Samstag, 16. August 2025

Funzi Island und der Croc



Ich hatte heuer geplant, einen Ausflug mit allen Amadeus Teenager zu organisieren.  Es sind 16 Kinder mit 3 Erwachsenen: Matron, Martin und ich. Meine Wahl fiel auf Funzi Island, das auch nicht sehr weit entfernt ist, und die Kosten hielten sich auch in Grenzen. Danke an Elisabeth,  die mir beim Finalisieren des Ausflugs sehr behilflich war. Die Tagespunkte waren: 7.30h ein gemieteter Bus holt alle Amadeus Leute ab. Dann fahren wir 1 Stunde die Küste gen Süden entlang. Dort nimmt uns ein guide in Empfang und macht mit uns eine Bootsfahrt und wir halten nach Krokodilen Ausschau.  Danach chillen wir auf einer Sandbank. Anschließend gibt es für uns ein Mittagessen mit allerlei seafood Spezialitäten. Zum Abschluss werden wir einen Rundgang in dem dortigen Dorf machen,  wo es weder Straßen noch Elektrizität gibt. Schließlich fahren wir mit wunderschönen Erinnerungen nach Hause zurück. 


Als Martin und ich um 7.30h vor dem Amadeus Tor "Asubuhi njema" riefen, war uns sofort klar: die teenies waren schon seit Stunden wach mit Vorfreude und hatten sich herausgeputzt: von top to toe war ihr Outfit abgestimmt - Schuhe, Tasche,  Sonnenbrille,  Haarbänder, Hosen,  Röcke,  Shirts....Bei den meisten hätte man meinen können,  sie entsprangen einem Modekatalog. Tja, da sieht man, dass sie auf ihr Äußeres achten und Kleidung zu schätzen wissen! Sehr Vieles davon erkannte ich aus den Koffern wieder,  die ich mitgebracht hatte. Auch Matron hatte sich fein gemacht- ja, Kleidung unterstreicht Anlässe; und dieser Anlass war für die Amadeus Familie wichtig: es war ein Familienausflug.







Im geräumigen Bus fanden wir alle bequem Platz und fuhren damit eine Stunde zu Funzi Island. Dort bestiegen wir 2 Boote und begaben uns auf eine Rundfahrt.  Die Teenies liebten das: sie winkten einander immer zu, lachten,  hatten großen Spaß! Und dann entlang der großwurzeligen Gewächse am Flussbett sahen wir sogar ein Krokodil vorbeischwimmen,  der uns kurzfristig seine Augen sehen ließ,  bevor er wieder abtauchte. Eines war klar: keiner von uns durfte die Hände ins Wasser stecken....
















Wir kamen dann zu einer Sandbank und relaxten dort. Es war so schön, zu sehen, wie unsere Teenies diese Zeit miteinander- einmal fern von Amadeus,  aber doch gemeinsam  - genossen. Sie schlugen Räder im Sand, ließen sich im Sand begraben,  sammelten Seesterne, bespritzten sich mit Wasser, machten Fotos von und miteinander und hatten eine großartige Zeit! Und ich....gönnte mir eine Kokosnuss! 😀











Danach war es Zeit, ans Mittagessen zu denken. Den Koch (mpishi), der für uns alles bereitete,  hatten wir mit dem Boot davor bei dem Privathaus abgesetzt,  wo er 3 Stunden Zeit hatte, Essen für all unsere hungrigen Mäuler zu kochen. 
Und dann war es soweit: wir fuhren mit den Booten zu dem Privatpavillon und fanden eine schön gedeckte Tafel vor. Zur Vorspeise gab es Hummer und Krebse. Als Hauptspeise wurde frischer Fisch mit Reis, Erdäpfel und Tomatensalat serviert. Was soll ich sagen: köstlich!!!!
Was heranwachsende Teenies verzehren können,  ist auch in Kenya überwältigend! Unsere Amadeus Teenies nahmen sich zumindest 3x nach und luden sich Berge von Reis auf ihren Tellern. Bei der Vorspeise waren ein paar wenige vorsichtig,  da sie nicht wirklich wussten, wie man Krebse und Hummer verspeist. Da kam natürlich Martin, der ja auch Koch ist, zur Hilfe und zeigte ihnen den Gebrauch der Werkzeuge, um an das frische Fleisch der Meeresgetiere zu gelangen. 













