Weiß ist nicht weiß, und schwarz ist nicht schwarz. Ossi versuchte in den letzten Jahren das Unmögliche möglich zu machen, ohne in seinen damals noch Kinderaugen zu verstehen, dass das leider nicht gelingen kann....Was ich damit meine? Darum wird es in diesen Blogeintrag gehen....das ist auch der Grund, warum mein Sohn dieses Mal nicht mit uns hier ist.
Ossi kennt sich aus, wenn es um Kenia und afrikanische Grundbedingungen geht. Er war ja auch schon oft genug hier. Er weiß, was es heißt, über Wochen hier zu sein und hier zu leben. Er weiß, was Wassermangel und Elektrizitätsschwankungen bedeuten. Kurzum, er kann von kenianischen Lebensbedingungen ein Lied singen.
Während andere Kinder in Wien in ihrem Zuhause chillten, saß er geduldig im Tropeninstitut und ließ unzählige Impfungen über sich ergehen. Während seine Freunde Kurzflüge von 2 Stunden nach Italien, Griechenland oder Türkei planten, rüstete Ossi sich für eine über 20 Stundenreise, die über Nacht dauerte, in der er auf wenig Platz und in engen Sitzplätzen schlafen musste und stundenlang auf Anschlussflüge warten musste, um dann todmüde 6 Koffer zu schleppen, die zum Großteil nicht mit Dingen, die er gerne mitgehabt hätte, gefüllt waren, sondern mit Sachspenden für unsere Amadeus-Kinder. Während seine Freunde in bequemen Hotels nächtigen, musste Ossi in unserer Unterkunft ekelhaftschmeckende, jedoch sehr wichtige Anti-Malari-Kräuter zu sich nehmen, sowie auch 2cm große Stücke rohen Ingwer kauen, um das Immunsystem zu boosten. Während seine Freunde mit anderen Kindern in der adriatischen Badewanne schwammen und am Strand spielten, musste Ossi mit dem indischen Ozean Vorlieb nehmen, der nicht wirklich zum Schwimmen einlädt; deshalb baden auch keine Menschen im Ozean - es heißt auch deshalb Ozean und nicht Meer. Während seine Freunde Schnitzel mit Pommes verzehrten, musste Ossi mit der kenianischen Kost Vorlieb nehmen: Ugali, Mischmasch von Kartoffeln, Reis und Greens- ehrlich gesagt, kenne ich kein Kind, das diese Kost anstandslos für Wochen hindurch essen würde....denn es gab nur dieses Menü oder eben nichts. Während seine Freunde in ihren Ferien kiloweise Eis und andere Süßigkeiten verschlangen, musste Ossi auf all das verzichten, denn in Kenia gibt es nunmal keine Süßigkeiten....selten aber doch kamen wir mal in ein Kaffeehaus, wo Ossi ab und an einen doughnut genießen konnte. Während andere Kinder schnell mal in einen europäischen Billa/Hofer und Ähnliches ihren Gusto bedienen konnten, so konnte Ossi nur selten in ein Kaufhaus kommen....und die Supermärkte hier sehen anders aus und sind auch anders bestückt, denn die Extrawurst- oder Schnitzelsemmel mit Gurkerl gibt es hier nicht. Während seine Freunde in klimatisierten Autos auf schnellen, bequemen Autobahnen oder Straßen, die auch Namen tragen und eine navitaugliche Adresse aufweisen, chauffiert wurden, fand Ossi sich in robusten Autos wieder, die unwegsame Ruppelwege bewältigen mussten, wo man sich im Auto festhalten muss, um sich nicht zu verletzen...Ganz zu schweigen, dass Ossi mit einer gestressten Autofahrerin (ich) konfrontiert war, denn relaxt ist man während solcher Autofahrten nicht, wo man 20 Minuten für 3km braucht. An dieser Stelle danke ich dir sehr, Ossi, dass du dein Orientierungstalent jedes Mal eingesetzt hast, um dir den Mangobaum/Baumstumpf/Hütte zu merken, wo wir abgebogen sind....denn ohne dich hätte ich oftmals den Weg nicht zurück gefunden! Während seine Freunde eine Serie auf Netflix oder Prime gemütlich auf einer Couch streamten, hatte Ossi keinen Zugang zu Internet; stattdessen saß Ossi auf einem Sessel im Fernsehraum der Kinder und schaute Serien auf Swahili an, die er weder verstand, noch die er ausgewählt hätte. Während seine Freunde mit anderen Freunden Aktivitäten unternahmen, ging Ossi mit den Amadeus-Kindern in die Kirche, wo die Messe 4 Stunden dauert und so laut indoktrinierende Floskeln gebrüllt werden, dass man Kopfschmerzen bekommt. Während andere Kinder sich bis um 21h oder länger während den Sommerferien im Freien aufhielten, musste Ossi mit mir um spätestens 18h im Amadeus zurück sein, da Dunkelheit ohne Straßenlicht und als weiße Frau mit Kind alleine, Lebensgefahr darstellt - abgesehen von der Tatsache, dass Ossi selbstverständlich ohne mich außerhalb von Amadeus keinen Schritt allein tun durfte....etwas, das er in Wien durchaus darf. Während seine Freunde keinen Gedanken an die Voraussetzung einer Dusche oder Badewanne verschwendeten, stellte sich für Ossi zunächst täglich die Frage, ob es überhaupt Wasser gibt und an Warmwasser war sowieso nie zu denken. Ossi duschte sich in Kenia immer nur kalt- alles andere gab es nicht. Während seine Freunde einer abwechslungsreichen Freizeitgestaltung nachgehen konnten, so musste Ossi stundenlang in einer kenianischen Friseurstube (und die ist wahrhaftig banal) auf mich und meine Haarpracht warten. Während andere Kinder an Strandpromenaden lustig herumhüpften, bestieg Ossi unliebsame Hintergassen in Ukunda, die an Schmutz und Dreck ihresgleichen suchten.
