Samstag, 10. August 2019

Die Magie der Transzendenz IF....




Das Leben hier, im Gegensatz zu Wien, kann sehr entspannt sein: Fortbewegung mit tuktuk (3-Rad Taxi) oder pikipiki (Motorrad) auf Fingerschnipp und sehr wenig Geld. Kleidung wird am Strand  ausgesucht, angemessen und prompt am nächsten Tag geliefert - Ossi bekommt hier immer sein jährliches kenianisches Gewand. Alle anderen Dinge, die du brauchst, bestellst du am Strand, wo mindestens 5 Menschen da stehen, die dir gern alles bringen, was dein Herz begehrt.... und alles um wenig Geld. Eine Kokosnuss wartet sowieso immer auf uns, wenn nicht sogar 2. Am lokalen Markt bekommt man die besten, frischesten und buntesten Früchte, die man sich nur vorstellen kann - allein die Passionsfrucht hat dreierlei Farbkategorien. Einen Friseurtermin braucht man nicht, man kommt sofort dran. Der afrikanische Winter ist herrlich mit 28 Grad und einer angenehmen Brise. Manche Kenianer, die zeigen wollen, dass sie sich Winterkleidung leisten können, ziehen sogar ihren Kindern eine Wollhaube über.

Stichwort Kinder: ich habe hier viel mit Kindern zu tun und Kenia ist ein kinderreiches Land, man kann also gar nicht umhin, sie nicht zu sehen und zu beobachten. Ich kann nur sagen, was ich hier sehe und was ich hier nicht sehe: ich sehe hier nur lachende, glückliche Kinder und ich sehe kein einziges Spielzeug, ich sehe hier kein trotziges Kind, ich sehe hier keine Tobsuchtsanfälle. Warum? Weil es hier ganz entspannt zugeht. Es gibt keine Spielzeuggeschäfte und auch keine Werbung und Fernsehen. Die Kinder haben immer einander zum Spielen und Blödsinn machen und die Erwachsenen mischen sich nicht ein, weil sie Wichtigeres zu tun haben (sie müssen sich um das tägliche Überleben kümmern). Sobald ein Baby krabbeln kann, krabbelt es herum und wird einmal von der einen, dann von einer anderen und dann wieder von einer anderen gestillt. Das Baby wandert somit von einer Milchbar zur nächsten. Die Mutter muss also nicht anwesend sein und hat somit auch mehr Ruhe... auch kein Fehler... 

Alles in allem kann man also hervorragend die um die Ecke lauernde Realität der Armut ignorieren... Diese Armut kann man natürlich auch sehen (und ich sehe sie, und ich kann sie euch beschreiben, denn Fotos davon zu machen, wäre unhöflich): Dreck, Lehmhütten, keine Straßen, kein Kanal, keine Müllabfuhr, keine Möbel oder Gebrauchsgegenstände. Und trotzdem tragen die Frauen Wasser her und waschen täglich ihre Kleider, denn das, was sie haben, ist sauber: ihr Körper, ihre Haare und ihre Kleidung. 

Und ich? Ich freue mich täglich auf mehrere Momente: die Früchte, den einstündigen Strandspaziergang, das Schwimmen im Meer, das Lesen und das Schlafen. Ich tauche ein in die Magie des Nicht-Kostens: die Stille, das Mensch-Sein, Dankbarkeit, Träume, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Verantwortung und Großzügigkeit. Diese Erfahrung der Transzendenz, von der Verfügbarkeit der Welt, des Konsums und Dienstleistung, Medien, Werbung und deren ständigen Beschallung (die phantasielose Eintönigkeit) zur Unverfügbarkeit des Himmels, des Meditierens, des Mit-/Nachdenkens, des Mitfühlens, der Reflexion, der Weisheit, der Liebe - sprich, des Lebens. 

Und warum kann ich diese Transzendenz erfahren und nicht der Kenianer in der Lehmhütte in Ukunda? Die Antwort liegt auf der Hand: Bildung. Die einzige Erfahrung der Transzendenz ist Bildung. Nur durch Bildung können unfreie Menschen diese Grenzen überwinden. Schon Sokrates sagte:" Bildung befähigt den Menschen zur Schau der Idee des Guten." 

Nicht so sehr der Klimawandel, die Umweltpolitik, die Veränderung des Systems, sondern vielmehr die Bildung - und in diesem Zusammenhang die der Frau und ihrer Gleichstellung ist vorrangig. Die Frau hier soll endlich die Wahl haben: will sie heiraten, will sie Kinder? Allein durch diese Entscheidung entscheidet sich die Belastung unseres Globus: weniger Menschen, weniger Autos, weniger Umweltbelastung.... Eine simple Rechnung - nur schwer dieses Ziel zu erreichen, das schon seit dem 14. Jahrhundert in Geoffrey Chaucers "The Canterbury Tales" nachzulesen ist: der größte Wunsch der Frau ist Souveränität. 

Ab morgen gehe ich dieses Ziel im Amadeus Children’s Home an: sexual awareness, Verhütungsmethoden, HIV-Protektion, Selbstverteidigung, "Nein" - Sagen. Und wenn ich von unseren 19 Kindern 5 erreiche und sie zum Nachdenken und aktiven Entscheiden anrege, so ist das ein voller Erfolg!!! 

