Hin und wieder will man natürlich auch mal den Kopf frei von Kindern und Unterricht bekommen und da liegt natürlich eins nahe: einen Spaziergang durch die Stadt Ukunda! Nach einem 25 minütigen Fußmarsch durch den Busch wartet man auf der Landstrasse auf ein matatu, zwängt sich zwischen die vielen nebeneinander gedrängt sitzenden Fahrgäste und nimmt Platz. Der Fahrkartenausgeber hängt an der Schiebetür und nimmt das Fahrgeld entgegen. In zehn Minuten steigt man dann im Zentrum der Stadt aus, gegenüber der Post. Das Postamt beherbergt alle Postkästen der in Ukunda registrierten Häuser, und es ist dort, wo man seine Post entgegen nimmt.
Von dort kann man dann einen Spaziergang vornehmen , der durch verschiedene Gassen mit vielen Geschäften führt: eine Art afrikanische Mariahilfer Strasse. Man sieht Frauen, die sehr geschickt – ohne auch nur einen Tropfen Wasser zu verschütten – Wasserbehälter auf dem Kopf balancieren. Dieses Geschick wird schon von klein auf trainiert und so fangen schon sechs-jährige Mädchen an, am Kopf verschiedene Behälter zu tragen. Im besten Fall hat man einen Wasserbehälter am Kopf, einen Säugling am Rücken und zwei Taschen in den Händen. Da es neben Christen auch genauso viele Muslime gibt, sieht man auch komplett verschleierte Frauen – vor allem während Ramadan, da es zu dieser Zeit Pflicht ist einen buibui zu tragen. Als ich einmal bemerkte, dass das sicherlich, vor allem in der Hitze, sehr unbequem sein muss, erntete ich ein Kopfschütteln: Nein, die verschleierten Frauen würden diese Mode sehr zu ihrem Vorteil ausnützen, da man sie nicht erkennen kann; es könnte der Ehemann gleich um die Ecke sein und nicht einmal sehen, dass seine eigene Frau an ihm vorbeigeht. Diese Frauen bleiben also völlig unerkannt und können in Wahrheit in Diskotheken gehen, wo sie sich dann entkleiden und in einem Sexy-Outfit dort auftreten. Tja, so wird Religion neu interpretiert… In Gesprächen wird mir oft geschildert, warum doch so viele Afrikaner den beschwerlichen Weg nach Europa auf sich nehmen: es ist klarerweise der Traum nach einem besseren Leben. Die Afrikaner, die keine Schulbildung hier erfahren, sehen europäische Touristen aus dem Flugzeug steigen und wissen, dass diese Menschen sehr reich sein müssen, denn wie sonst könnten sie sich ein Flugticket leisten? Mangels Bildung können sie freilich nicht das komplette Bild der wahren Bedingungen und Wertvorstellungen in Europa erkennen. Und dann gibt es diese Gerüchte, dass ja schon viele Afrikaner den Weg nach Europa geschafft haben und es ihnen dort ausgezeichnet gehen soll. Und so kommt es, dass es immer wieder arme Teufel gibt, die sich bis Europa durchschlagen und sich letztendlich mit der wahren Realität konfrontiert sehen – Asylverfahren, Aufenthaltsbewilligung, keine Arbeit, kein Geld, etc. Nach Wochen kommen dann die ersten Briefe von Zuhause mit der Aufforderung, er solle doch jetzt endlich das große Geld heim schicken, denn der Nachbar hat doch schon so viel Geld von den Söhnen bekommen, die nach Europa ausgewandert sind – dass das natürlich auch nur erlogen ist, macht das Ganze noch prekärer… Der arme Teufel, der nun aber nicht weiß, wie er Geld in Europa machen kann, sieht sich in einem ausweglosen Dilemma, denn er möchte ja schließlich seine Familie nicht enttäuschen. Und so kommt es dann zum Tragischen: er fragt seine anderen Landsleute, die auf einmal einen schicken Anzug tragen und die Taschen voller Geld haben, wie sie denn das bewerkstelligt haben… Die klassische Antwort ist: Drogen. Und so kommt es, dass der arme dumme Teufel, der nie etwas mit Drogen zu tun hatte, in diesem schmutzigen Geschäft landet. Während meines Rundgangs durch Ukunda fällt mir immer mehr auf, wie schön und gepflegt die Leute auftreten. In der Tat waschen die Leute hier täglich ihre Kleidung und legen sehr auf ihr Äußeres wert. Vor ihren Hütten schruppen sie die Kleidung und hängen sie sorgfältig auf. Die Farben der Kleidungsstücke glänzen in der Sonne! Der Vorplatz ist sorgfältig gekehrt und die Hütten werden regelmäßig mit heißem Wasser ausgespült, um etwaiges Ungeziefer zu entfernen. Und so kam ich auch zufällig auf Besuch bei der Mutter einer bei Amadeus arbeitenden nanny, die – sehr adrett gekleidet – mich willkommen hieß. Sie stellt Handtaschen aus Kokosnüssen her: allerliebst und sehr sorgfältig gearbeitet! Sie konnte mir keinen Preis nennen, da sie sonst nur Freundinnen gegen Tauschhandel beliefert. Wir wurden uns aber schließlich doch einig: ich bin jetzt stolze Besitzerin einer Kokosnusshandtasche. Allerhand! Um mich ein wenig meiner Umgebung anzupassen, nahm ich einen Friseurtermin am Strand wenige Meter vom Meer war und ließ mir eine afrikanische Haarpracht einflechten. Ich sehe jetzt ziemlich verändert aus. Meine Kinder hier freuten sich riesig und gaben mir ab sofort einen afrikanische Namen: Mwanaisha – was soviel wie „glückliches Leben“ heißt. Ich trage ab sofort, wie alle Kenianer, drei Namen: den christlichen Vornamen, den afrikanischen Vornamen und zuletzt den Familiennamen. Die Namensgebung hier ist ein wenig komplex und nur schwer zu durchschauen. Es hängt ganz von dem jeweiligen Stamm ab – Kenia hat 42 unterschiedliche Stämme mit den diffizilsten Hintergründen, Interessen und Sub-Sprachen. Schon allein beim Vorstellen, das ich mit meinen Erwachsenen hier in Rollenspielen geübt habe, tun sich wahnsinnige Unterschiede auf: der eine gibt seinen 2. Namen nicht an, denn das bringt Unglück (Aberglaube und so..); der andere sagt, man muss alle drei Namen angeben, da man sonst unehrlich ist; andere sagen, der 3. Name ist nicht wichtig; und wieder andere meinen, dass es eine Konfusion gibt, da der zweite eigentlich der dritte Name sein sollte... Es scheint, als ob sich die Stämme nicht einmal auf eine einheitliche Namensgebung einigen können; wie soll man da dann überhaupt politische Entscheidungen treffen? Hoffentlich hilft die Vereinheitlichung der Sprache - Swahili und Englisch -, sodass man sich doch ein wenig näher kommt… Ich komme ihnen auf jeden Fall entgegen; mein Name lautet: Christina Mwanaisha Laurer! |