Freitag, 30. Juli 2021

The final countdown

Vertrauen ist alles und diese zwei intensiven Wochen mit den Kindern haben mir wieder einmal gezeigt, dass es Zeit, Einfühlungsvermögen sowie Sensibilität braucht, um mit Kindern auf Augenhöhe zu reden und ihre Anliegen, Wünsche, Ängste und Träume ernst zu nehmen.

Wir hatte morgens unsere Yoga-Einheit und begannen den Tag mit dem Sonnengruß. Nach dem Mittagessen probten wir unseren Tanz "Jerusalema", am Abend vor dem Abendessen hielten wir eine Sporteinheit ab und gingen Laufen oder turnten am Sportplatz. Nach dem Abendessen hatten wir unsere Quatsch- und Spaß-Stunde im Pavillon. Und genau diese Zeit war ganz wichtig mit ihnen, um von ihnen zu erfahren, was so los ist in ihrem Leben; wir tauschten uns aus - wie war die Corona-Zeit in Wien; wie haben sie den Lockdown in Kenia erlebt; was macht man in der Freizeit in Wien - was machen sie gerne; welche Beruf- und Zukunftsträume haben sie... Was mache ich, wenn ich traurig, wütend, glücklich bin - wie gehen sie mit extremen Gefühlen um?! Es stellte sich heraus, dass sie diese Quatsch- und Tratsch-Stunde am bittersten benötigten - einfach jemand, der sie emotional dort abholt, wo sie gerade sind. Jedes Entertainment mag gut gemeint sein, aber gemeinsames Reden und Zuhören ist doch am wichtigsten!

Ich machte ein paar Schnappschüsse von einigen Kindern - seht wie sie sich wohl fühlten während unserer gemeinsamen Zeit:


 


 


 










Wie auch schon letztes Mal lud ich Amy, Obama und Allen - unsere Vollwaisen - zu einem Halbtagesausflug ein: ein glassboat ride zu Robinson Island; zuvor mussten wir uns natürlich noch mit Kuchen stärken! Es hat uns allen sehr gefallen!




 



 




Bevor die Schule für die kids in Kenia wieder los ging, verbrachten wir noch einen ganzen Nachmittag gemeinsam am Strand, im Meer:







Als für unsere Kinder letzten Montag die Schule wieder los ging, fuhren Ossi und ich zu Wasini Island und ließen uns von den dortigen Fischspezialitäten verwöhnen; wir schnorchelten auch in der dortigen Korallenwelt herum.


 


 


 


 







Und natürlich: "Jerusalema" wurde ein Hit. Überzeugt euch selbst!! Leider ist das file zu groß, um es hier zu zeigen. Aber schon bald soll es auf unserer Homepage zu sehen sein! Hier einige Bilder:





Sonntag, 25. Juli 2021

Afrika auf Augenhöhe

Wenn man an Afrika denkt, dann denken viele an Armut, Hunger, Korruption, Krankheiten und Mißstände. Ja, das alles gibt es hier. Es gibt aber auch ein anderes Afrika, ein Afrika, das endlich ebenbürtig gesehen werden sollte; ein Afrika, das sich verdient, gleichberechtigt behandelt zu werden und ernst zu nehmen. Ich sehe hier Kenia, ein Schwellenland, das mit vielen Problemen kämpft, so wie wir in Europa mit vielen Problemen konfrontiert sind.

ad Dienstleistung: Kenia mag noch nicht so firm wie wir sein im terziären Sektor. Und trotzdem nehme ich hier den Servicebereich auch auf niedrigster Ebene sehr positiv war. Ich habe mir hier eine Bluetooth - Verstärkerbox gekauft (um das Lied "Jerusalema" mit unseren Kindern gut proben zu können). Beim Ausprobieren dann Vorort funktionierte der Lautstärkerregler nicht einwandfrei. Ich brachte das Gerät zurück und bekam nicht nur ein Neues sondern eine bessere Marke, das eigentlich teurer war, was aber nicht verrechnet wurde. Wenn ich mich da in Wien an meinen Handykauf erinnere, wo das Handy schon nach dem Auspacken nicht ordentlich funktionierte, ärgere  ich mich immer noch: 3 Mal musste es eingeschickt werden und noch immer wollten sie es nicht austauschen. Mutmaßungen, wie "das haben wahrscheinlich Sie ruiniert", musste ich mir gefallen lassen. Schlussendlich brauchte es anwaltliche Schritte bis ich mein neues Handy bekam - soviel zur Handhabe von Gewährleistung bei uns. Auch einige Wiener Kaffeehäuser könnten an ihrer Bedienungsfreundlichkeit arbeiten (da muss ich nicht weiter ins Detail gehen; ihr wisst, was ich meine... Die Unfreundlichkeit der Wiener Kellner/innen sind über die Grenzen hinaus bekannt.) Auch in Salzburg kann ich mich erinnern, daß mir die Bedienung dort erklärt, dass sie touristenmüde sind... Aber das wäre doch eigentlich ihr Job. Also, hier in Kenia ist man von Freundlichkeit umgeben, ob das im Restaurant ist, im Safari Business oder in herkömmlichen Geschäften. 