Doch man muss auch bei der Wahrheit bleiben: das Tranzendieren macht natürlich auch erst Spaß, wenn man die Verfügbarkeit des Lebens, sprich seine Finanzen, unter Kontrolle hat. Mein meditativer Strandspaziergang verbuche ich erst dann als schön, wenn mein Bauch gefüllt ist, ich Kleidung am Körper trage und ich weiß, wo mein komfortables Bett steht, zu dem ich sicher zurück kehren kann. Und wieder : auch das Management von Hab und Gut hat mit Bildung zu tun. 

Und weil mein Kind auch ein Kind des Konsums ist, und ich fleißig in der europäischen Welt arbeite, gönnte ich Ossi einen Taucher-Schnupperkurs: Ossi meinte, er könne unter Wasser viel besser nachdenken... Ein teures Transzendieren.... 







Donnerstag, 8. August 2019

Rosa Parks 2019



Es ist schon unglaublich was man so unverhofft alles erlebt und Zeugnis tragen muss. Mein Sohn und ich trafen beim Boarden unserer Maschine auf Rosa Parks 2019. Wir flogen mit Ethiopian Airlines und die Maschine war schon recht voll mit non-white (politisch korrekt???) people, als wir europäischen mzungi (Weiße) noch hinzustiegen. Noch bevor wir zu unseren Plätzen kamen, blockierte ein übergewichtiger, zwischen 50 und 60 Jahre alter Weißer mit seiner ebenso alten wie auch übergewichtigen Frau den engen Gang. Er verwies recht arrogant auf die Plätze, die er angeblich reserviert hatte, aber nun von einer Äthiopierin mit kleinen Tochter schon eingenommen waren. Die Äthiopierin zeigte ihre Tickets, auf denen diese Plätze korrekt angegeben waren. Ich musste nun mitansehen, wie überheblich vom weißen Mann vorgegangen wurde : er schaute die Äthiopierin nicht einmal an, verlangte sofort das Personal, das diese Frau mit Tochter nun vertreiben sollte. Doch nun das : die Äthiopierin weigerte sich, ihren Platz dem Weißen zu überlassen.... Die Frechheit war nun komplett! Es war erbärmlich mitansehen zu müssen, dass der Weiße nicht einmal die Energie aufbrachte, sich darüber zu ärgern oder laut zu werden. Er wusste einfach, er würde gewinnen ; er wusste, er würde den Sitzplatz bekommen...
Und so kam es auch : Rosa Parks 2019 besass etwas, das der Weiße nicht hatte : Benehmen und Rücksicht. Es hatte sich klarerweise mittlerweile eine endlose Schlange gebildet. Viele Menschen schon drängten hinter uns; alle wollten sie zu ihren Plätzen...
Der Weiße badete in seiner schweigenden Arroganz und das Personal redete auf Rosa Parks 2019 ein. Sie weigerte sich beharrlich. Doch die lange Schlange, die drängenden Menschen, die Peinlichkeit der Situation..... Ich sah, wie sie versuchte, einen Augenkontakt mit dem Weißen herzustellen, doch der mzungu ließ das erst gar nicht zu. Wozu sich mit einer Äthiopierin abgeben...
Schließlich, gedemütigt und arg verärgert, gab Rosa Parks 2019 auf und räumte den Platz. Ihre kleine Tochter fing zu weinen an, als sich herausstellte, es gab keine zwei Sitzplätze neben einander. Sie mussten also getrennt sitzen, auf einem 10 Stunden Über-Nacht Flug.... Jetzt gebt mir bitte Bescheid, wenn ihr eine weiße Mutter kennt, die in dieser Situation nicht hysterisch geworden wäre, wenn sie erfahren hätte, ihre Prinzessin-Tochter darf nicht neben ihr sitzen.... Naja, wir können sie auch gar nicht kennen, denn sie wäre auch nie aufgestanden und hätte ihren Sitzplatz einem überwichtigen Schwarzen und einer übergewichtigen Schwarzen überlassen... Ach so : übergewichtige Schwarze gibt es ja gar nicht.... Na dann.
Auf jeden Fall war ich stolz, einer Rosa Parks 2019 begegnen zu dürfen.



Was wir in den ersten Tagen gemacht haben? Nun, wir haben uns Afrika-fit gemacht : wir sind sofort zum Markt gefahren und haben frischen Ingwer gekauft : jeden Tag 1cm frischen Ingwer kauen - und nichts kann dir mehr anhaben!! Dann, Tag 2, ab zum Friseur : Raster ; Ossi erfüllte sich seinen Traum von langen Haaren, spielte aber soviel damit herum, dass sie ihm am Tag 3 schon heraus gefallen waren.

Wir sind nun bis Sonntag bei unserer Freundin Sylva, die ein Hotel am Diani Beach besitzt. Viel Ruhe hatte ich noch nicht, doch heute sprach mein Sohn zu mir : Mama, heute ist Mama-Tag. Total entwöhnt, erkundige ich mich nach der Bedeutung. "Mama - Tag heißt, dein Ossi lässt dich in Ruhe, damit du lesen kannst!" Ganz entzückt, richtete ich meinen Liegestuhl ein und lehnte mich genüsslich zurück.... Nur um 5 Minuten später von einer schrillen Stimme auf den Boden der Realität zurück geholt zu werden :" Mama, gemma ins Meer!! Njoo (komm)! "


Sonntag, 28. Juli 2019

Here we go again...


