie sich zuwinken. Er meinte zu mir, dass er auf jeden Fall der Schnellste sein will, der vor ihrer Tür steht, da sie einige Verehrer hat. Ich konnte dem nur zustimmen. Es ist immer gut, der Erste zu sein... vor allem, wenn es sich um eine Liebesgeschichte handelt ...🥰



Yoga ist für mich eher eine meditative Haltung als Sport....und doch oftmals nicht weniger anstrengend. Wie schon erwähnt, haben wir unser tägliches Morgen-Yoga, das wir mit dem Sonnengruß starten und mit einigen Asanas ausdehnen und schließlich mit einer meditativen Atemübung und Bewußtseinstraining beenden. Ich werde nicht müde, zu betonen, dass hier um Wahrnehmung, Atmung und Konzentration geht, und man sich von nichts ablenken lassen soll. Als aber während der Position Kerze auf meinem Yogatuch eine von unseren Hennen, die bei uns am Grundstück frei herumlaufen dürfen (glücklichere Hennen und Hähne gibt es nicht 😃), vorbei stolzierte, fühlte auch ich die Herausforderung enorm, meinen eigenen Anforderungen gerecht zu werden. 😳




Einen weiteren Wunsch durfte ich auch während der letzten Tage erfüllen: wir verbrachten einen gemeinsamen Nachmittag in einem Swimmingpool. 17 Kinder und ich tummelten sich im Wasser und hatten einen Heidenspaß! Ja, Sport und Spaß liegen eng zusammen.....und ich bin stolz darauf, dass dieses Privileg unsere Kinder genießen dürfen und sollen!