Ad Diebstähle: ja, es wird hier gestohlen. Es wird aber auch in Wien gestohlen. Ossi und mir wurde schon so Einiges in Wien gestohlen und die Polizei kann es auch nur aufnehmen, sind dem Kleinverbrechen aber in keinster Weise gewachsen. Diebstahl hat natürlich auch etwas mit Armut zu tun. Hier versteh ich das Stehlen noch eher: wenn man nichts hat und man sieht, dass andere so viel haben, dann ist die Versuchung hoch. Und hier in Kenia gibt es nun einmal keine etablierte Mittelschicht. Menschen, die in Wellblachhütten im Schlamm/Erdboden leben, ohne Arbeit, ohne Perspektive, dann radikalisiert man sich eher - keine Frage: unrechtmäßiges Verhalten, dennoch irgendwie nachvollziehbar. Am Weg (ist nicht wirklich wegsam) zum Kinderheim fahre ich durch den kenianischen Busch und das Auto hat alle Mühe diese Schlammwege und Ruppelpisten zu durchqueren. Da sehe ich auch die Leute, wie sie leben.... waschen, kochen, arbeiten im kleinen Beet mit nichts wirklich zu ernten, Wasser heranschleppen, Kinder, die im Dreck spielen.... Und dann sehen sie mich: gewaschen, angezogen, im Auto fahrend, in der Handtasche Geld, Handy, Tablet. Was werden sie sich wohl denken? Wie müssen sie sich fühlen? 


Als wir in Wien mit der Flüchtlingswelle konfrontiert waren, war ich schockiert, ein paar Wiener/innen mit ihren Pelzmäntel und Hüten spazieren zu sehen, wo die Armut von traumatisierten Kriegsflüchtlingen ihnen ins Gesicht schrie. Kurzum, es macht keinen Spaß vermögend zu sein, wenn man umgeben von Unglück ist. Außerdem wird man zum Gefangenen seiner eigenen Habe: denn um sein eigenes Vermögen zu schützen, muss man es sichern, entweder durch Alarmanlagen oder seiner eigenen ständigen Präsenz. Ich kann zum Beispiel nicht ins Meer gehen, wenn ich nicht jemanden mithabe, der auf meine persönlichen Sachen aufpasst. Nun steht man da an einem der schönsten Strände der Welt in Kenia und kann nicht ins tiefblaue, wunderschön glitzerndes Meer springen, weil sie dir deine Badetasche und die trockene Unterhose entreißen. Tja, eine gute Basis in einer Form von zufriedenen Mittelschicht ist der Schlüssel zum Glück des Einzelnen. Warum das hier nicht so leicht möglich ist? Das ist mein nächster Punkt:

ad Korruption: natürlich ist das das Grundübel. Und das Rezept, Korruption zu besiegen, mag auf internationaler und nationaler Ebene pathetisch und unrealistisch klingen, auf individueller Ebene klingt das bei Asha (12), eines meiner Mädchen im Kinderheim, so: "Our president now is not good. He is only interested in his own wealth and his family. But next elections we all must go and elect a better one, one that is fair and wants to do good." Aber um das sagen zu können, zeigt schon, dass sich Asha mit ihren Grundrechten auseinander gesetzt hat und von ihrem Recht Gebrauch machen wird. Dass faire Politik leider nicht so einfach umzusetzen ist und Korruption viel tiefer geht, als es einfach wegzuwählen, wird Asha schon bald erkennen müssen. Aber sie ist im Prozess schon involviert und das ist, worum es geht - um politisches Denken und Bewusstsein. Und was Korruption bedeutet, sehen wir in Österreich, in Zeiten dieser Bubenregierung, sehr klar - und das obwohl wir zu der sogenannten 1. Welt gehören. Also, auch in diesem Punkt versuchen wir mit Afrika auf Augenhöhe zu kommen... Gar nicht gut. 

ad Gewalt: häusliche Gewalt ist in Kenya, vor allem was Kindererziehung anbelangt, weit verbreitet. Die "gesunde Watschn" wurde ja auch bei uns in Österreich lange Zeit bagatellisiert. Hier in Kenia verwendet man oft auch einen Gartenschlauch, einen Stecken oder einen Stab. Das ist in unserem Kinderheim natürlich verboten. Man muss nur immer genau hinsehen und aufpassen, dass diese Werte nicht kippen und vernachlässigt werden. Das ist zumeist ein mühsamer Prozess, aber absolut notwendig. Auch in Österreich haben wir akuten Handlungsbedarf: wir haben in der letzten Zeit einen traurigen Höchststand an Frauenmorden erfahren - Corona hat viele Mißstände in Europa aufgezeigt; häusliche Gewalt mit desaströsen Frauenmorden in Österreich ist einer davon. Nein, es wäre ignorant und anmaßend, würden wir es wagen, auf Afrika mit Fingern zu zeigen. 

Ossi sieht diese unfassbar schöne Natur hier, die Sonnenuntergänge des irrsinnig großen orangenen Balls, unseren riesengroßen Garten im Kinderheim mit den Hasen und Ziegen (und deren Babies: wir haben 2 Babyhasen und eine frisch geborene Ziege namens Sheila), die vielen Kinder, die schon seit Jahren seine Freunde und Freundinnen geworden sind. Er möchte nicht nach Wien in die Stadt voller Beton (wie er sagt), in unsere kleine Wohnung, wo niemand ist außer er und ich,... wo es keine pikipiki oder tuktuk gibt und überhaupt, wo alles so kompliziert ist... 