Here I go again...

Ja, here I go again..  to Kenya. Ein Koffer ist schon fertig gepackt - voll mit Unterrichtsmaterialien und Büchern (die man Vorort nicht bekommt, da Amazon nicht nach Afrika liefert), fertig zum Einchecken am 5. August.

Es erwartet mich eine Menge Arbeit - Arbeit, die es zu tun gilt, da  Einiges im letzten Sommer offen blieb. Das ganze Jahr über verbrachte ich viel Zeit, nachzudenken über das Viele, das nicht zu Ende geführt werden konnte. Schon allein deshalb nicht, weil der Gedankenprozess erst im Entstehen war:  soviele Eindrücke, Impulse, Erfahrungen, die erst mit der Zeit zurück in Wien eingliederbar waren; die vielen Stimmen in mir, die mich schlussendlich denken ließen und ich Punkte auflisten konnte, die benennbar und realistisch durchführbar waren.

Es entstand somit eine "to do" Liste, die ich Schritt für Schritt bearbeitete und vorbereitete und, die es jetzt gilt, umzusetzen, sowie Prozesse abzuschließen, die ich letzten Sommer begann jedoch mit deren Beginn damals noch nicht wusste, wohin sie führen würden.

Im letzten Sommer stellte sich für mich heraus, dass zwar immer die Kinder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit für mich stehen werden, dass jedoch, um genau das zu gewährleisten, die nannies in meinen Fokus rücken müssen. Fazit für mich war : die nannies brauchen Supervision. Ich beschloß deshalb, einen Workshop für sie zu erstellen, um mit ihnen Konzepte zu erarbeiten, die für sie praktikabel sind und ihr Selbstbewusstsein steigern und somit ihre Motivation boosten! Dazu nur 3 keywords : Entwicklungsschritte eines Kindes, Verhaltenspyramide, das Verfassen eines Entwicklungsprotokolles zur Beschreibung eines Kindes.

Die Kinder? Nun, für die Kinder hab ich folgendes zusammengestellt : eine Morgenmeditation, einen reading workshop ("Charly and the chocolate factory"), ein money Seminar, da sie alsbald auch Taschengeld bekommen sollen. Außerdem wünschen sie sich, dass wir nochmals "the stone soup" aufführen sollen - diesem Wunsch komm ich gerne nach :) Am Abend werden wir wieder laufen gehen!

Ein weiteres Projekt soll alle, die Kinder sowie auch die nannies, betreffen : ein intensives Wochenworkshop über Sexualaufklärung, Gewaltprävention sowie HIV-Fakten. Da ich letztes Jahr trocken feststellen musste, dass unsere Kinder größer werden und auch solche Themen auf sie zukommen - Themen  die in der Schule nicht bzw viel zu wenig behandelt werden- hielt ich es für eine ganz wichtige Aufgabe, in unseren Vorstandsmeeting diese Maßnahme durchzusetzen ; und es gelang!:) Ein Experten-Team, das unser Vorstandsmitglied Lilo aussuchte, wird aus Nairobi dieses mir sehr wichtige Thema aufgreifen und professionell behandeln. Ich werde das Seminar aufmerksam begleiten und mitdokumentieren.

So sehr mich auch all diese Punkte und Themen das ganze letzte Jahr über beschäftigten, so ließen sie sich doch relativ gut umsetzen und bearbeiten. Die Emotionen jedoch, die ich aus Kenia mitnahm, die Bilder, die sich in mir festgebrannt hatten, . .. Diese Gefühle holten mich in der Nacht ein, ließen mich nicht los, und verfolgten mich.

Welche Bilder ? Nun, da muss ich zurück gehen zum Tag der Abreise, jenen Tag, den ich sowieso gefürchtet hatte, da es nun mal nicht einfach ist, von Kindern, die einem ans Herz gewachsen sind, Abschied zu nehmen. Also : wir trafen uns alle im Pavillon und ich weiß noch, dass ich krampfhaft versuchte, die Stimmung positiv zu halten, was all meine Kraft in Anspruch nahm. Dann kam die Frage, die ich so gescheut hatte : when are you coming back to us? Ich druckste herum und meinte, ich kann es einfach nicht sagen, da ich es nicht weiß  ... Und das stimmte auch. Ich wusste damals nicht, dass ich das kommende Jahr wieder nach Kenia reisen sollte. Die Kinder versuchten mich festzunageln und Andrea, ein 14-jähriger Teenager, stierte in eine Richtung und schwieg zunächst. Vor 7 Jahren war er ein Kind gewesen und ich hatte mit ihm damals viel gemacht (er spielte die Hauptrolle in "the lizard") und wir hatten viel gemeinsam gelacht. In diesem Sommer kam er mir ein wenig reserviert vor, dachte aber, dieses kühle Verhalten sei seiner Pubertät geschuldet.. .
Auf einmal wandte er sein finsteres Gesicht zu mir, seine Augen durchbohrten mich und er sagte mit trotziger, provokanter Stimme , "Or will you come back in 7 years as you did before?!?" Auf einmal kam alles um mich herum zum Stillstand. Wie eingefroren stand ich da, hörte diesen Satz, seine Stimme, sah seinen Gesichtsausdruck - alles wie in einem Vakuum. Ich hörte mich atmen und ich versuchte, die schwüle Hitze so gut wie möglich zu ertragen. Langsam setzte ich zur Verteidigung an, meine Stimme war jedoch zu dünn und zu schaal, um überhaupt glaubwürdig rüber zu kommen :"But you know I had my son and could not come because of the risk of Malaria ..." Andrea unterbrach mich in einem bitteren Ton, der sich tief in mein Herz einschloss :"No, we did NOT know. NOBODY told us. You were here 7 years ago and then you left." Ich stand da - und noch immer kommen mir die Tränen - und sagte das Einzige, was ich dazu sagen konnte und was ich seitdem so sehr in mir fühle :" I am sorry. " Andrea zuckte mit den Schultern, es schien ihn nicht sehr zu beeindrucken mein" SORRY" - wie soll auch ein zweisilbiges Wort eine 7-jährige Verletzung pflastern können.