Nachdem sich alle ihre Bäuche vollgeschlagen hatten - der Koch musste immer mehr und mehr nachbringen,  bis wirklich alle satt waren - machte unser guide eine spannende Führung durch das einheimische Dorf mit uns. Wir erfuhren viel über 2000 Jahre alte Baobab-Bäume, die Gepflogenheiten der Einwohner - die ansässigen Frauen ließen uns auch ihre Produkte bestaunen - und wie man ohne Elektrizität auskommt...doch konnten wir auch Solarpanels in den Strohdächern erkennen und eine wohlhabende Familie hatte auch eine Sarelittenschüssel am Dach....










Müde und glücklich stiegen wir in den Bus und fuhren wieder nach Hause - ins Amadeus Teenagers' Home! Und wer weiß,  vielleicht träumte der eine oder andere Teenie vom Krokodil, das uns neugierig ansah....es war schließlich das erste Mal in ihrem Leben,  dass sie ein Krokodil live sahen! 😀





Donnerstag, 14. August 2025

Achtung, Achtung: frei herumhängende Teenager im Amadeus!

Man glaubt es nicht: aber auch in Kenia leiden Menschen zwischen 13 und 19 Jahren am Teenager-Virus: wie Hippos liegen unsere Amadeus teenies auf den Couches herum, geben grunzende Antworten,  hängen stundenlang am Handy und vernachlässigen die Schule....Ja! Na Gott sei Dank sehe ich endlich mal Gemeinsamkeiten zwischen meiner europäischen und der kenianischen Welt. Wir sitzen im selben Boot! 

Trotzdem starten wir den Tag mit Yoga, unserer alljährlichen Routine, und mit einer Körper- und Geistmeditation....wobei manche teenies soweit entspannen, dass sie einschlafen. Auch gut...





Fashion ist natürlich in diesen Lebensjahren lebensnotwendig - auch bei Ossi! Alle Teenies haben sich wahnsinnig über alle eure coolen Kleidungsartikel gefreut- danke an alle,  besonders an George!!! Auch das wurde in den Jahren so eine Art Ritual,  wo die Jugendlichen um die Koffer stehen,  sie öffnen, und schließlich übernimmt Mary das Kommando und teilt gerecht und fair und nach sinnvollen Kriterien aus. Wie sie diese Kleidungsstücke kombinieren und sich präsentieren, ist echt einzigartig und zeigt subtile Kreativität- dazu im nächsten Blogeintrag!


Unser gemeinsames Mittagessen leidet auch unter dem Teenie-Virus (auch das kenne ich all zu gut von meinem Sohn)....einige wollen nicht essen, andere wollen später essen, und wieder andere nehmen sich still schweigend ein Stück Obst und verschwinden in ihre Gemächer.  Zurück bleiben die jüngeren Teenies, wo der Virus erst kürzlich eingesetzt hat und noch nicht alle Körperteile in Beschlag  genommen hat. So sitze ich am Tisch mit ein paar handvoll Jung-Teenies - aber wir lassen es uns schmecken. 

Dieses Jahr dachte ich, es wäre "cooler", meine Teenie-Gruppe Podcasts "spielen" zu lassen- zu Themen, die sie bewegen: Schule, Familie und Umweltbewusstsein.  Ich muss sagen, es war interessant zu sehen,  wie sie sich zu zweit in Gruppen zusammenfanden und sich vorbereiteten,  um dann letztendlich ihren Podcast vorzustellen. Was sie über Schule und Familie zu sagen hatten? Nun, sie begaben sich nicht auf Glatteis mit heiklen Themen,  sondern beackerten die wohlbekannten Haltungen: Schule- lange Tage, sehr frühes Aufstehen (3.30h), boarding challenges, Essen, long study hours; Familie: viele Kinder, weil man das so in Kenia macht, Stellung der Frau....naja, so wie es die Kids sehen, ist es normal,  dass die Frau den Haushalt schupft- gleichzeitig sehen sie sich (Gott sei Dank!!!!) in Zukunft alle in interessanten Jobs!



Am Nachmittag zwischen 15h und 17h - vor Einbruch der Dunkelheit- waren wir täglich mit einer 4er-Gruppe am Strand, sind dort spaziert und gelaufen für 1 Stunde und danach genossen wir gemeinsam Soda-Drinks am Colobus Strand. Wenn früher die Jungs 8km täglich mit mir gelaufen sind, so sind es jetzt gerade mal 2km und dann gehen sie... Auch die Ladies bei ihren Spaziergängen bekunden eine Art Teenie-Lethargie,  die sie daran hindert in einem zumindest irgendwie angemessen Tempo vorwärts zu kommen. - Auch das kenne ich von meinem Sohn....