Ich gebe es offen zu. Ich bin Europäerin und vermisse sehr wohl die europäischen Strukturen und vor allem Kultur. Doch, wie Ossi für sich richtig erkennt, wenn man die Natur und weniger die Kultur in Form von Theater, Musik etc sucht, dann ist man hier schon richtig. Etwas genieße ich hier wirklich sehr, und das ist das Wetter: moderate Temperaturen bis zu 28 Grad, eine kleine Brise - man ist immer in kurzen Hosen und T-Shirt unterwegs ohne zu schwitzen oder zu frieren, und das von früh bis spät. Einfach herrlich!!

Und so ziehen meine Gedanken über Afrika an mir vorbei, während an meinem Nebentisch junge Kenianer/innen mitten am Tag mit einer Bacardiflasche vom Feinsten feiern und ich denke mir, super, da sieht man ja, es geht doch auch vielen gut und die machen heute mal auf einen drauf... Warum nicht. Zeigt, dass auch Komatrinken in Kenia angekommen ist und Alkohol kostet ja auch, also auch das Saufen muss man sich leisten können. Und schon glaubt man, man könnte auch in Europa gerade sein. Und dann geh ich zum Auto und fahre ein Stück und muss halten, weil die Polizei mit geladenen Schießgewehren eine Truppe von Häftlingen (in schwarz weiß gekleideter Uniform - wie im Bilderbuch) mit Ketten an den Füßen vor sich über die Straße treibt. Und auf einmal fühle ich mich doch wieder in einem Afrika, meilenweit entfernt von Europa..... (Sorry, dass ich kein Foto hiervon zeigen kann, aber das konnte ich nun wirklich nicht: eine reiche mzungu-paparazzi auf Jagd nach einem Schnappschuss vom Gefangenenmarsch) 


 







Freitag, 23. Juli 2021

The power of knowledge

 Mit wehenden Gewand auf einem pikipiki sitzend kommt Rose im Amadeus an. Ein Bild für Götter: ein bisschen surreal wie die "Omama im Apfelbaum" oder "meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" - eine ältere Frau, hübsch herausgeputzt, hinten oben am Moped, beide Beine seitlich gestreckt wegen des langen schmalen Rocks. Die Kinder haben chai (Tee) und eine Jause für sie vorbereitet. Sie scharen sich um sie und hören ihr zu, wie sie einzeln zu ihnen spricht. Leider versteh ich es nicht, da meine Swahili-Kenntnisse sich auf ein paar Wörter und festgesetzte Sätze beschränken,  aber von der Mimik, der Atmosphäre und dem Klang ist es ein schönes Gespräch, das in die Vergangenheit der Kinder führt und sie zum Erinnern an alte Lieder und Rituale mit ihr anregt. Die Kinder führen sie dann in ihre Zimmer und sie schimpft belustigt über ihre unaufgeräumten Kleiderkästen. Bevor sie sich bei uns allen verabschiedet, geben ihr die Kinder noch ein paar Mangos mit auf ihren Heimweg. Sie umarmt mich und bittet mich, sie nicht zu vergessen; sie würde Amadeus auch nie vergessen, da ihr hier etwas ganz Wichtiges beigebracht wurde: ihren Namen zu schreiben - Rose. Ja, Wissen ist Macht. 





Ich bin ja schließlich die Bildungsbeauftrauftragte vom Amadeus Verein und somit mit allen Bildungsfragen beauftragt. Deshalb treffe ich auch Maren, die Schuldirektorin von der Schule, die unsere Kinder besuchen. Bei unserem Gespräch erfahre ich über Fortschritte unserer Kinder - einige sind wirklich sehr gut, andere tun sich etwas schwer - auch natürlich deren Herkunftsgeschichte geschuldet. Aber sie werden ihren Weg machen... Andrea will Pilot werden und seinen Noten zu schließen, ist das nicht unrealistisch. Das Schulsystem verändert sich gerade. Das 8-4-4 System wird zu einem 6-3-3-3. Das heißt: 6 Jahre Grundschule, die mit dem KCPE (Kenyan Certificate of Primary Education) abschließt, mit insgesamt 11 Fächern, dann 3 Jahre junior high school, dann 3 Jahre senior high school, was mit der KCSE (Kenyan Certificate of Secondary Education) abschließt. Nach der 6-jährigen Grundschule geht man in ein Internat; es gibt zwar day schools, aber die haben einen sehr schlechten Ruf. Das Internat, in das zur Zeit 2 von unseren Kindern gehen (ab nächster Woche kommen weitere 2 unserer Kinder hin und sind schon sehr aufgeregt), fängt seinen Schultag um 4.30h morgens an (das ist moderat, viele boarding schools fangen ihren Tag um 3h morgens an.): zuerst duschen, dann prep class (Vorbereitungen für den Unterricht), dann assembly (da spricht die Direktorin zu allen und es wird gebetet). Dann fängt der Unterricht an, um 6.30h. Der Unterricht (mit Mittagessen) geht bis 15.30h. Anschließend finden Clubs statt bis 17h (das sind Musik und Computer Einheiten). Danach putzen die Kinder die Klassenräume und nach dem Abendessen ist Zeit für Hausaufgaben. Dann gehen sie zu Bett und dürfen noch lesen. Rama erzählt mir, er schläft im Bett über seinen Büchern ein.... Kein Wunder. Undenkbar, in Österreich (oder in Europa überhaupt) den Unterricht um 6.30h zu beginnen, mit einer Vorbereitungszeit von 5.30h bis 6.30h)....Hier ist das aber so üblich und laut Maren unvorstellbar, das zu ändern. Es wird von allen positiv mitgetragen.