Es war schwierig, die Haltung zu wahren und die Szene irgendwie abzuschließen. Ich verabschiedete mich, Jenzen hatte meine Koffer schon ins Auto gepackt und wir fuhren los. Auf einmal hörte ich Schreie und ich sah den kleinen 5-jährigen Mumo neben dem Auto laufen. Wir blieben stehen und ich stieg aus. Mumo schlang seine kleinen Arme um mich und zog mich zu sich runter. Tränen spritzten aus seinen Augen und er riss sie weit auf, als er mich flehend anheulte :" you do come back !? You do come back" und ich wusste, dass er nicht meinte, irgendwann oder so, sondern er meinte  heute abend zum Abendessen. Es war zuviel für mich: die Hitze, der Abschied, die Kinder. .. Ich konnte meinen Schmerz nicht mehr zurück halten...wie ein geschlagener Hund stieg ich wieder ins Auto und erst irgendwann im Flugzeug hoch über den Wolken konnte ich mich ein wenig beruhigen - vor allem Ossi zuliebe, der begonnen hatte, sich Sorgen um seine leise weinende Mutter zu machen.

Was glaubte ich eigentlich??? Ich kann genau sagen, was ich glaubte : ich glaubte ein guter Mensch zu sein, der Gutes tut und tun will. Ich glaubte, in meiner westlichen Arroganz, mit meinem überheblichen Wissen, etwas zu bewirken, zu helfen.... Und in Wirklichkeit??? Was sagte mir die blanke Wirklichkeit? Ich hatte eine Verantwortung für kleine Wesen, kleine Kinderherzen übernommen, deren ich nicht gerecht wurde - vielleicht auch nicht konnte und es wahrscheinlich auch nie werde. Ich hatte mich gut gefühlt, meinen Job in Kenia vor 7 Jahren begonnen zu haben, Theater mit ihnen gespielt zu haben, sie unterrichtet zu haben, ihnen Englisch gelehrt zu haben. All das hatte mich mit Stolz erfüllt und dachte ich, mir wäre etwas gelungen.... Ja, auf der Sachebene ganz gewiss, ich kann es aufzählen und beschreiben und wenn ich will, in dieser Selbstgefälligkeit baden.... Ich hatte die emotionale Ebene komplett außer Acht gelassen : ich hatte Kinder emotional berührt; Kinder, die in der Vergangenheit unzählige Male verlassen wurden; Kinder, die Grausames erlebt hatten ; Kinder, die keine Familie haben, bis auf das, was wir ihnen im Amadeus Home bieten können. Und ich war für sie somit Familie geworden. Erst jetzt weiß ich - da ich diese für mich so erschreckende Erfahrung gemacht habe -, welch große Verantwortung ich hier trage.

Man könnte sich natürlich fragen : Warum mach ich das eigentlich, wenn ich dem sowieso nicht gerecht werden kann? Wenn ich sowieso wieder gehen muss, weil es eben nicht anders geht und wieder alle verlassen muss... Ich denke, diese Fragen muss und soll sich ein jeder stellen, der - weil es zur Zeit so "modern" ist - als Voluntär arbeiten will. Es darf keinesfalls geschehen, weil ein Sozialjahr cool ist bzw im Lebenslauf gut aussieht. Nein, das darf es nicht.

In meinem Fall kommen diese Fragen zu spät. Ich bin zu tief verwoben mit den Menschen und Kindern Vorort als dass ich mich jetzt noch der Verantwortung entziehen kann und auch will. Ich habe meine Lektion gelernt : ich bin während des Jahres in Kontakt mit den Kindern geblieben. Briefe kommen leider in Afrika nicht an und Handy haben die Kinder nicht. Aber ich konnte die Briefe über Email schicken, die unser Administrator ausdruckte und den Kindern gab. Sie schrieben mir auch zurück und somit standen wir in einem Dialog. Auch werde ich sie diesen Sommer mehr einbinden und sie auf mein Kommen und Gehen besser vorbereiten.

Aber nun dürfen sie sich sowie auch mein Sohn und ich auf das Kommen freuen!

KARIBU SANA!!!!!
❤️




















Dienstag, 28. August 2018

Footing the bill



Nach 6 Wochen in Kenia ist viel passiert und Vieles hat mich bewegt und Vieles nehme ich mit. Und natürlich ist es dumm, in westlicher Marnier, eine Rechnung auszustellen und auszurechnen, ob es sich ausgezahlt hat. Nein, Afrika zahlt nicht, Afrika ist.

