Dienstag, 13. August 2024

Jedem sein Afrika, mir meins.




 

Es ist wieder soweit: Koffer werden mit vielen Geschenken für die Kinder gefüllt, ich mache mir viele Gedanken, welches Programm diesen Sommer meine Kinder gefallen könnte...nebst den sonstigen vielen organisatorischen Dingen, die eine Reise nach Afrika mit sich bringen.

Dieses Jahr war es besonders schwierig zu planen: Umweltkatastrophen wie verheerende Überflutungen in weiten Teilen Kenyas führten zu Schulschließungen; unsere Kinder wurden spontan nach Hause geschickt, was bei unserem Amadeus Heim Schwierigkeiten verursachte, da von einem Tag auf dem anderen wieder alle nannies zusammen getrommelt werden mussten - keine einfache Aufgabe, da sie ja, wenn unsere Kinder im Internat sind, nicht im Amadeus arbeiten.

Und so waren unsere Kinder dann viele lange Wochen daheim - Zeit, die, sobald die Schulen wieder öffneten, wieder eingeholt werden musste...sprich, die Sommerferien verschoben sich nach hinten. Wie lange nach hinten konnte man lange Zeit nicht wissen. Erst Mitte Juli konnte man vorsichtig mutmaßen, wann die Kinder wieder nach Hause kommen würden...ganz sicher war es trotzdem nicht. Mit meiner europäischen Logik schätzte ich, dass sie gegen Mitte August auf jeden Fall alle wieder im Amadeus wären. Nur mein europäisches Hirn weiß auch, dass meine Logik nichts - und zwar gar nichts - mit kenyanischer gelebter Wirklichkeit zu tun hat....,

Kurzum, ich konnte erst sehr spät den Flug buchen und hoffe jetzt, dass ich kommenden Samstag alle Kinder in die Arme nehmen kann.

Was wird anders dieses Jahr? Nun, zunächst habe ich große Unterstützung dieses Mal: Martin ist mit von der Partie! Auch wenn er erst einige Tage später anreisen kann, so werden meine Kinder sich sehr freuen, mit ihm Fußball zu spielen und laufen zu gehen. Als Marathonläufer ist es ihm eine große Freude sein Knowhow weiter zu geben und mit Kenyanern/innen in Kenya zu laufen. Schon letztes Jahr hingen die Kinder bei diversen Video-Chats an seinen Lippen: die Jungs, weil sie sich sehr für den Laufsport interessieren - eh klar, da Kenya weltspitze in diesem Sport ist, und die Mädchen, weil sie noch nie einen blonden Mann mit blauen Augen gesehen haben. 😀 

Weiters habe ich ein Theaterstück "The hungry coat" geplant mit dem Song-finale "I am what I am", für dessen Choreographie Ossi verantwortlich sein wird. Man darf gespannt sein!

Wer meinen Blog regelmäßig gelesen hat, weiß welch großen Respekt ich vor diesem Land habe: zu unähnlich in seinen Gegebenheiten sowie Einstellungen ist dieser Kontinent zu Europa, als dass ich je schlau daraus werden könnte. In diesen 13 Jahren, in denen ich das Land Kenya besuche, hat sich nie eine ernstzunehmende Freundschaft zwischen mir White-Skin zu einem Black-Skin entwickelt. Warum? Ich kann nur spekulieren: Gespräche außerhalb der Smalltalk Atmosphäre gestalten sich schwierig. Kaum geht es um privatere Themen, so hat man keinen common ground. Meine Arbeitswelt, mein Zuhause in Österreich, mein Leben ist so ganz anders als man es in Kenya, und zwar an der Küste, wo man ländlich und in bescheidener Armut lebt, kennt. Gespräche würden über kurz oder lang aufzeigen, was man alles in Europa hat und was sie nicht haben. Wie soll ich erzählen, was ich letztes Wochenende in Innsbruck gemacht habe, ohne mich unwohl zu fühlen bzw mein Gegenüber sogar zu langweilen: ich habe eine Oper bei den Innsbrucker Festspielen gesehen, war zu einer Vernissage geladen und war auf einem Berg und bin mit der Sommerrodelbahn gefahren....WIE BITTE??? Und so findet man keine rechte Basis... außerdem fühle ich auch, wie unwohl sie sich in meiner Nähe fühlen, da sich von ihrer Seite Fragen aufdrängen, die sie mir auch nicht wirklich stellen wollen: warum bist du so alt, schaust aber nicht so aus....warum bist du nicht verheiratet...warum hast du nur ein Kind, wenn du doch gar nicht verheiratet bist...warum, warum, warum

In Kenya ist man - und will man als Frau verheiratet sein. Man will viele Kinder haben - das ist ein Status Symbol. Die einzigen Gründe, warum man in Kenya als Frau nicht verheiratet ist, sind: man ist körperlich behindert oder eine Hexe....nun, was bin ich dann wohl? 😜 

Aus diesen Gründen bleiben wir lieber bei ausgetauschten Höflichkeiten an der Oberfläche, an der man lieber nicht kratzt. So beschnüffeln wir einander, lachen (zwar zum gleichen Zeitpunkt, aber wahrscheinlich über unterschiedliche Dinge) und begegnen uns respektvoll auf Distanz und werden nie ganz schlau von einander.

Insgesamt bin ich nach 13 Jahren Afrika-Erfahrung überzeugt: ich weiß schon sehr viel, wenn ich mir eingestehe, dass ich jämmerlich wenig weiß.

Jambo Kenya!