An einem dieser Tage stand mein jährlicher Friseurbesuch in Ukunda an. Dieses Mal verband ich das mit einem dortigen Mittagessen mit meinen Vollwaisen Amy, Allen und Obama.  Die Teenies ließen sich ihr Mittagessen in der ukundischen Gaststube schmecken. Susan nahm ich auch mit, da sie den Beruf "Friseurin" gerade lernt,  und ich dachte, das wäre ein spannendes Erlebnis und kann zudem auch mithelfen! Und das tat sie auch! Natürlich erkennt man, dass sie noch langsam die Zöpfe knüpft,  doch lächelt sie von einem Ohr zum nächsten und ist voll motiviert! Sie verdiente sich sozusagen auf jeden Fall einen kleinen monetären Beitrag von meiner Seite. 

Eines meiner jährlichen Aufgaben ist, die Zeignisresultate mit den Kindern einzeln zu besprechen. Wir haben Teenies mit super Noten,  wir haben aber auch Teenies mit ziemlich schlechten Noten....auch dem Teenie-Virus geschuldet. Ein paar von meinen großen Jungs brauchen zumindest einmal im Jahr klare Worte. Bei einem meiner leistungsschwächeren Jungs bemerkte ich ein Armband mit einem Mädchennamen darauf....ob da der Grund der Schulvernachlässigung begraben liegt? Nein, schüttelt er vehement den Kopf- naja, wer's glaubt.  Ein anderes Gespräch ließ sich so an "Ja, ja, dieses Jahr haben die akademischen Bemühungen von meiner Seite leider keine Früchte gezeigt,  aber mit Gottes Hilfe werde ich wieder meinen Weg finden ", schwafelte ein anderer 17-Jähriger.  Ich kürzte seinen Redeschwall ab und schaute ihm tief in die Augen und raunte ihm zu, er solle sein Geschwafle jetzt einstellen und teilte ihm in Klarheit mit," Wenn du so weiter machst,  kannst du mal Fischer  sein und für Restaurants fischen. Ist ja auch nicht schlecht....". "Nein, nein", betonte er, " das wäre kein guter Beruf". "Warum nicht?", unterbrach ich ihn, "oder willst du mir sagen,  Jesus hatte einen schlechten Job gewählt...?" Daraufhin musste er lachen...wir einigten uns, dass er einfach die Schule ernst nehmen soll und lernen soll.

Tja, und so vergingen diese Tagen mit den Jugendlichen....bis der Höhepunkt nahte- aber das ist eine andere Geschichte und wird im nächsten Kapitel besprochen! 😀



Dienstag, 12. August 2025

Martin - der achtsame Freiwillige

Keine Angst - es wird kein ähnlicher langer Blogeintrag wie der letzte über Ossi...schon alleine deshalb,  weil Martin erst das zweite Jahr hier mit in Kenia ist.

Es liegt an Martins offener Natur, dass er sich auf Neues einlässt und keine Kosten und Energie scheut,  um sich für Gutes einzusetzen.  Fällt ihm der kenianische Alltag leicht? Nun, nicht immer....hier ein paar Beispiele,  die Martin täglich herausfordern,  die er aber mit viel positiver Energie, Willenskraft und Durchhaltevermögen meistert.

Martin ist Marathon-Läufer und trainiert täglich, um sein Ziel, die 42,195km in 2 Stunden und 55 Minuten zu erreichen.  Kann er hier diesem Training gerecht werden- wohl kaum. Martin hat Respekt vor dem afrikanischem Busch, wo ich sonst immer mit den Kindern laufe - und auch mit Recht: es ist sehr unwegsam, es gibt viele streunende Hunde, es gibt auch Banden, die gerne Weiße attackieren,  ganz zu schweigen von den vielen Insekten und creepy crawlies,  die im Busch unterwegs sind. Deshalb läuft Martin lieber am Strand- der weiße Strand von Diani ist weltweit einzigartig....einzig und allein sind die Gezeiten, die man einhalten muss.  Der indische Ozean ist mächtig und wenn die Flut da ist, ist an Spaziergängen am Strand - geschweige denn zu laufen- nicht zu denken.  Martin konnte 2x mal in diesen Tagen am Strand laufen....meine Aufgaben in Amadeus machten alle andere Unternehmungen am Strand unmöglich. 