Ossi nützt die Gelegenheit, um Maren 3 Fragen bezüglich des kenyanischen Schulsystems zu stellen, die er zu einem Referat im kommenden Schuljahr verarbeiten will.

Mich haben vor allem die Schulbücher interessiert, die unsere Kinder gerade für ihr kommendes Schuljahr bekommen haben. Hier ein paar Eindrücke!

Das swahili Lernbuch (wie das Deutschbuch bei uns). 


Na, probiert doch das mal gleich selber aus! :)


Das werde ich meinen Schülern und Schülerinnen in der Schule geben :

Kenianische Politik auf einfachem Niveau - so versteh ich es auch! :) 

Die Kinder hatten im letzten Monat ein 4-wöchiges Summer Camp in ihrer Schule und sind nachhaltig begeistert. Sie sind noch enger zusammen gewachsen mit ihren Schulfreunden und mit ihren Lehrern und Lehrerinnen. Besonders positiv war ihre Erfahrung mit dem neuen Schulpsychologen Anthony, der sich mit ihnen und ihren Sorgen intensiv beschäftigte. Maren möchte ihn deshalb weiterhin an ihrer Schule haben. Das finde ich auch eine sehr gute Idee. Wovon das abhängt? Geld, natürlich. Der Schulpsychologe kostet Euro 15 pro Halbtag - für europäische Verhältnisse ein Schnäppchen, nicht hier. Ich werden bei unserer nächsten Vereinssitzung um Unterstützung ansuchen - mal sehen....

Der Schulpsychologe Anthony wird sich außerdem auch mit den Ujamaa Leuten zusammen setzen und deren Erkenntnisse über unsere Kinder in seine Arbeit einfließen lassen. Das Ujamaa Seminar kam gestern zu seinem Abschluss. 3 Tage war das 4-köpfige Team da und knüpfte an die intensive Fortbildung von vor 2 Jahren an (ich berichtete davon). Es war eine sehr positive Erfahrung: die Kinder wurden wieder positiv gestärkt. Ich hörte Sätze wie: "I am beautiful. I love my body. Nobody touches me unless I want it." Natürlich wurde auch Grundsätzliches wiederholt: sexually transmitted diseases, sexual abuse, physical abuse, emotional abuse - Konzepte, die vor allem mit den nannies und den askaris besprochen wurden. Selbstverteidigung wurde auch wiederholt. 





Ja, in der Tat, Wissen ist Macht. Nur, wenn unsere Kinder Gut von Böse unterscheiden können, können sie richtig reagieren. Und nur wenn sie wissen, wohin sie sich wenden können, können sie sich sicher fühlen. Und nur wenn sie sich sicher fühlen, können sie ein selbstbestimmtes Leben führen. 
Unsere wichtigste Aufgabe als caretakers und auf der Ebene des Vereins ist der Schutz der Kinder - in allen Belangen, bedingungslos. Nur wenn das gewährleistet ist, kann man in die kenianische Leichtigkeit einstimmen: Hakuna matata, Kenya. 







Sonntag, 18. Juli 2021

The grand scheme of things....?!?


Ossi and ich mögen vielleicht regelmäßige Kenia-Besucher sein, aber es wäre schlichtweg falsch zu sagen, wir sind hier bekannte Gesichter, die jeder kennt... Obwohl, wenn ich so die letzten Tage Revue passieren lasse, dann bin ich durchwegs überrascht...

Am Weg zum Supermarkt laufen wir doch glatt unserer Schneiderin, Fatima, über den Weg, die wir das letzte Mal vor 2 Jahren gesehen haben. Da sie ihr Geschäft normalerweise am Strand betreibt, war ich überrascht, sie in der anderen Seite von Ukunda zu sehen. Sie erklärte mir, sie musste ihr Geschäft übersiedeln - der Arbeitsaufwand ist überschaubar. Ihr Geschäft besteht aus 4 großen Stecken und einigen Welldachbrettern. Sonst wurden an einer Holzleiter 10 Stoffe zur Schau gestellt. Ich hatte sowieso vor, sie aufzusuchen, da Ossi sein jährliches kenianisches Outfit bei ihr bestellt. Und so war es auch. Nach freudigen Wiedersehensumarmungen ging es ans Maßnehmen und bestellen. Nach 2 Tagen war alles wieder fertig : 2 Hosen, 1 Shorts, 2 T-shirts und 1 Hemd für den jungen Mann. Alles zu erschwinglichen Preisen (trotz des mzungu - Aufschlags). Corona hat das Geschäft total zu erliegen gebracht - umso mehr ein gutes Gefühl, die lokalen Arbeiter und Arbeiterinnen zu unterstützen. Was ich insgesamt nicht verstehe, warum es nicht schon längst eine afrikanische Mode-Kette in Europa gibt (wie desigual oder so) - die Mode hier und all diese Stoffe sind ein wahrer Hit und schauen einfach großartig aus!! 

