Natürlich wollte ich Mombasa einen ausgiebigen Besuch abstatten, da ich ja bis jetzt nur einen flüchtigen Eindruck von der zweitgrößten Stadt Kenias gewinnen konnte. Ich hatte sogar das Glück, einen Privatführer für diesen Zweck anzuheuern, der Mombasa wie seine Westentasche kennt. Das war ein wahrhaft weiser Entschluss, wie sich vor allem später herausstellen würde; doch auch sonst war es von großem Vorteil einen ortskundigen Ansässigen dabei zu haben, denn es gibt keine Beschilderung, die einem zu den wesentlichen Sehenswürdigkeiten bzw den diversen Stadtteilen führen würde.
So stapfte ich in der Früh durch den Busch und an der Hauptstrasse angelangt, nahm ich ein matatu. Das ist ein Kleinbus, der 14 Leute (oder mehr, so viele, die halt irgendwie gebückt stehen können) fasst und mit dem daran hängenden Fahrpreis-einkassierer alle Leute, die auf der Straße ein deutliches Handzeichen geben, aufklaubt und nach einem lauten Klopfen oder Rufen wieder aussteigen lässt; es gibt aber auch fixe Haltestellen, die man aber wissen muss, denn eine Beschilderung gibt es nicht. Der Fahrtpreis für eine Strecke variiert und wird am Verkehrsaufkommen gemessen: das kann einmal KSH30 sein oder auch KSH50. Ich fuhr bis in das Stadtzentrum Ukunda, wo ich meinen Privatführer traf und wir in das nächste matatu nach Mombasa einstiegen. Dort angekommen nahmen wir die Likoni-Fähre (die Fähre ist gratis; Personen zahlen nichts), um in die Stadt zu kommen. Mombasa ist nämlich eine 14km2 große Insel, verbunden durch Brücken und Fähren mit dem nördlichen und südlichen Festland. Zugegeben, inmitten der wuselnden Menge von Afrikanern fühlte ich mich ein wenig wie ein bunter Hund…
In der Stadt angelegt, brachte uns ein weiteres matatu in die Altstadt und der Rundgang begann am Fort Jesus, eine über die Einfahrt zum alten Hafen wachenden Festung (1593), sowie ehemaliges Gefängnis oder auch von den Arabern dominierter Umschlagplatz des damals leider blühenden Sklavenhandels. Der charmante Platz davor mit seinen Souvenirläden, das imposante Bauwerk mit Blick auf den alten Hafen – all das lädt zum Verweilen ein! Aber was mich am meisten beeindruckte war die Sauberkeit, die – wie ich erkennen durfte – in der ganzen Stadt vorherrschte! Auch das von mir erwartete Chaos blieb aus. Ganz im Gegenteil, gemütlich, ohne Autowahnsinn, schlendert man durch die lieblichen Gassen, übersäht mit ursprünglichen, im maurischen Stil gebauten Häusern - ein Hauch von 1001 Nacht! Obwohl man deutlich den Willen zur Restaurierung erkennen kann, so sind nun einmal doch viele Häuser heruntergekommen. Trotzdem, es fällt einem nicht schwer, die frühere Atmosphäre der erstrahlenden Gebäude zu erahnen! Überall kleine Geschäfte mit Stoffen, Schuhen und vielem Krimskrams – und endlich keine globalisierten Ketten wie Bodyshop, Zara, H&M und McDonald’s. Wenn ich meine Amadeus-Kinder frage, ob sie McDonald’s kennen, dann nicken sie begeistert und singen „Old Mac Donald had a farm…“ – welch schöne Welt!
Ein Highlight Mombasas ist sicherlich der große Markt: in der Fleischhalle muss man ein wenig einen standhaften Magen beweisen; in der Obst- und Gemüsehalle erhandelte ich Gewürze – in Swahili, was den Händler sichtlich so beeindruckte, dass er lachend meinte, ich hätte gewonnen und mich mit meinem erhandelnden Gewürzen ziehen ließ. Ich wurde vorbei an beeindruckenden Moscheen und Tempel geführt und hatte eine wunderschöne Zeit – es gibt ja so viel Aufregendes zu sehen: verschleierte Frauen, Männer im arabischen Stil (mit langen Kaftans) oder afrikanischen Stil gekleidet, Kinder, die sich unbedingt fotografieren lassen wollen, Händler, die ihre Waren anpreisen! Ja, 1001 Nacht halt!