Martin ist noch nicht an kenianische Verhältnisse gewöhnt...er traut sich nicht Wasser aus dem Wasserhahn in Amadeus trinken, obwohl ich ihm wiederholt versichern kann, dass unser Amadeus Wasser trinkbar ist- es wird ja auch regelmäßig getestet. Ossi und ich trinken es seit Anbeginn, aber Martin will sich darauf nicht verlassen und bleibt lieber stundenlang durstig. 

Selbiges stellt sich dar mit dem Amadeus Essen: Martin möchte gerne seinem großen Marathon-Vorbild Eliud Kipchoge gleichtun und Ugali essen...er kann es nur nicht.  Auch sonst ist ihm diese Kost fremd und zieht sich das Unverständnis und Besorgnis unserer Matron zu, die nicht verstehen kann, wie ein erwachsener Mann ohne Mittagessen auskommen kann. 

Martin ist ein Kaffee- Trinker. Und Kenia ist 1A Kaffee Produzent. Kann man trotzdem Kaffee in Kenia trinken? Ja, in europäischen Restaurants, nicht aber in Ukunda. Ich habe davon in vorherigen Blogeinträgen berichtet. Kaffee wird sofort nach Europa exportiert. Ich werde nie Martins Gesicht vergessen,  als wir mit einigen Kindern in Ukunda waren,  und er Kaffee bestellt hatte. Seine Worte waren: " Coffee Americano, please. " Für mich war in der Sekunde klar: das versteht hier niemand....Der Kellner fragte dreimal, was das wäre. Martin versuchte,  klar zu machen. Ich stand daneben, und es war unmöglich für mich einzugreifen,  ohne dass es unhöflich geworden wäre. Und dann kam auch schon sein Kaffee: eine Tasse mit heißem Wasser mit einer kleinen Packung Löskaffee Nescaffee. Jeder der Martin kennt,  kann sich vorstellen,  wie sein Gesichtsausdruck war. Für mich war immer klar: in Ukunda gibt es nur Kahawa (Kaffee) als abgepacktes Nescafee Dings oder eben sonst nix - ganz zu schweigen,  etwaige Differenzierungen wie Espresso, Macchiato,  Melange,  Americano oder Ähnliches. Um es auf den Punkt zu bringen: Martin wird nie wieder Kaffee in Ukunda bestellen oder trinken. 

Um vom Amadeus ohne Auto zur beach road zu kommen,  fährt man am komfortablesten mit dem pikipiki (Motorrad) - normalerweise hängen da mindestens 4 Personen dran. Ich schlug vor, wir fahren mit je einem pikipiki.  Das war für Martin total inakzeptabel....ohne Helm, ohne ausgebildeten Fahrer- für ihn undenkbar. Ein Tuktuk (ein Dreiradgefährt) musste sich die unwegsame Piste hinaufquälen,  um uns abzuholen. 

Martin hat eine Schlangenphobie. Natürlich gibt es in Kenia alle Arten von giftigen Schlangen. Würden sie uns Menschen angreifen? Wohl kaum - sie haben zwar keine gute Augen, doch aber sensibles Gehör, und allein unsere Fußstapfen lassen sie sofort in ihr Zuhause verschwinden. Trotzdem hat Martin gehörigen Respekt vor ihnen. Es vergeht kein Tag, wo er nicht an deren unmittelbaren Präsenz denkt. In Diani wurde er einer toten Schlange Angesicht, in Amadeus spielen und malträtieren die Kinder mit diversen Schlangen und zu guter Letzt sah Martin auch noch eine Kobra in der Maasai Mara- nicht leicht für seine Nerven.

Um in die Maasai Mara zu kommen,  fliegt man in einem 12-Sitzer Kleinflieger. Martin, als erprobter Langstreckenflieger hatte Schweißhände, als er erfuhr,  dass wir in einer solchen Maschine fliegen würden. Hat es ihm schlussendlich gefallen? Und wie!! Bei der Rückreise waren wir ein fliegender Autobus, der aller 3 Minuten landete,  um andere Passagiere aufzuklauben. 

Martin muss oft mal pinkeln...kein Problem auch in der Maasai Mara...nur muss man halt aus dem Jeep aussteigen und hinter dem Auto seine Notdurft verrichten.  Zu Beginn war das eine große Herausforderung für Martin....zu wissen,  dass Löwen um die Ecke unterwegs sind.  Nur, die Löwen wollen von uns Menschen normalerweise nichts.