Danach fuhren wir mit dem tuktuk weiter zu einem Handy-Geschäft (safaricom heißt das hier), da ich eine sim Karte benötigte. Das war in Null-Komma-Nix erledigt. Ossi stößt mich an und raunt mir zu:" Mama, ist die Frau hinter dir nicht die Besitzerin von KFI?" Ich traute meinen Augen nicht, Ossi hatte recht. Diese ältere Frau (ich erfuhr später, dass ihr Mann erst vor wenigen Monaten gestorben war) ist die Chefin von einem großen Stoff- sowie Schneidereigeschäft. Ich habe dort mal ein paar Polsterüberzüge gekauft und einige Freundinnen hier gehen zu ihr regelmäßig, um Stoffe zu kaufen und nähen zu lassen. Ich bin immer sehr beeindruckt, wenn ich dort bin und sie auf einer großen Poltrona sitzen sehe. Mit ihren Augen ist sie überall, hat alles in Visier, strahlt trotzdem eine Ruhe aus, damit der customer sich wohl fühlt. Ihre Angestellten sind alles Männer, die um sie herum tanzen und alles wortgetreu ausführen, was sie mit einer lieblichen, dennoch bestimmten Stimme sagt. Und man merkt ganz genau, dass sie die Hosen anhat. Ich gebe zu, mir gefällt das schon - so ein wenig "verkehrte Welt" zu sehen - ich weiß schon, dass in Europa an Gleichberechtigung gearbeitet wird, aber, wie wir alle wissen, sind wir nicht sehr weit....und auch, wenn ich in unserer Zukunft, Männer nicht unterwürfig sondern gleichberechtigt sehen will, so gefällt es mir doch zugegebenermaßen einmal nicht die Frauen mit Kaffeetassen rennen sehen, sondern Männer, die nach einem geprüften Blick der Chefin mit einer Tasse Kaffee angelaufen kommen. 

Tja, und was darf natürlich in den ersten Tagen in Kenya nicht fehlen? Sehr richtig: mein obligater Friseurtermin. Ein Geheimnis hab ich hier noch nicht gelüftet... Meine lokale Friseurin hier hat meinen WhatsApp Kontakt und schreibt mir ab und an, vor allem um zu fragen, wann ich wieder komme. Seit 2 Jahren also wartet sie auf meinen Friseurtermin. 2 Tage vor meiner Abreise schrieb sie mir und ich konnte ihr endlich freudig sagen, ich kann kommenden Freitag kommen. Sie sagt, sie kann es kaum erwarten und ich soll sie davor anrufen, damit sie mir den Weg ansagen kann, denn auch sie hat ihr Geschäft verlegt. Dann rufe ich sie an und was muss sie mir sagen?: sie musste nach Nairobi. Es tut ihr leid.... Ja, das kann natürlich auch sein - Notfälle gibt es immer. Aber dass sie keine Freundin hat, die den Job für sie übernimmt und wenn sie "bloß" die Hälfte somit verdient, ist es ein Super-Geschäft für sie. Nun, so hat sie mich für dieses Jahr verloren und ich ging zu einem anderen Friseur : the royal saloon. Ich wurde hervorragend bedient, fühlte mich sehr wohl. Pediküre gab es auch gleich obendrauf. Die Chefin erzählt mir, sie hat 6 Angestellte und betreibt das Geschäft seit 20 Jahren. Und das sieht man: sie hat Stammkunden und ihr Geschäft ist voll. Neben mir sitzt eine weitere Kundin. Sie will ihre afrikanischen Haare glatt haben. So sitzen wir nebeneinander und sehen einander zu, wie sich unsere Haare gegensätzlich verändern: ihre Haare werden mit aller Gewalt europäisch (mit Glätteisen und Feuerzange) geformt und meine Haare werden mit aller Gewalt afrikanisch geformt - jeder Quadratzentimeter wird verknüpft mit falschen Haarteilen und wird geflochten, dann in kochendes Wasser gehalten, um es lockig zu kriegen... Eine Prozedur, die 4 Stunden dauert und starke Kopfschmerzen hervorruft. Ja, was tut man nicht alles, um sich hübsch zu fühlen... Am Ende der Qualen stehen wir beide auf und schauen uns an: meine Nachbarin schaut so aus wie ich vor 4 Stunden und ich wie sie zuvor. Es ist nun mal immer so: man will immer das haben, was man nicht haben kann... 

Aber inmitten dieser Prozedur passiert das Unwahrscheinliche: eine ältere Frau mit einem Kübel gekochten Maiskolben am Kopf kommt herein und bietet diesen Snack an. Ich schau sie an und ich glaube, mich laust der Affe: das ist doch Rose, die vor 11 Jahren bei uns im Amadeus gearbeitet hat. Sie war einer der fleißigsten Mitarbeiterinnen, die alle Wände gestrichen hat sowie alle Fenster geschmirgelt hat. Also eine Frau, der ersten Stunde des Amadeus children's home. Sie kümmerte sich rührend um unsere Babys (Obama, Allen, Amy - waren damals unsere Babys) und sang ihnen swahili Songs, wenn sie nicht schlafen konnten. Sie selbst konnte keine Kinder bekommen und wurde deshalb von 3 Männern verlassen - in Kenia ist das Kinderkriegen eine Voraussetzung für eine Beziehung. Rose war also überglücklich einen Job bei uns zu haben und sich um Kinder zu kümmern, die sie selbst nicht haben konnte. Nur leider konnte sie kein Wort Englisch und das wurde immer wichtiger bei uns im Amadeus, da die nannies den Kindern bei den Hausaufgaben helfen sollten. Und so wurde sie schlussendlich nicht mehr bei uns beschäftigt. 