Ihr habt jetzt wahrscheinlich schon eine Ahnung, worauf ich hinaus will: Ossi war jahrelang mit einer Welt konfrontiert, die unterschiedlicher zu seiner nicht sein konnte. Dass man da auch mal als Kind auszuckt, blockiert und frustriert ist, ist mehr als verständlich...Ossi hatte ja zudem auch fast jährlich eine Magen-Darmkrankheit zu bewältigen mit Fieber und Durchfall (das auch mich sehr stresste, denn Fieber mitten im kenianischen Busch ohne Arzt um die Ecke....das zwang auch mich fast in die Knie und ließ mich ein Stoßgebet an die höchste Ebene schicken). Während seine Freunde kindgerechtes Ferienprogramm absolvierten, machte Ossi mit mir Safaris, die auch sehr anstrengend sind, da man bis zu 10 Stunden am Tag im Jeep verbringt, um den big five nachzujagen. Ich sah viele gelangweilte Kinder am Handy in den Jeeps - das erlaubte ich Ossi nicht: er musste die Safari mit allen Sinnen erleben, wenn ich schon soviel Geld ausgebe.
Ossi musste sich in all diesen Jahren mit der Tatsache abfinden, dass - sobald in Amadeus angekommen- ich nur mehr auf Englisch kommunizierte, das er damals noch kaum verstand, und ich mein Programm für die Amadeus-Kinder abspulte, an dem er zwar eingebunden war, aber er hatte mich nie für sich. Er war auch sehr oft leidermit Situationen konfrontiert, die ihn zutiefst verunsicherten, wie häusliche Gewalt (ich berichtete über einige schlimme Vorfälle: Schlagen mit Stöcken, Kahlscheren, etc). Deshalb musste ich auch Berichte schreiben, wenn ich mal Online sein konnte, während Ossi mit sich still beschäftigen musste.
Während seine Freunde ihre Freunde in den Sommerferien trafen, musste sich Ossi mit den Amadeus-Kindern anfreunden....Was er auch gerne tat! Einfach war es aber für ihn nicht....oftmals wurde er ausgeschlossen, weil sie eben untereinander in Swahili reden, und er natürlich nichts versteht. Sie haben ihm auch oft Streiche gespielt - es war nie böse gemeint, jedoch - nach einem langen Tag, wo Ossi schon stundenlang einer Fremdsprache und anderen und auch sehr oft anstrengenden Aktivitäten ausgesetzt war, endete es leider in Streit und in Tränen.
Es war nicht leicht für Ossi, sein Leben und seine Gedanken mit den Amadeus-Kindern zu teilen....nicht nur die Sprache, sondern deren unterschiedlichen Welten machten es eigentlich unmöglich. Ich erlaubte Ossi nicht, den Amadeus-Kindern Fotos von unserem Zuhause zu zeigen - es schien mir unangebracht, ihnen zu zeigen, wie "gut" es Ossi hat. Ossi konnte auch kein Hardcover Buch mitnehmen, da der Buchrücken -nachdem alle das Buch angeschaut hatten-, gebrochen war. Deshalb musste er dann sein teures Harry Potter Buch vor ihnen verstecken- auch nicht nett, das tun zu müssen....aber es fiel uns keine andere Lösung ein. Viele seiner Spielsachen endeten in den Händen der Amadeus-Kinder und blieben dort, weil ich es nicht übers Herz brachte, es ihnen wegzunehmen....doch Ossi wiederum musste sich damit abfinden, dass seine Sachen nicht mehr zu ihm zurückfanden.
Und trotzdem baute Ossi mit seiner Herzlichkeit und Empathie Freundschaften auf. Mit großer Rücksichtnahme und Respekt vor der kenianischen Welt muss man Ossi als einen der jüngsten Voluntäre anerkennen, der sich diesen Herausforderungen stellt und zurückstecken kann und Durchhaltevermögen aufweist- das hat nicht jeder!
Und deshalb darf Ossi in diesen Sommerferien mit seinen Freunden auf Pfadfinderlager sein, baden und schwimmen in den oberösterreichischen Seen und Abzeichen machen, die ihn interessieren. Er kann nun endlich auch mit seinen Freunden über das reden, was ihn interessiert - in seiner Muttersprache!- und tun, was ihm gefällt. Er wurde in diesen Tagen zu den CaEx überstellt und geehrt: Gratulation!
Gestern ging ich mit einigen Amadeus Mädels am Strand spazieren, als ich Annas traurige Augen wahrnahm und ich sie fragte, was los sein. "I miss Ossi!" , sagte sie. Ich fragte sie, warum. Sie blickte mich an und sagte:" because he is my friend." Das bringt es auf den Punkt - ja, Ossi hat Freunde hier in Kenya und sie vermissen ihn alle: ich brauche nicht extra die große Enttäuschung schildern, die in Mumos und Monjas, etc Gesichtern zu sehen war....Ossi hat das Unmögliche möglich gemacht: er hat Freunde in beiden Welten- in Europa und in Afrika! Ich ziehe meinen Hut vor dir, Ossi! Ich danke dir von Herzen, dass du diesen Weg, der selten leicht war, mit mir gegangen bist. Ich weiß, du willst auch wieder nach Kenia, denn auch du vermisst Amadeus. Asanthe sana, Ossi!