Auch kalt duschen ist nichts für Martin.  Er mag nun mal warmes Wasser auf seiner Haut. Aber warmes Wasser ist nun einmal Seltenheit hier.  Und so schimpft Martin unter dem kalten Wasserstrahl...bis er dann rauskommt,  um zu meinen,  es wäre eh recht erfrischend gewesen. 

Man kommt jetzt unweigerlich zum Schluss: Warum in aller Welt tut sich Martin das alles an? Die Antwort ist einfach und doch so unglaublich ergreifend: Martin macht das alles aus tiefer Liebe zu mir - und schafft es trotz aller Widrigkeiten,  mich anzustrahlen, mir seine Hand zu reichen und mir zu helfen.

Mir ging das Herz auf, als Martin ohne Kaffee,  ohne warme Dusche sowie mit Schlangennähe das kenianische Lied mit herzlichen Lachen lauthals mitsang: " Jambo, jambo Kenia!"



Samstag, 9. August 2025

Ossi - der Brückenbauer

Weiß ist nicht weiß, und schwarz ist nicht schwarz. Ossi versuchte in den letzten  Jahren das Unmögliche möglich zu machen, ohne in seinen damals noch Kinderaugen zu verstehen, dass das leider nicht gelingen kann....Was ich damit meine? Darum wird es in diesen Blogeintrag gehen....das ist auch der Grund, warum mein Sohn dieses Mal nicht mit uns hier ist.

Ossi kennt sich aus, wenn es um Kenia und afrikanische Grundbedingungen geht. Er war ja auch schon oft genug hier. Er weiß,  was es heißt, über Wochen hier zu sein und hier zu leben. Er weiß, was Wassermangel und Elektrizitätsschwankungen bedeuten. Kurzum, er kann von kenianischen Lebensbedingungen ein Lied singen.