In den letzten 7 Jahren hat sich Vieles hier getan. Kenya ist ein Schwellenland und man kann klar erkennen, dass es sich entwickelt und entwickeln will. Ich gebe ein paar Beispiele :

Kenya hat keine Plastiksackerln mehr. Nirgends - kein Geschäft  kein Marktstandl hat Plastiksackerl. Es gibt nur mehr Stofftaschen. Vielleicht sehe ich auch deshalb kaum mehr furchtbar stinkendes Feuer, wo sie einfach Müll am Straßenrand verbrennen, etwas, das ich vor 7 Jahren sehr oft gesehen und noch öfter gerochen habe.

Noch vor 7 Jahren galt ich als sehr alte Frau hier und die Blicke, als sie mein Alter erfragt hatten, waren mehr als ungläubig. Jetzt, 7 Jahre später, gelte ich noch immer als alte Frau  aber nicht als "sehr alt". In einem Gespräch kam heraus, dass ich in Kenya mit meinen 44 Jahren noch 6 Jahre zu leben hab. Jedes Jahr mehr ist ein God's blessing. Somit ist aber die Lebenserwartung gehörig gestiegen.

Während vor 7 Jahren die Buschgegend um Amadeus noch spärlich besiedelt war, so ist das Areal jetzt ganz dicht bewohnt. Die Wege haben sich verändert und man kann sich leicht verirren in den unzähligen Abbiegungen. Man sieht auch nicht nur Hütten sondern auch gemauerte Häuser, einfach gehalten, aber trotzdem schon mit einer Spur von Wohnlichkeit. Manche haben auch nebst bei einen Verkaufsladen, wo sie ihr Gemüse und Obst verkaufen. Kurzum, man hat das Gefühl  hier organisiert man sich und man hat Zukunftsideen.




Wenn ich von Geschäften rede, dann geht der Begriff von einem Schubkarren über ein paar Stecken mit ein paar Dingen auf aufgebreiteten Säcken bis hin zu kleinen, gemauerten, vergitterten Häuschen. Verkauft werden Nahrungsmittel und auch Kleidung, manchmal auch praktische Waaren wie Küchenutensilien. Bücher, jedoch, in welcher Form auch immer, sieht man nirgends: nicht in Diani, nicht in Ukunda, nicht in Mombasa, nicht auf Sansibar. Afrika ist großteils bücherfrei. Ich bin zur Zeit beim Überlegen, wie Maren, die Schuldirektorin, zu Bücher für ihre Schüler kommt. Über Amazon und dergleichen geht es nicht: der Transport ist zu teuer. E-books geht auch nicht, da bräuchten sie ja Kindle oder Smartphones. Ich habe ihr jetzt mal meine drama Booklets zum kopieren gegeben und ich werde ihr viele PDF files mit graded readers über email schicken. Ausdrucken und kopieren kann sie nämlich ... Das ist somit schon mal etwas ... Da es auch immer mehr Schulen gibt und somit die Alphabetisierung von statten geht, wird aber auch in naher Zukunft der Wunsch und die Nachfrage nach Büchern steigen und der Markt wird reagieren!

Es gibt auch immer mehr Plätze, die nette, angenehme und gute Restaurants bzw Kaffeehäuser anziehen. Mein Lieblingskaffeehaus heißt "Kokkos", und das gab es vor 7 Jahren auch noch nicht - wieder ein Gewinn!




Und wenn man durch die engen Einkaufswege geht, so kann man sich nach wie vor die Lebendwaare aussuchen, nur das Schlachten bieten sie dir jetzt auch gratis an - etwas, das vor 7 Jahren auch noch kostete....





Nun, und sonst gewöhnt man sich nach nur 6 Wochen an Vieles. Der Linksverkehr wird einem ein wenig gewohnter und beim Einsteigen ins Auto passiert es mir immer weniger, dass ich zur falschen Autotür gehe.

Man gewöhnt sich auch, an die Flora und Fauna hier: noch vor 6 Wochen hatte ich immer flip-flops an und rannte Ossi mit seinen Schuhen hinterher, da mir die Wiese und das Gras hier so fremd und deshalb voller Gefahren vorkam. Ossi ignorierte die Schuhe sowieso gleich - und recht hatte er. Ich brauchte ein paar Wochen, um mich da anzupassen.



Man gewöhnt sich auch daran, dass man sein Appartement mit einer Gekko Familie teilt und hinter ihnen herputzen muss, dafür aber nie allein ist.

Man gewöhnt sich auch an die "fit für Afrika" Rezeptur : Ossi und ich trinken täglich eine TCM Mischung gegen Malaria und kauen eine Scheibe frischen Ingwer, damit der Magen-Darm-Trakt passt. Wir sprühen uns auch mehrere Male mit Insektenspray ein - auch eine Malaria-Maßnahme.

Man gewöhnt sich auch an die Umgebung: an die armen Menschen, die ärmlichen Hütten und Baracke, die unwegsamen und steinigen Wege. Es scheint, als wäre es auch nur eine Frage der Zeit, bis sich das Auge auf alles einlässt. Wenn die Armut mein Herz noch vor 6 Wochen tief berührt hat, so nimmt es das jetzt hin ...