Zunächst erkannte sie mich gar nicht. Sie ist schon älter und ihre Augen sind nicht mehr so gut. Außerdem ist es 11 Jahre her, dass ich sie das letzte Mal gesehen habe. Aber als ich "Amadeus children's home" erwähnte, viel der Groschen und wir umarmten uns und hielten uns lange gedrückt. Wir beide hatten Tränen in den Augen. Ich fragte sie, ob sie die Kinder wieder sehen wollte und sie wollte natürlich. Heute am Nachmittag wird sie zu uns kommen ins Amadeus; das Geld für den Transport habe ich ihr gegeben. Was für ein Zufall... Rose wiederzusehen.... Und überhaupt, all diesen Menschen wieder über den Weg, rein zufällig, zu laufen, stimmte mich nachdenklich und natürlich auch glücklich!!! 

So, nun schau ich wieder ziemlich afrikanisch aus: mit den Haaren und kikoi und so... Auch das soll ja schon anmaßend sein: sich als Europäer auf afrikanisch zu geben. Die politische Korrektheit macht keinen Halt: jede Kultur ist zwar gleichberechtigt, aber man darf sie nicht nachahmen. Als ich mit Ossi unlängst mit Freunden unterwegs war, fragte mich ein Opa von Ossis Schulfreundin, "Woher kommt dein Sohn?" Ihr Papa daneben schreit seinen Vater verschämt an, "das ist diskriminierend, das kannst Du doch so nicht sagen... Das ist ja unglaublich, sowas würdest Du zu einem weißen Kind nie sagen!" "Eh nicht", erwiderte der Großvater, "Schwarze gibt es hier nun einmal in unseren Breiten nicht. Ergo, hat Ossi einen anderen geografischen Einfluss." Und wie recht er hat. Ich nenne es nicht Diskriminierung, ich nenne es Interesse... Denn wenn man nicht mal mehr fragen darf, woher man kommt, dann wird es fad. Dann muss man ja davon ausgehen, dass alle - wie auch immer exotisch oder" anders" man aussieht, keine interessante Geschichte haben. Und Ossi hat eine - und er erzählt sie gerne: er ist eine Wiener Melange gemixt mit köstlichen afrikanischen Gewürzen!! 




Mittwoch, 14. Juli 2021

Der Königsvirus des Dschungels

Es ist global offensichtlich : Corona hat es auf den Viren-hit-charts ganz nach oben gebracht und singt sein Lied in abgewandelten Varianten, sei es nun covid oder delta oder sonst was. Ich hab mich in den letzten Monaten immer wieder mal gefragt, wie sich die anderen Viren wohl fühlen müssen... Vernachlässigt und schwer diskriminiert. Ob es wohl zu einer Viren - Revolution kommt??? Nun, das ist eine rein finanzielle Frage. Malaria hat schon seit Jahrzehnten schwere Auswirkungen auf die Menschheit und kostet bis heute Millionen von Menschenleben sowie schwere und zum Großteil irreparable Folgen, auch wenn man die Krankheit übersteht. Nur mit dem großen Unterschied zu Corona : der Übertrager von Malaria macht vor Europa halt. Warum? Der Zezefliege ist es einfach zu kalt bei uns - noch... Mal sehen, was der Klimawandel dazu beitragen kann, dass sie sich doch mal wohler fühlt in unseren Breiten. Vor wenigen Jahren spitzte ich mal die Ohren, als das Ö1 Radio von einigen, aber wenigen, Malaria Vorfällen in Österreich berichtete.... Aber das ging schnell in Vergessenheit, da es sich auf ganz wenige Fälle beschränkte. Mit Corona verhält es sich nun anders - viele Fälle, ergo großes Interesse, daher riesiger Medienrummel. Und das Ganze in Europa, dem Kontinent der 1. Welt (ich weiß, ist nicht mehr politisch korrekt, aber plakativ), und somit finanziell potent. Denn Sätze wie "koste es was es wolle" muss man sich zunächst mal leisten können und Europa kann es: einen Impfstoff zu entwickeln ist zweifellos eine wissenschaftliche Glanzleistung; die Wissenschaft, die das zuwege bringt, zu bezahlen, eine noch viel größere! Denn es ist nicht so, dass die afrikanische Wissenschaft und Medizin nicht an Impfstoffen für Malaria arbeiten würden und forschen würden,... es gibt einfach nicht genügend finanzielle Mittel bzw mediales Interesse, um die Dringlichkeit zu erhöhen. Es wird zur Zeit gerade wieder ein - so wird berichtet, wenn man danach sucht (stolpern tut man darüber nicht) - vielversprechender Impfstoff getestet und erprobt... Bleibt zu hoffen, dass das Geld nicht wieder ausgeht, denn Afrika tut sich da nicht so leicht, wie wir zu sagen : "das leisten wir uns jetzt". Laut einer Tropenvirologin, mit der ich unlängst gesprochen habe, ist es sehr schwierig Malaria mit einem Impfstoff Herr zu werden. Es verändert nämlich seine Form minütlich, sodass man in sehr kurzer Zeit, es nicht mehr in der ursprünglichen Form erkennen kann und es verändert sich auch nicht nach einem Muster, das man nachbauen könnte - zum Haare raufen.

