Das ist mein letzter Eintrag, der das Kapitel meiner zwei Monate hier abschließen soll. Es ist – wie ihr euch sicher vorstellen könnt – sehr schwierig für mich, zu beschreiben, wie mich diese letzten zwei Monate als Mensch weiter gebracht haben… dass sie es taten, ist unbestritten. In diesem Zusammenhang möchte ich mich ganz herzlich bei euch allen bedanken, die ihr regen Anteil an meiner Reise nahmt! Ganz besonders gilt natürlich mein Dank Gabriele und Wolfgang, die ja dieses Projekt zuwege gebracht haben und somit es überhaupt möglich machten, dass ich hier sein durfte!
Ich habe mich hier so wohl und willkommen gefühlt, dass mir der Abschied sehr schwer fällt. Doppelt schwer machen es mir die Kinder, die den Wunsch in den letzten Tagen äußern, ich solle doch zumindest bis Dezember bleiben. Die nannies schütteln ratlos den Kopf, wie denn diese zwei Monate so schnell vergehen konnten, und sie das Gefühl haben, mich jetzt erst richtig gut zu kennen. Margarete traf den Nagel auf den Kopf als sie meinte: „Jetzt kennst du dich schon ein bisschen in Kenya aus und kannst die Menschen richtig nehmen, und jetzt fährst du heim. Das ist nicht gut!“
Ich habe in einem früheren Eintrag erwähnt, dass ich ein bestimmtes Buch einem Mitarbeiter hier schenken wollte. Nachdem ich ganz Mombasa nach einem Buchgeschäft abgeklappert hatte – und ich fand nur zwei mit sehr spärlichem Angebot! -, hatte ich die Hoffnung schon ein wenig aufgegeben. Durch einen glücklichen Zufall fand ich dieses Buch dann aber doch in einer Buchabteilung in einem Supermarkt in Mombasa unweit von der Fähre nach Likoni. Ich freute mich sehr, als ich ihm das Buch überreichen durfte und sah, wie sprachlos er war. Das schönste ist es ja doch, Geschenke zu machen – vor allem, wenn sie so gut und aufrichtig ankommen wie hier.
In einem der ersten Einträge habe ich die Begegnung mit dem Buben mit dem verbrannten Gesicht geschildert. Ich suchte ihn und fand ihn! Jedes Mal, als ich auf die Fähre in Mombasa wartete, hielt ich Ausschau nach ihm. Ich fragte Leute, ob sie einen solchen Buben kennen würden. Und so bekam ich dann die Telefonnummer seiner Mutter. Ich ließ sie anrufen – da ich davon ausging, dass sie nur Swahili spricht – und wollte ihr erklären, dass ich ihren Sohn treffen wollte, weil ich ihm helfen wollte. Drei Mal wurde ein Treffen ausgemacht, drei Mal erschien niemand. Ich hatte den Eindruck, dass sie Angst hätte, ich wäre von der Polizei oder sonst eine unheimliche Person. „Was erwartest du dir von diesem Treffen?“ wurde ich oft gefragt. Das wusste ich zu beantworten: ich wollte in einem Gespräch die sozialen und persönlichen Hintergründe des Buben herausfinden und so einen Eindruck gewinnen, wie ich helfen könnte. Geld wollte ich ihm keines geben, weil sich hier Kinder oft Klebstoff kaufen und schnüffeln. Sinnvoll zum Beispiel hätte ich erachtet, ihm eine Schuluniform zu kaufen, sollte er eine Schule besuchen. Ich wurde auch auf die große Wahrscheinlichkeit hingewiesen, dass der Bub absichtlich so von seiner Familie zugerichtet wurde, um genau das zu bewirken, was es in mir auslöste: Mitleid. Viele kenianische Kinder werden leider Opfer solcher Taten, da die Familie sie zu professionellen Bettlern machen und sie dementsprechend herrichten. Die Welt hat schon grausame Seiten… Ich habe somit diesen Buben leider nicht getroffen. Ich habe aber die Hoffnung, dass ihm trotzdem geholfen werden kann: Gabriele und Wolfgang werden hier eine Schule errichten! Vielleicht kann er diese ja besuchen und so zu Bildung kommen und somit verhindern, dass solche Dinge in Zukunft passieren. Nur mithilfe Bildung kann er erfahren, dass er keineswegs Zeit seines Lebens Bettler sein muss! Ich halte ihm die Daumen!
