Dienstag, 25. August 2026

Service is our success....?!

Der Dienstleistungssektor oder auch terziärer Sektor eines Staates ist ein maßgeblicher Indikator seines Entwicklungsstandes. Ich lass das so mal stehen und ihr entscheidet selbst, wie sich da Kenia einfügt ...

Zu meiner Friseurin, wie ich seit Jahren berichte, gehe ich seit vielen Jahren. Warum? Weil der Preis für mich paßt,  aber vor allem, weil man sich auf sie verlassen kann.  Sie antwortet zügig auf eine Nachricht, und sie ist auch wahrhaftig da, wenn man dann zum Termin kommt. Das ist hier nicht selbstverständlich und hat mich schon zig Male in den Wahnsinn getrieben....

Prinzipiell braucht man 2 Eigenschaften, um das Service hier zu genießen: Geduld und Zeit. Zunächst spielt sich meist folgende Szene ab: man möchte eine Dienstleistung und sieht ein Geschäft und geht hinein...konkretes Beispiel: ich möchte eine Massage. Da es kaum Touristen gibt, wollen sie dir dieses Service immer sofort anbieten. Ich ziehe es vor, mir einen Termin auszumachen,  denn spontan hab ich nicht 2 Stunden Zeit...warum 2 Stunden? Da kommt der Faktor Zeit ins Spiel. Aber dazu später. 

So, das ist schon mal der erste Moment, wo Dienstleistung kompliziert wird: Sie wollen etwas sofort anbieten,  weil sie befürchten,  ich würde  mir etwas ausmachen und dann nicht auftauchen- das lässt aber schon meine europäische Moral nicht zu; aber das können sie wiederum nicht wissen. Meine Erfahrung aber hat mir auch gezeigt, dass beim Termin es durchaus sein kann, dass sie dann nicht da sind....Kurzum, vom ersten Moment an, liegt eine leise Spannung in der Luft. 

Also, typisches Szenario: man kommt zum Termin....niemand da. Man fragt die Nachbarn. Die sind dann immer sofort beim Telefonieren und sagen: sie kommen sofort! Das "sofort" kann von 15 min bis zu 1 Stunde dauern. Sie halten dir dann auch den Hörer zum Ohr, worauf du dir dann anhören kannst, dass sie eh quasi um die Ecke sind und eigentlich schon da sind....aha....Natürlich ist es auch schon oft vorgekommen,  dass ich dann angefressen abzische,  weil ewig warten will man nicht. In der Regel kommen sie aber, wenn man gerade übel gelaunt, gehen will. Das ist dann der 2. Moment, wo die Spannung in der Luft steigt....

Und dann kommt das, was mich dann zumeist- außer ich bin bestens gelaunt und habe viel Zeit (also eher selten) - in den Wahnsinn treibt: sie sagen, die Dienstleistung findet woanders- überhaupt nicht weit, sagen sie - statt, meistens,  weil an dem besagten Standort etwas fehlt und der andere Standort alles hat, was sie brauchen.  Dann findest du dich in einem Tuktuk wieder und nach 5 Minuten Fahrt schnappe ich nach Luft und fahre sie an: Wo zum Teufel ist das? Und sie solle doch mal "gleich um die Ecke" definieren!!! Das ist dann der 3. Moment,  was dann fast mein Wasser zum Überlaufen bringt.

Nach 1 Stunde nach dem fixierten Termin ist man dann -im wahrsten Sinne des Worte- streichfähig und  bereit für eine Massage. Manchmal denke ich, vielleicht gehört das ganze Vorspiel mit zum Deal? Nur genießen kann ich es halt mit meinen europäischen Wurzeln nicht - das ist aber vielleicht meine Bringschuld.

Nun, jetzt kommen wir zum eigentlichen Servicebereich.  In meinem konkreten Beispiel war es eine Massage bzw Body scrub. Das können sie eigentlich recht gut und arbeiten mit ätherischen Ölen und guten Düften. Sie lassen eine entspannende Musik im Hintergrund laufen - meistens zu laut, um ein anderes Geräusch,  das einen wahnsinnig macht, zu überspielen: Stromaggregat. Und wenn es das nicht ist, ist es zumindest irgendein anderes nervöses Surren, Ticken oder Zischen, das einem fürchterlich auf die Nerven fällt. 

Sie rubbeln deinen Körper mit groben Kristallen ab, was sich angenehm anfühlt. Nur dürfte ihnen nie jemand beigebracht haben, dass es Stellen am Körper gibt, die empfindlicher sind, als andere. In meinem Fall hat sie meine Achsel wund geschruppt. Meine zweite Achsel konnte ich noch retten. Also, der Großteil meines Körpers fühlte sich verjüngt und frisch an. Doch die wunde Achsel übertönte dieses Gefühl- ein bisschen wie das Stromaggregat die Entspannungsmusik....