Corona in Kenia? Naja, was soll man sagen? Kenia ist ein junges Land: die Zahl der Erkrankten deckt sich mit der Zahl der Genesenen. Was Europa in dieser Pandemie als Vorteile zu bieten hat, ist ganz einfach: Geld, eine literate Bevölkerung und ein Melderegister. Hätte das Afrika, wäre alles schon mal halb so schlimm. Geld gibt es schon mal nicht. Menschen, die lesen und schreiben können, auch nicht zwingend. Menschen, die registriert sind und kontaktiert bzw mit nationalen und internationalen Nachrichten erreicht werden können, auch nicht flächendeckend. Nun? Welche Maßnahmen soll man also setzen, wenn das Leben sich auf der Straße größtenteils sich abspielt und die Menschen keine Wohnungen haben, wo man sie einsperren kann?!? International kam natürlich auch Afrika unter Druck und hatte Pandemie-gerecht zu reagieren. Und was soll man zusperren, wenn es schon mal nicht viel zum Zusperren gibt? Natürlich die Schulen (und zwar für mehr Monate als in Österreich) - meiner Meinung nach, der einzig sichere Ort in Afrika: dort gibt es Platz, geleitet von einem Lehrer, der für einen geregelten Ablauf sorgt, und der (und das ist wohl das Wichtigste) das Wissen über Hygiene und Gesundheit weiter gibt! Tja, da die Schulen alle geschlossen waren, spielte sich das Leben einfach auf der Straße weiterhin ab - ohne Corona-Maßnahmen. Aber wie heißt es so schön in Kenia: an irgendetwas stirbt man halt - ob das nun Corona, Malaria oder sonst ein diskriminierter Virus, der auch mal in den höheren Charts mithalten will, ist, ist ja schlußendlich völlig redundant.

Ja, ihr habt es schon richtig erkannt: ich bin wieder mit meinem Sohn in Kenia. Wir haben schließlich 21 Kinder hier in Amadeus children's home, die auf uns warten und die ich nicht bis auf die post-Corona-Zeit vertrösten kann, wann auch immer das sein wird. Wir mussten sowieso dem Wahnsinn letztes Jahr klein beigeben... Letztes Jahr konnten wir nicht nach Kenia kommen, was unsere Kinder zutiefst bedauerten. Ich bekam herzzereißende Briefe von ihnen mit so Sätzen wie "I was dreaming you would come tomorrow, but, alas, tomorrow never comes." Und nein, es war nicht Corona, das uns letztes Jahr abhielt, hierher zu kommen, sondern die Formalitäten. Es gab keinen von der Fluglinie akzeptierten PCR Test, den sie hier in Ukunda durchführen konnten; bloß in Nairobi - und wie komme ich von hier nach Nairobi? Ja, genau - mit dem Flugzeug... Und da haben wir wieder das Problem. Denn sonst kann es nicht wirklich einen Grund geben: Abstand kann ich überall halten und unsere Kinder in Amadeus sind seit 1,5 Jahren sozusagen im lockdown - nicht mehr als sonst auch, sie sind immer zu Hause (oder auch in der Schule - jetzt wieder) in ihrem schönen Reich. Und Tourismus ist hier zum Erliegen gekommen - es ist niemand da, auch nicht am Strand (war schon in den letzten Jahren auch fast kaum etwas los); die hohe Inflation treibt die Touristen schon seit Jahren in das besser organisierte Tansania. Also, kurzum, jede morgendliche Busfahrt mit dem 59a in Wien ist ein Corona Hotspot in Vergleich zu hier. 

Ich habe natürlich einiges zu tun hier : Ujamaa macht sein "follow up" Projekt fertig - etwas, das wegen Corona eben jetzt erst zu Ende gebracht werden kann. Ich werde es begleiten und mitdokumentieren. Morgenyoga sowie Abendlauf dürfen natürlich fix nicht fehlen. Und dann werden wir "Jerusalema" einstudieren - der Song, der wie der Virus durch die Welt ging, und alle haben sich mitreißen lassen! Das Ziel ist es, Amadeus zum Rocken zu bringen... Da hab ich wenig Befürchtung: den Hüftschwung bringt jeder Kenianer genetisch mit! :) 





Mittwoch, 28. August 2019

Amadeus-Mission completed



Nun sind diese letzten 3-einhalb Wochen vergangen und ich habe meine to-do-Liste abgearbeitet:

  • UAMAA Projekt begleitet und mitdokumentiert
  • Money Seminar für die Kinder 
  • Ausflug mit Amy, Allen und Obama 
  • Supervision für alle nannies
  • 10 golden rules for Amadeus und Verhaltenspyramide 
  • Reading club: "Charlie and the chocolate factory" für die Kinder
  • Theaterstück "The Stone Soup"
  • Running sessions am Abend 
Es hat alles wunderbar geklappt. Es ist schön zu sehen, wieder ein wenig vorwärts gekommen zu sein. Die Hoffnung bleibt, doch etwas Positives bewirkt zu haben.... Die Erinnerung an Vieles, das ich hier erleben durfte, wird bleiben und mich begleiten.

Dass Ossi 1 Jahr älter und gescheiter geworden ist, merkte ich auch an der sensibleren Denkart, die er hier diesen Sommer zeigte. Ich erinnere mich gut, als er nachdenklich einer Kuh zuschaute, die auf einem Müllberg etwas Essbares suchte. Ossi sagte:" Aber Mama, diese Kuh frisst ja Plastik mit. Da wird die Milch, die sie geben soll, ja auch schlecht werden. Und dann trinken das die Menschen und die werden dann auch sicherlich krank davon!" - Ja, willkommen im Teufelskreis unseres Planeten-Bio-Haushaltes....