Trotzdem glaube ich, dass die gebildetere junge Generation etwas ändern will und kann - und ich denke da im Besonderen an unsere Amadeus Kinder: wer weiß, vielleicht es ja ein Kind von uns, das als nicht-korrupter Politiker oder Politikerin Kenya auf Schiene bringt... Who knows? Ich habe mir die Zeugnisse unserer Amadeus Kinder angesehen und viele haben sehr erfreuliche Resultate!



Das alles denke ich, während ich jeden Abend auf meiner Terrasse sitze und in den Sternenhimmel schaue und relaxe.
Es brauchte einige Zeit, aber nach 3-wöchiger Suche fand ich schlussendlich auch mein Lieblingsgetränk: alkoholfreies Bier!


Aber was Afrika mir wirklich gebracht hat, ist eine Entschleunigung. Eines steht für mich fest: während sich die europäische Welt mehr um "to do" dreht, so ist das Motto von Afrika: "less to do, more to be", und das war für mich wunderschön zu spüren und zu erfahren.


Und selbst wenn die Baboon-Affen den Verkehr aufhalten, weil sie mitten auf der Straße kopulieren - (und das kostet Zeit 😊❤️), so lächelt man geduldig. Mimi ninacheka na ninasema (ich lache und sage): HAKUNA MATATA KENYA!!



Samstag, 25. August 2018

The show must go on!

Ich unterrichte gerne Drama - und auch das fehlt schmerzlich in unserem Schullehrplan. Es ist einfach so ungemein vielfältig, kreativ, gemeinschaftsfördernd und individualherausfordernd sowie lösungsorientiert. In einem Wort: genial, um Kinder und Jugendliche bei Laune zu halten und sie zu fordern.


Jede Woche erarbeiten wir ein kurzes Theaterstück, das wir dann am Freitag zum Besten geben. Unsere Bühne ist unser Pavillion im Amadeus Garten. Unsere Zuschauer sind alle nannies, Wächter sowie der Administrator von Amadeus.

Unser erstes Stück war "The Midas Touch" (eine griechische Erzählung an Ovid angelehnt). Ich wählte es aus, da es einen Erzähler hatte und er die Aktionen der Schauspieler diktiert und die Schauspieler natürlich deshalb weniger Text haben.







Das zweite Stück war "The Stone Soup". Auch hier finden alle Kinder eine Rolle! Die Botschaft des Stückes ist, dass beim Teilen von Essen jeder satt wird: eine hungrige Maasai Familie motiviert ein Dorf dazu, gemeinsam eine Suppe zu kochen. Und obwohl niemand viel besitzt, so genießen sie am Ende der Geschichte alle diese köstliche Steinsuppe.










Das dritte und letzte Stück heißt : "The Three Enchanted Oranges" - es ist ein entzückendes Märchen und meine Masken, die ich aus Wien mitgebracht hatte, kamen zum Einsatz. Ein eitler Prinz wird von 2 Hexen auf die Suche nach den 3 verzauberten Orangen geschickt und wird am Ende mit einer schönen Braut belohnt.















Drei Wochen gestaltete sich mein Ferienprogramm für die Amadeus Kinder - es war sehr schön, mit ihnen zu arbeiten. Und was bei Drama so einzigartig ist, es bleibt in Erinnerung !!
Die Kinder erinnern sich sehr gut, an das Theaterstück "The Lizard" , das ich mit ihnen vor 7 Jahren erarbeitet habe. Nun werden sie diese drei Produktionen nie vergessen! Ihren Text zitieren sie jetzt schon bei allen möglichen Gelegenheiten. So soll es sein!!


Montag, 20. August 2018

Meine Sichtweise

Ich höre, dass viele Menschen von hier weg wollen. Unser Busfahrer gab sich extra Mühe, mit mir ein Gespräch anzufangen, um herauszufinden, wie er in Österreich arbeiten könne. Ich habe zunächst mal schmunzelnd gemeint, er wäre da nicht glücklich, da es ihm zu kalt wäre. In der Tat tragen viele hier bei 30 Grad eine Mütze und morgens und abends bei 27 Grad einen Rollpulli. Eine nanny mit Strickjacke fror im Amadeus. Sie sind nun mal heißeres Wetter gewohnt. Der Busfahrer meinte daraufhin mit entschlossener, ernster Stimme, "Ich gehe nicht hin wegen des Wetters, ich gehe hin wegen des Geldes." Dann entfachte sich ein interessantes Gespräch. Ich rechnete ihm vor, dass das Geld bei uns nicht auf der Straße liegt und dass wir hohe Lebenskosten haben, an die er jetzt nicht denkt, ganz zu schweigen von Visum, Arbeitsbewilligung, Deutschkenntnisse etc. Nun, er schüttelte nur den Kopf und meinte, er hätte schon von vielen gehört, es hätte geklappt. Und "klappen" heißt, in kurzer Zeit viel Geld verdienen und dann zurückkehren. Dieses Märchen hat sich hier manifestiert.