Ja, Bildung ist ganz klar der Schlüssel zu Kenias Zukunft und die Amadeus Kinder haben die besten Chancen, etwas zu ändern, Korruption aufzudecken und sinnvolle Entwicklung zuzulassen. Als ich für meine Nairobi-Reise abgeholt wurde, regte sich der Fahrer auf, warum der Anfahrtsweg zum Kinderheim so kompliziert wäre. Ich erklärte ihm, dass die direkte Zufahrt schlicht und ergreifend von einem Nachbar abgesperrt wurde. Er nickte wissend den Kopf und meinte dazu: „Ja, da sieht man wieder, dass Kenianern Bildung fehlt: da verkaufen sie Grundstücke und haben keine Zufahrt dafür.“ Ja, er hat recht: Wissen ist Macht! Und Gabriele und Wolfgangs neue Schule wird in Ukunda bitter benötigt!
Was mir fehlen wird in Wien? Kenia natürlich! Mir wird das Laufen zum Strand sehr fehlen; mit der Zeit gesellten sich 2 Amadeus-Kinder hinzu – beide tolle Läufer! Als jedoch einmal ein fünfjähriges Mädchen von der Nachbarschaft barfuß mit einem riesigen Lächeln die ganze Strecke mitlief, war ich sprachlos. Ich werde auch diesen wahrhaften Wundertee (Ingwer, Zitrone, Knoblauch) vermissen, den mir die gute Jane jeden Abend in mein Haus brachte, damit meine Stimme für den nächsten Unterrichtstag fit sein würde. Ich werde ganz intensiv die Gegend vermissen mit den herzlichen Leuten, die mir gezeigt haben, wie schön die Einfachheit des Lebens ist. Wie traurig ist im Gegensatz dazu unser Leben in Europa, das geprägt ist von Existenzängsten: was, wenn ich den Job verliere, wie kann ich mir das und das leisten, etc. Ich habe hier gesehen, wie würdig man in Armut leben kann und wie wenig es dazu braucht: 1 Plastikcontainer voll mit Wasser pro Tag – das kann man sich dankenswerterweise hier von Gabriele und Wolfgangs Grundstück kostenlos holen! -, Uguali (aus den einfachsten Zutaten), ein Strohdach, das Kühle spendet, und viel Lachen mit den Leuten aus der Nachbarschaft. Weiters werde ich die Sonnenauf- und untergänge mit Afrikas prächtigsten Farben vermissen, wenn ich im nebeligen Wien hocke. Aber ich habe Glück, ich kann die Augen schließen und mich hierher auf meine Terrasse versetzen und den Palmen zusehen wie sie in der Dunkelheit zunehmend verschwinden.
Was mir nicht fehlen wird? Nun ja, um ehrlich zu sein: Uguali. Die Nationalspeise Afrikas muss ich zugegeben nicht unbedingt regelmäßig verspeisen…
Dass ich alle nannies und vor allem die kiddies vermissen werde, muss ich nicht extra betonen. Mein letztes Abendmahl heute mit ihnen war besonders schwer für mich und viel hab ich nicht hinuntergebracht. Sie wollen morgen um 5h aufstehen und mich verabschieden – ich muss dann halt sehen, dass ich schnell ins Auto einsteige und wegfahre, damit es nicht zu emotional für mich wird…
Es gibt in Swaheli den Ausdruck: „Tutaonana mungu akipenda!“ (Wir werden uns wiedersehen, wenn Gott es will) – ja, ganz sicher, und wenn Gott es nicht will, komme ich trotzdem! Ich habe hier zwei deutsche Vornamen besonders schätzen gelernt: Nina und Rudi; denn beide zusammen ergeben einen wunderschönen Satz auf Swaheli: „Ninarudi!“ (Ich komme wieder!) Ich durfte hier meine Tage mit Leben füllen, und nicht umgekehrt wie es leider im stressigen Europa oft der Fall ist! Asante sana!