Nach einer nahrhaften Stärkung suchte ich eine Bank auf, um Geld abzuheben. Erfolglos. Erst nach zirka der siebten Bankomatmöglichkeit beschlich mich ein unwohles Gefühl. Ich hatte gerade noch Geld, um die Fahrt zurück nach Ukunda zu berappen. Doch ich würde ein Taxi in den Busch benötigen, da wir erst bei Dunkelheit, gegen 19.30h in Ukunda ankommen würden. Und ein Taxi würde mich KSH 2000 kosten – ein Vermögen, da Taxis extra anreisen und es gibt einen Buschaufschlag, da der Weg so schlecht ist. Nur, ich hatte keine KSH 200, geschweige KSH 2000. Doch ich hatte eine letzte Hoffnung: das matatu von Mombasa würde in Ukunda City halt machen und dort war die Bank, die ich sonst immer aufsuchte. Naja – mit mehr Geld in meiner Tasche hätte ich mich trotzdem wohler gefühlt, aber ich vertröstete mich auf den Bankomat in Ukunda.
Die Fähre bei Nacht ist ein Kapitel für sich. Die spärliche Straßenbeleuchtung, die Massen an Leuten, die auf die Fähre warten, Händler, die im Dunklen sitzen, eine Unmenge von kleinen Kerosinstellen, der Lärm – all das bewirkte in mir eine äußerst beklemmende Stimmung. Ich wusste mit einem Schlag: hier gehöre ich nicht dazu, hier kenne ich die Spielregeln nicht, wenn jetzt etwas passieren würde, ich wüsste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Das war auf jeden Fall der Moment, der mich darin bestätigte, dass es äußerst weise war, nicht ohne Ansässigen nach Mombasa gekommen zu sein. So behielt ich die Ruhe und folgte seinem Beispiel und seinen Anweisungen. Aber wieder – es ist ja bloß das Fremde, das einem so unsicher werden lässt. Niemand ist mich blöd angegangen, es gab nicht einmal eine Situation, die annähernd gefährlich gewesen wäre… ganz im Gegenteil: auch wenn die Masse Richtung Fähre zustapfte, so gab es kein echtes Gedränge, ich hatte immer ausreichend Platz um mich; auch dann auf der Fähre standen alle gesittet bis wir auf der anderen Seite wieder anlegten. All das beklemmende Gefühl war nur in meinem Kopf, entsprach aber nicht einen Moment der Wirklichkeit.
Auf jeden Fall wollte ich schön langsam nach Hause – es war ein so intensiver Tag mit so vielen großartigen Eindrücken gewesen, dass ich all das in Ruhe zu Hause verarbeiten wollte. So saß ich müde im überfüllten matatu und dachte an den Bankomat in Ukunda, der das benötigte Geld ausspucken sollte, als wir plötzlich mitten auf der Landstraße zum Stehen kamen: der Grund – ein platter Reifen. Und so fand ich mich auf einer stockfinsteren Landstraße stehen; alle rissen dem Fahrpreiskassierer die Geldscheine aus der Hand, da sie dieses Service freilich nicht bezahlen wollten. Nach einigen Minuten nahm uns ein schon überfülltes matatu mit: mehr über den Köpfen anderer hängend und auf irgendwelchen Körperteilen stehend kamen wir nach – meiner Meinung nach – einer Ewigkeit in Ukunda an. Vollkommen fertig stürzte ich zum Bankomat: auch kein Service!!! (Wie sich am nächsten Tag herausstellen sollte, so war das ganze System zusammengebrochen und bis auf weiteres außer Betrieb.) Nun kam Panik auf: wie kam ich in den Busch zu Amadeus? Naja, ich muss zugeben, ich hatte noch ein Ass im Ärmel: ich wusste, ich könnte selbstverständlich die Amadeus-Eigentümer um Hilfe bitten. Doch ich wollte mich so schnell nicht geschlagen geben. Und wahrhaftig, es konnte eine Piki-piki aufgetrieben werden.
Und so saß ich hinten auf einem Piki-Piki (ein Moped) und der Fahrer, ein vielleicht 16-jähriger Junge, war noch dazu auch der Neffe des einen Waisenhaus-Angestellten, dem ich Englisch-unterricht erteile. Welch eine glückliche Fügung! Da fühlte ich mich sicher, denn so würde ich sicher Amadeus erreichen. Und so war es auch – wie eine flotte Biene stand ich schlussendlich vor dem Amadeus-Tor. Als ich am nächsten Tag wieder einen Transport brauchte, so war mir klar, an wen ich mich melden konnte! Und so habe ich mit dem Jungen vereinbart, dass er mein Privatfahrer ist, der mich auch zum Shoppen bringen kann. Er strahlt überglücklich, denn er ist gerade dabei, sein business (Taxifahrer) aufzubauen und braucht Kundschaft. Und ich bin happy, eine günstige Fahrgelegenheit zu haben, um nie mehr wieder in diese unangenehme Situation zu kommen: wie komme ich nach Hause?!
In dieser Tausend und Einen Nacht schlief ich besonders gut: ich helfe einem jungen Kenianer zu einem Geschäft und ich bin auch ein wenig unabhängiger, da ich mobil bin! So hat die Mombasa-Fahrt-Bankomat-Geschichte auf jeden Fall etwas Gutes! Und so bewahrheitet sich der kenianische Leitspruch immer wieder: Hakuna matata in Kenya!