Es gibt hier über 40 Stämme und der Kikuju Stamm ist der, der den Ton angibt. Der Präsident ist ein Kikuju seit Ewigkeiten, obwohl die Bevölkerung anders wählt. Nur die Kikuju bekommen die besten Jobs, die besten Immobilien, kurzum sie haben das bessere Leben. Der besagte Busfahrer hat eine solide Ausbildung als Straßenbauer und Kranführer, nur bekommt er keine Arbeitsstelle, da er kein Kikuju ist - sagt er. "Entweder man ist ein Kikuju oder man muss sehr viel Geld bezahlen, damit man diesen Job bekommt." Geld, das er natürlich nicht hat. Und somit wären wir beim Thema: Korruption ist eine uralte Krankheit in Kenia. Aber, so meinte mein Gesprächspartner, da könne man nie etwas dran ändern, weil es schon seit Jahrhunderten so ist...

Tja, was soll man dazu sagen? Es kann ja auch nicht sein, dass alle Kenianer abwandern... Das hat ja auch keinen Sinn. Es wird also mal ein bildungsnaher Junger, der kein Kikuju ist, gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten etwas ändern müssen und wollen!! Während ich das hier schreibe, sitze ich in meinem Lieblingskaffeehaus, das Wi-Fi hat. Und ich sehe aus den Augenwinkeln, dass sich schon einige Altbekannte postieren, um mich zu belagern, wenn ich das Lokal verlasse. Sie wollen, dass ich etwas kaufe: Kokosnuss oder irgendwelchen Schnickschnack von ihren Geschäften. Mittlerweile bin ich ziemlich ungehalten und hab ihnen schon oft unverfroren gesagt, dass es keinen Sinn hat, mich zu belagern. Ich brauche nun mal nix. Dann kommen sie mit den Geschichten, dass zumindest einer in der Familie Malaria hat und sie kein Geld für Medizin haben und sie viele Kinder und nichts zu essen haben und ich sie doch unterstützen soll. Und ich sag ihnen immer wieder, dass sie sich tunlichst überlegen sollen, wie sie ihr Land in Griff kriegen sollen, denn es ist ihr System, dass das alles zulässt. Und es wird nicht besser, wenn sie Touristen oder Nicht-Kenianer damit am Wecker gehen ...

Ich war das zweite Mal beim Friseur, diesmal direkt in Ukunda, in der Geschäftswelt, wo man als Nicht-Einwohner normalerweise nicht hinkommt. Zunächst war ich sehr unsicher als mzungu so ganz allein mich da zu bewegen. So ganz anders ist da die Welt, doch schon nach kurzer Zeit fühlte ich mich schon viel besser und mittlerweile gehe ich sehr gern hin! Irrsinnig freundliche Menschen, gute und vor allem wohlfeile Ware. Nun kaufe ich das Obst immer dort und auf Swahili und bekomme immer ein lachendes Feedback für mein Bemühen!
Als ich zu Beginn am Strand meine Haare hatte machen lassen und ich zurück ins Hotel kam und meine Freundin Sylva mich sah, fragte sie mich, was ich bezahlt hatte. Als ich den Preis nannte, der ein Drittel des Preises in Wien ist, schüttelte sie tadelnd den Kopf mit den Worten "Christina, du versaust sie noch ganz". Was so hart und vielleicht ein wenig herablassend klingt, muss so verstanden werden: am Strand zahlt man den mzungu- Aufschlag und den Touristen-Aufschlag und das ist eindeutig zu viel. Sonst zahlt man sowieso auch den mzungu Aufschlag. Auch bei meiner jetzigen Friseurin konnte ich in ihrem Gesicht ablesen, dass sie dazurechnete, als sie mir den Preis nannte: einen Preis, der wiederum ein Drittel vom Strandpreis war.



Die Haarpracht hier ist natürlich ein Kult. Sie flechten und stecken auf, machen extensions und lines und und und. Das alles braucht natürlich seine Zeit. Ich musste schmunzeln, als ich eine Kenianerin sagen hörte:" so, jetzt ist mal Schluß mit dem Haarwahn. Ich setz mich nicht mehr stundenlang hin, ich hab Besseres in meiner Freizeit zu tun." Und da wird es für mich interessant: wenn eine Frau beschließt, selbst Herr /Frau über ihre Zeit zu sein und etwas "Besseres" (vielleicht Schule, Bildung! ?) machen will.
Die Waschmaschine hat hier noch lange keinen Einzug in die Häuser gehalten, zumal es ja auch nicht überall Strom gibt. Bei uns im Amadeus gibt es Waschmaschinen. Ich sehe trotzdem die nannies das Gewand händisch waschen, bevor sie es in die Waschmaschine tun. Ich frage sie, warum. Ganz einfach, erklären sie mir, sie sind es so gewohnt und zuhause haben sie natürlich keine Waschmaschine und waschen ja auch alles händisch. Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter auch lange brauchte, um an die Waschmaschine zu glauben und auch ewig alles mit der Hand wusch. Also, wenn wir uns überlegen, was hier die Frauen, die die Waschmaschine hoffentlich bald bekommen und auch den aufwendigen Haarkult ablegen, mit der gewonnenen Zeit anfangen....das kann revolutionär für die Frauen werden !!