Anderes Beispiel: Augenbrauenzupfen. Bis man zum Augenbrauenzupfen kommt,  spielt sich das gleiche Szenario ab. Der eigentliche Akt wäre in 10 Minuten erledigt. Hier dauert es 45 Minuten...Ich dachte schon, meine Augenbrauen werden zu einem Kunstwerk hochstilisiert....aber außer, dass mir auch ein Stückchen Haut entfernt wurde (autsch!),  konnte ich wenig an Kunstwerk erkennen.  Um fair zu bleiben: sie haben schon was gemacht, aber das Resultat stand dem Zeitaufwand zu keiner Relation. Aber bei diesem Beispiel passierte etwas, das auch oft im Dienstleistungssektor vorkommt: du möchtest Service A, bekommst aber spontan und unbesprochen Service B dazu. In meinem Fall: du hast die Augen geschlossen (Augenbrauenzupfen!) und plötzlich wird dein Bein aufgehoben und massiert. Im ersten Moment schreckst du auf, weil du glaubst, du wirst attackiert! Dann, nach diesem Schreckmoment, verstehst du, sie wollen dir etwas Gutes tun...das sie im Nachhinein in Rechnung stellen wollen - was ich dann wiederum nicht akzeptiere. Das resultiert dann in den nächsten und letzten angespannten Moment der Serviceleistung. 

Ich muss auch nicht extra erwähnen,  dass man die ganze Zeit über sowieso immer die Tasche mit den Wertgegenständen im Blick bzw am Radar hat. Ossi erfüllt diese Funktion als Bodyguard- recht ungern oft...was ich auch verstehe....weil: stundenlang irgendwo auf einem unbequemen Schemel zu hocken mit meiner Tasche am Schoß, ist jetzt auch kein Highlight für ihn. Außerdem kennt Ossi den kenianischen Servicebereich nur zu gut und kann alles sehr realistisch abschätzen. Zitat " alles klar, Mama. Also den morgigen Nachmittag mit deiner Massage kann man also abschreiben " - und recht hat er. Das letzte, was mich schlussendlich auch stresst, ist die Uhr. Ich möchte vor Sonnenuntergang alles erledigt haben....tja, und das ist nun mal 18h. Mit der Autofahrt einberechnet,  muss ich um 17.30h aufbrechen. 

Ein weiteres Beispiel: es gibt ein wunderschön authentisches Fischlokal am Strand - zumeist leer, da es an der untouristischen Seite von Diani liegt, und ein Blick sagt dir, dass das nichts für normale europäische Touristen ist. Mir gefällt es aber - vielleicht auch gerade deshalb- sehr gut. Nur wiederum,  Hunger darfst du nicht mitbringen.  Zig Male spielte sich schon das selbe Szenario ab. Du gehst zum Lokal und dann darfst du dich am besten Tisch mit gigantischen Ausblick auf den Ozean hinsetzen- es sind eh alle Tische frei...aber man bedankt sich für das Privileg und bekommt die Speisekarte.  Mittlerweile weiß ich: was man auch immer bestellt, man bekommt das Gleiche - eben das, was er an diesem Tag frisch hat....und das ist auch gut so. Mittlerweile weiß ich das auch. Trotzdem möchte der Kellner, dass ich ihm gezielt auf der Karte zeige, was ich haben will....wie eine Art Ritual,  auf das er nicht verzichten will. Warum? Keine Ahnung.  So, und dann kommt das Spiel der Warterei. Ich weiß ja, wo der kleine Kobel von Küche ist und ich weiß auch, dass da niemand- kein Koch - drinnen ist. Wenn man nach 30 Minuten nachfragt, so kommt die typische Antwort," Ist gleich soweit" und du weißt natürlich,  dass es überhaupt nicht soweit ist. Wenn man schon länger im Land ist, bekommt man natürlich auch mit, wie sie verstohlen telefonieren und sich ewig nichts tut. Sie versuchen nämlich,  den Fischer, der the catch of the day bringen soll, und den Koch zu organisieren,  der das Essen zubereiten soll. Nach 1 Stunde - so mein Erfahrungswert - sieht man dann jemanden völlig abgehetzt an einem klapprigen Drahtesel herantreten und heimlich hinter dem Lokal absteigen und ab in die Küche. Jetzt fängt es an, zu duften: herrlich! Und letztendlich heißt es "Tischlein deck dich!" und der Tisch biegt sich mit frischen Meeresfrüchten, Reis, Erdäpfel und Salat. Großartig! Klar, der Hunger ist der beste Koch, aber frisch und authentisch nach Swahili Art ist es allemal...und das um sehr wenig Geld!!  3 Stunden sollte man aber doch insgesamt schon anberaumen. Was ich dabei nicht verstehe: mittlerweile kennen sie mich und wissen, ich schätze ihre Küche. Ich würde halt gerne, während der Wartezeit und ihrer Organisationszeit (Vorbestellen funktioniert im übrigen nicht!) einen Strandspaziergang machen und 1,5 Stunden später wiederkommen. Aber, wenn man das vorschlägt, so sieht man in ihren Gesichtern, dass das nicht geht. Wenn du gehen würdest,  würde dein Essen storniert und das wäre es dann. Also entweder du machst alles von A bis Z mit, oder eben nicht...