Während andere Kinder in Wien in ihrem Zuhause chillten, saß er geduldig im Tropeninstitut und ließ unzählige Impfungen über sich ergehen. Während seine Freunde Kurzflüge von 2 Stunden nach Italien, Griechenland oder Türkei planten, rüstete Ossi sich für eine über 20 Stundenreise, die über Nacht dauerte, in der er auf wenig Platz und in engen Sitzplätzen schlafen musste und stundenlang auf Anschlussflüge warten musste, um dann todmüde 6 Koffer zu schleppen, die zum Großteil nicht mit Dingen, die er gerne mitgehabt hätte, gefüllt waren, sondern mit Sachspenden für unsere Amadeus-Kinder. Während seine Freunde in bequemen Hotels nächtigen, musste Ossi in unserer Unterkunft ekelhaftschmeckende,  jedoch sehr wichtige Anti-Malari-Kräuter zu sich nehmen, sowie auch 2cm große Stücke rohen Ingwer kauen, um das Immunsystem zu boosten. Während seine Freunde mit anderen Kindern in der adriatischen Badewanne schwammen und am Strand spielten, musste Ossi mit dem indischen Ozean Vorlieb nehmen, der nicht wirklich zum Schwimmen einlädt; deshalb baden auch keine Menschen im Ozean - es heißt auch deshalb Ozean und nicht Meer. Während seine Freunde Schnitzel mit Pommes verzehrten, musste Ossi mit der kenianischen Kost Vorlieb nehmen: Ugali, Mischmasch von Kartoffeln, Reis und Greens- ehrlich gesagt,  kenne ich kein Kind, das diese Kost anstandslos für Wochen hindurch essen würde....denn es gab nur dieses Menü oder eben nichts. Während seine Freunde in ihren Ferien kiloweise Eis und andere Süßigkeiten verschlangen,  musste Ossi auf all das verzichten,  denn in Kenia gibt es nunmal keine Süßigkeiten....selten aber doch kamen wir mal in ein Kaffeehaus, wo Ossi ab und an einen doughnut genießen konnte. Während andere Kinder schnell mal in einen europäischen Billa/Hofer und Ähnliches ihren Gusto bedienen konnten,  so konnte Ossi nur selten in ein Kaufhaus kommen....und die Supermärkte hier sehen anders aus und sind auch anders bestückt, denn die Extrawurst- oder Schnitzelsemmel mit Gurkerl gibt es hier nicht. Während seine Freunde in klimatisierten Autos auf schnellen, bequemen Autobahnen oder Straßen, die auch Namen tragen und eine navitaugliche Adresse aufweisen, chauffiert wurden, fand Ossi sich in robusten Autos wieder,  die unwegsame Ruppelwege bewältigen mussten, wo man sich im Auto festhalten muss, um sich nicht zu verletzen...Ganz zu schweigen, dass Ossi mit einer gestressten Autofahrerin (ich) konfrontiert war,  denn relaxt ist man während solcher Autofahrten nicht, wo man 20 Minuten für 3km braucht. An dieser Stelle danke ich dir sehr, Ossi, dass du dein Orientierungstalent jedes Mal eingesetzt hast, um dir den Mangobaum/Baumstumpf/Hütte zu merken,  wo wir abgebogen sind....denn ohne dich hätte ich oftmals den Weg nicht zurück gefunden! Während seine Freunde eine Serie auf Netflix oder Prime gemütlich auf einer Couch streamten,  hatte Ossi keinen Zugang zu Internet; stattdessen saß Ossi auf einem Sessel im Fernsehraum der Kinder und schaute Serien auf Swahili an, die er weder verstand, noch die er ausgewählt hätte. Während seine Freunde mit anderen Freunden Aktivitäten unternahmen,  ging Ossi mit den Amadeus-Kindern in die Kirche, wo die Messe 4 Stunden dauert und so laut indoktrinierende Floskeln gebrüllt werden,  dass man Kopfschmerzen bekommt. Während andere Kinder sich bis um 21h oder länger während den Sommerferien im Freien aufhielten, musste Ossi mit mir um spätestens 18h im Amadeus zurück sein, da Dunkelheit ohne Straßenlicht und als weiße Frau mit Kind alleine, Lebensgefahr darstellt - abgesehen von der Tatsache,  dass Ossi selbstverständlich ohne mich außerhalb von Amadeus keinen Schritt allein tun durfte....etwas, das er in Wien durchaus darf. Während seine Freunde keinen Gedanken an die Voraussetzung einer Dusche oder Badewanne verschwendeten, stellte sich für Ossi zunächst täglich die Frage, ob es überhaupt Wasser gibt und an Warmwasser war sowieso nie zu denken. Ossi duschte sich in Kenia immer nur kalt- alles andere gab es nicht. Während seine Freunde einer abwechslungsreichen Freizeitgestaltung nachgehen konnten, so musste Ossi stundenlang in einer kenianischen Friseurstube (und die ist wahrhaftig banal) auf mich und meine Haarpracht warten. Während andere Kinder an Strandpromenaden lustig herumhüpften, bestieg Ossi unliebsame Hintergassen in Ukunda, die an Schmutz und Dreck ihresgleichen suchten.

Ihr habt jetzt wahrscheinlich schon eine Ahnung,  worauf ich hinaus will: Ossi war jahrelang mit einer Welt konfrontiert,  die unterschiedlicher zu seiner nicht sein konnte. Dass man da auch mal als Kind auszuckt,  blockiert und frustriert ist, ist mehr als verständlich...Ossi hatte ja zudem auch fast jährlich eine Magen-Darmkrankheit zu bewältigen mit Fieber und Durchfall (das auch mich sehr stresste,  denn Fieber mitten im kenianischen Busch ohne Arzt um die Ecke....das zwang auch mich fast in die Knie und ließ mich ein Stoßgebet an die höchste Ebene schicken). Während seine Freunde kindgerechtes Ferienprogramm absolvierten, machte Ossi mit mir Safaris, die auch sehr anstrengend sind, da man bis zu 10 Stunden am Tag im Jeep verbringt, um den big five nachzujagen. Ich sah viele gelangweilte Kinder am Handy in den Jeeps - das erlaubte ich Ossi nicht: er musste die Safari mit allen Sinnen erleben,  wenn ich schon soviel Geld ausgebe.

Ossi musste sich in all diesen Jahren mit der Tatsache abfinden, dass - sobald in Amadeus angekommen- ich nur mehr auf Englisch kommunizierte, das er damals noch kaum verstand, und ich mein Programm für die Amadeus-Kinder abspulte, an dem er zwar eingebunden war, aber er hatte mich nie für sich. Er war auch sehr oft leidermit Situationen konfrontiert, die ihn zutiefst verunsicherten, wie häusliche Gewalt (ich berichtete über einige schlimme Vorfälle: Schlagen mit Stöcken, Kahlscheren, etc). Deshalb musste ich auch Berichte schreiben,  wenn ich mal Online sein konnte, während Ossi mit sich still beschäftigen musste.