Frauen haben auch so wunderschöne Tücher (kanga) und kleiden sich so schön farbenfroh. Auch die Männer haben bunte kikoi. Es macht ein schönes Bild, sie anzusehen. Ganz im Gegensatz zu den westlichen Menschen, die sich hier aufhalten. Ich denke mir so häufig hier :"Mut zum Stoff!" Die westlichen Touristen zeigen Haut und zwar viele davon im üppigen Umfang. Ich muss mich direkt abwenden, wenn ich das Zuviel an Haut präsentiert bekomme. In einem Strandlokal an einem Nachmittag, wo eine nette Strandband spielt und viele schön anzusehende Kenianer und Kenianerinnen sich aufhalten, sitzen an der Bar einige Weiße mit ihren nackten Oberkörper und Bierbäuchen. Ich konnte es mir nicht verkneifen,  als ich bei ihnen vorbeigehe, zu sagen, "Schade, dass ihr nicht genug Geld habt, euch mit schönen Stoffen zu bedecken." Die verblüfften Gesichter, die ich, sobald sie geschnallt hatten, wie ich das gemeint hatte, zu sehen bekam, war zum Schießen lustig.
Auf jeden Fall wäre ich dafür, dass die afrikanische Mode auch bei uns in Europa vermarktet würde: so eine Art" desigual" aus Afrika!



Ich hatte schon erwähnt, wie froh wir sind, dass unsere Amadeus Kinder eine gute Schule besuchen können. Leider kam es bei der letzten Schule, die auf mich vor 7 Jahren einen sehr guten Eindruck gemacht hatte, zu sehr argen Vorfällen: einige Kinder kamen mit Knochenbrüchen nach Hause, die von keinem Unfall herrühren konnten. Die neue Schule jetzt hat ja eine deutsche Direktorin mit europäischen Werten, wo ich ein solches Verhalten ausschließe. Das bringt mich zum Thema Erziehung hier. Ja, ich werde hier mit einigen kulturellen Diskrepanzen konfrontiert. Aus einigen Gesprächen und Erfahrungen, die ich in den letzten Wochen gemacht habe, geht hervor, dass hier altertümliche Maßnahmen herangezogen werden, um Kinder zu "guten Menschen" zu erziehen. Das Schlagen mit der bloßen Hand wird nicht akzeptiert, jedoch das Hauen mit einem Stecken auf den Hintern sehr wohl. Und das wird nicht "hauen" genannt, sondern "korrigieren", man "korrigiert" so das Verhalten des Kindes. Bei diesem "Korrigieren" müssen die Kinder knien und die Hände auf den Rücken geben. Dabei wird dem Kind "you are bad, you have bad habits, you are a liar" gesagt. Das Ganze wird gestützt und gedeckelt von der Bibel, die das Disziplinieren von Kindern, sozusagen aus erster Hand, von den Erziehungsberechtigten verlangt. Da muss noch viel Aufklärung erfolgen, damit diese Methoden und Erniedrigungen endlich aufhören.
Ich habe deshalb begonnen, unbequeme Fragen zu stellen:" woran erkennst du, dass das einen besseren Menschen macht?" Und ich komme mit anderen Sichtweisen. Ein Kind durfte nicht mit auf einen Ausflug, weil es sein Zimmer schmutzig gemacht hatte. Das Kind hatte die Blumen unseres Theaterstückes in ihrem Zimmer ein wenig aufbewahren wollen. Aus meiner Sicht ist es glasklar: das Kind muss gelobt werden, da es aus einer Theatererfahrung etwas mitnehmen und schön bewahren will. Und was die Bibel angeht, so habe ich ganz im Sinne unseren lieben Gottes erklärt, dass wir glauben, dass Jesus in unser allen Herzen wohnt, und deshalb jedes Kind gut ist und es an uns Erziehern liegt, das Gute zum Vorschein zu bringen.

Ich ging auch einmal mit zur Kirche. Die Messe gleicht mehr einer Folklore - Vorstellung. Fast könnte man meinen, dass einige Whitney Houstons auf der Bühne stehen und Gospel singen. Alle Afrikaner bewegen sich sofort rhythmisch mit - etwas das sie angeboren haben. Das habe ich schon bei Ossi als Baby gesehen - jegliche Art von Musik bringt ihn ins Schwingen, und immer in Takt. Je weiter man geografisch in den Norden geht, so mehr verlieren die Menschen diese Gabe. Ich kann mich gut erinnern, dass ein kubanischer Salsa-Lehrer im Norden von England zur Verzweiflung gebracht wurde, als er den Engländern einen Hüftschwung beibringen wollte.
Auf jeden Fall dauert eine solche Messe hier 4 Stunden mit Predigten, die sie ins Mikrofon hineinbrüllen, als wollten sie eine Art Gehirnwäsche vollziehen. Nach drei Stunden hatte ich Kopfweh und musste den Ort verlassen.
Insgesamt wird für meinen Geschmack "der liebe Gott" zu sehr bemüht, als ihn als Bereicherung zu sehen, wird er dogmatisch für alles Mögliche hergenommen. Und wenn Kinder mir sagen, "Ich möchte gern mal Lehrer werden, so Gott will.", so entgegne ich mit bestimmter Stimme, "und wenn Gott nicht will, dann tust du es trotzdem!"



Tja, so klaffen Welten auseinander - meine europäischen Werte gekoppelt mit afrikanischem Gedankentum. Manchmal könnte man fast glauben, man sitzt im falschen Film: sogar der Barboon-Affe schreckt nicht davor zurück, sich bei meinem Drink zu bedienen ....