Etwas, das mich hier ziemlich betrübt, ist diese Kluft zwischen arm und reich. Mittelklasse gibt es nicht. Ich zähle als reich und bin irgendwie auch gezwungen, so zu agieren. Wenn ich hier im kokkos Kaffeehaus sitze, so kommt immer ein armer Junge zu mir, der Orangen verkauft. Mittlerweile kenn ich ihn schon gut, da ich immer einige Orangen bei ihm kaufe. Er muss immer lachen, weil ich auf swahili zähle und manchmal Fehler mache. Das Traurige an diesen Begegnungen ist, dass ich intuitiv meine Tasche, mein Tablet schnell sicher verstaue und in Sicherheit bringe, weil man leider nie sicher sein kann, ob ein Kind nicht auch zum Stehlen verleitet wird. Die Weißen hier sagen, man soll sich nie darauf verlassen, denn sobald sich die Gelegenheit bietet, werden sie dich beklauen....so hier die gängige weiße Meinung. Aber dieses schrecklich furchtbare Gefühl, wenn ich "arm" sehe, dass ich alles Wertvolle, das ich besitze, verstaue, trage ich für Stunden mit mir - mein Herz gibt mir ganz klar zu verstehen, dass das nicht in Ordnung ist. Ich denke mir immer, wie sich dieses Kind fühlen muss, wenn es sehen muss, dass man alles vor ihm wegräumt... Aber was tun? Ich kann nur Hoffen, dass dieses Land es irgendwann schafft, eine Mittelklasse aufzubauen und ihre Korruption hinter sich lässt. Die Regierung scheint aber schon zumindest ein wenig zu reflektieren: in diesem Monat wechseln sie die Geldscheine; das tun sie, um alle alten Geldscheine, die in wenigen Wochen nichts mehr wert sind, zumindest mal zu erfassen und an den Markt zu bringen. Die meisten Geldscheine werden nämlich von den Reichen gehortet, um dann bei Wahlen Stimmen zu kaufen!! Soviel zur demokratischen Wahrheit hier....

Ein wenig habe ich dieses Jahr das Gefühl, mehr schwarze Freundschaften geschlossen zu haben. Ich habe mehr Telefonnummern ausgetauscht und werde über WhatsApp in Verbindung bleiben. Das ist davor nicht so passiert. Weiß und Schwarz mischt sich nicht so leicht. Ich tu mir auch nach wie vor schwer, schwarze Gesichter und ihr Gefühlsleben zu lesen. Ich weiß nie genau, was sie meinen oder wie sie fühlen.... Aber trotzdem hab ich ein paar Freundschaften schließen können... Auch das wird man erst in der Zukunft sehen, ob das so funktioniert ; denn das Risiko ist hoch, dass sie dich dann immer nur kontaktieren, weil sie Geld brauchen und sie dich als Sponsor für ihre Kinder haben wollen.... Es ist wirklich schwierig....

Die Mehrheit der Weißen hier sind nach vielen Jahren in diesem Land äußerst frustriert. Sie alle sind der Meinung, daß sie hier niemanden trauen können, dass sie immer nur bestohlen werden. Sylva, die hier ein Hotel leitet, weiß, sie kann ihr Haus nicht verlassen, ohne dass sie von ihren Mitarbeitern, die das Haus bewachen soll, nicht bestohlen wird: Fernseher, Kleidungsstücke, etc. Maren, die Schuldirektorin, musste einen engen Mitarbeiter, für den sie die Hand ins Feuer gelegt hätte, fristlos entlassen, weil er sich an den Sparbüchsen ihrer Waisenkinder bedient hat. Hat man da noch Worte.... 

Eine sehr erschreckende Idee der Regierung ist, die Waisenhäuser in diesem Land zu schließen. Sie wollen alle Kinder zu ihren Verwandten, wenn sie irgendwelche haben, zurück schicken und die Findelkinder in ein zentral geführtes Heim bringen. So ist es auch schon beschlossen worden. Doch - und das ist wieder gut in diesem Fall - hapert es an der Umsetzung. Alles dauert hier Jahre bis etwas passiert, und somit sind wir guten Mutes, dass bis dahin unsere Kinder erwachsen sind. Außerdem hat Maren das letzte Mal den Children’s Officer (also eine Art MA11 Fürsorger) vor 9 Jahren gesehen, als er in den dunklen Morgenstunden 2 Kleinkinder in Unterhosen ihr vor die Tür setzte. Seitdem hat sie ihn nicht mehr gesehen.... Im Falle, dass er wirklich unser Amadeus Heim schließen will, so dürfte das konkret recht schwierig für ihn sein: er weiß nämlich nicht, wo es ist und es ist auch recht schwierig zu finden... Wir sind inmitten des kenianischen Buschs zwischen Ukunda und Diani. Ansässige pikipiki driver muss ich auch immer den Weg ansagen, damit sie überhaupt den Weg finden.... Also, was die Fürsorge-Person betrifft, so müssen wir uns mal keine Gedanken machen: unser Amadeus wird es weiter geben und unsere Kinder sind sicher und wohlauf bei uns.... Und Ossi und ich? Ganz einfach: tutarudi tena!!! (we will be back) 

KWA HERI!!