Aber wer weiß,  was sie sich alles über mich denken und wie unhöflich oder schräg ich rüber komme....wie in meinem nächsten Beispiel: mir gefällt Henna und ich möchte mir gerne eine kleine Zeichnung auf meinem rechten Unterarm malen lassen. Ich frage eine unserer nannies, und sie hat auch einen Kontakt.  Wir fahren gemeinsam hin, denn Adressen gibt es ja nicht, somit würde man allein nicht hinfinden. Und wieder das ewige Spiel: wir sind zum ausgemachten Zeitpunkt dort. Sie ist zwar da, muss aber noch die Körperzeichnung an einem Mädchen fertig machen und braucht noch 50 Minuten.  Gut, wir fahren in der Zwischenzeit zum Markt, sind in 50 Minuten wieder dort. Ich sehe sofort: das dauert noch ewig... die Beine, die Arme, die Fußnägel und Fingernägel....alles wird mit Henna gemacht.  Zunächst sagt die Dienstleisterin, dass man sich überall, wo man will hinsetzen kann. In diesem kleinem Zimmer in einem kleinem Privathaus, gibt es aber keine Möbel: kein Sessel, kein Tisch....nichts. Man setzt sich also auf den Boden. Auch gut. Nur dann werde ich unruhig. Wie lange soll ich noch warten? Ich möchte vor Dunkelheit im Amadeus sein, auch weil ich noch mit den Kindern Programm habe und auch, weil ich eben aus besagten Gründen am Abend nicht unterwegs sein will.  Meine europäische Stimme sagt mir: ich möchte bloß eine kleine Blume am rechten Unterarm haben, das dauert vielleicht 5 Minuten,  und dieses 16, 17, oder 18- jähriges Mädchen muss sowieso immer wieder warten, bis Stellen trocken werden...warum schiebt diese Henna- Künstlerin mich nicht einfach ein? Und das funktioniert aber nicht. Vorgeschlagen hätte ich es....Ich war schon kurz beim Überlegen einfach zu gehen, bis sie dann doch sich meinem Unterarm widmete. Wie gesagt,  ich wollte etwas Kleines....das ging nicht: sie bemalte- wunderschön- meinen rechten Unterarm. Als sie sich dann meinem linken Unterarm zuwenden wollte, sagte ich nein- ich wollte ja schließlich nur etwa auf einem Arm u d nicht auf beiden. Ich sah auf ihrem Gesicht, dass das ganz und gar unverständlich war... sie meinte auch:" this does not make sense!!" Hmmm. Trotzdem,  ich beharrte darauf, bezahlte und ging - sehr beseelt, weil es wirklich eine schöne Zeichnung war. Ich hatte bekommen, was ich wollte. So. Tage später wurde ich von einer europäischen Freundin,  die schon seit 30 Jahren in Kenia lebt, aufgeklärt: also - Henna macht man für spezielle Festtage, eigentlich für Hochzeiten. Man ist entweder Braut oder Brautjungfer. Okay - für beides bin ich in Kenia entschieden zu alt. Und dann soll es symmetrisch sein....Auch etwas, das ich total ignoriert hatte. Somit, was dachte sich diese Henna Künstlerin bzw alle, die mich mit Henna am rechten Unterarm sehen? Ich lass es euch über zu spekulieren....im besten Fall bin ich halt ein mzungu, der es nicht besser weiß- was ja der Fall ist.



So, mir fallen noch viele weitere Dienstleistungsbeispiele ein, die mir in den letzten 16 Jahren widerfahren sind. Heute früh hatte ich ein Tuktuk ins Amadeus bestellt....ist es gekommen? Nein. Hakuna matata!