Während seine Freunde ihre Freunde in den Sommerferien trafen,  musste sich Ossi mit den Amadeus-Kindern anfreunden....Was er auch gerne tat! Einfach war es aber für ihn nicht....oftmals wurde er ausgeschlossen,  weil sie eben untereinander in Swahili reden, und er natürlich nichts versteht. Sie haben ihm auch oft Streiche gespielt - es war nie böse gemeint,  jedoch - nach einem langen Tag, wo Ossi schon stundenlang einer Fremdsprache und anderen und auch sehr oft anstrengenden Aktivitäten ausgesetzt war, endete es leider in Streit und in Tränen. 

Es war nicht leicht für Ossi, sein Leben und seine Gedanken mit den Amadeus-Kindern zu teilen....nicht nur die Sprache, sondern deren unterschiedlichen Welten machten es eigentlich unmöglich. Ich erlaubte Ossi nicht,  den Amadeus-Kindern Fotos von unserem Zuhause zu zeigen - es schien mir unangebracht, ihnen zu zeigen, wie "gut" es Ossi hat. Ossi konnte auch kein Hardcover Buch mitnehmen,  da der Buchrücken -nachdem alle das Buch angeschaut hatten-, gebrochen war. Deshalb musste er dann sein teures Harry Potter Buch vor ihnen verstecken- auch nicht nett, das tun zu müssen....aber es fiel uns keine andere Lösung ein. Viele seiner Spielsachen endeten in den Händen der Amadeus-Kinder und blieben dort,  weil ich es nicht übers Herz brachte,  es ihnen wegzunehmen....doch Ossi wiederum musste sich damit abfinden,  dass seine Sachen nicht mehr zu ihm zurückfanden.

Und trotzdem baute Ossi mit seiner Herzlichkeit und Empathie Freundschaften auf. Mit großer Rücksichtnahme und Respekt vor der kenianischen Welt muss man Ossi als einen der jüngsten Voluntäre anerkennen,  der sich diesen Herausforderungen stellt und zurückstecken kann und Durchhaltevermögen aufweist- das hat nicht jeder!

Und deshalb darf Ossi in diesen Sommerferien mit seinen Freunden auf Pfadfinderlager sein, baden und schwimmen in den oberösterreichischen Seen und Abzeichen machen, die ihn interessieren. Er kann nun endlich auch mit seinen Freunden über das reden,  was ihn interessiert - in seiner Muttersprache!- und tun, was ihm gefällt. Er wurde in diesen Tagen zu den CaEx überstellt und geehrt: Gratulation! 

Gestern ging ich mit einigen Amadeus Mädels am Strand spazieren, als ich Annas traurige Augen wahrnahm und ich sie fragte,  was los sein. "I miss Ossi!" , sagte sie. Ich fragte sie, warum. Sie blickte mich an und sagte:" because he is my friend." Das bringt es auf den Punkt - ja, Ossi hat Freunde hier in Kenya und sie vermissen ihn alle: ich brauche nicht extra die große Enttäuschung schildern,  die in Mumos und Monjas, etc Gesichtern zu sehen war....Ossi hat das Unmögliche möglich gemacht: er hat Freunde in beiden Welten- in Europa und in Afrika! Ich ziehe meinen Hut vor dir, Ossi! Ich danke dir von Herzen,  dass du diesen Weg, der selten leicht war, mit mir gegangen bist. Ich weiß,  du willst auch wieder nach Kenia, denn auch du vermisst Amadeus. Asanthe sana,  Ossi!



Montag, 4. August 2025

Jambo Kenia - welche Marathonmeile laufen wir?

 


Ein Marathon fängt bei Kilometer 30 (Meile 18) an - da wird es hart, da geht man an die Grenzen des mentalen und physischen Körpers....hier fängt man an zu zweifeln. 

Nach 14 Jahren Kenia, in denen ich unsere Amadeus-Kinder begleitet habe,  ich ihnen Weihnachtsbriefe,  Osterbriefe, Geschenke und Sommeraktivitäten,  Schulperspektiven beschert habe, stellt sich nun die Frage: Wie lange brauchen sie mich noch wirklich? Irgendwann in naher Zukunft werden wir die finish line, die Ziellinie erreichen und die ehemals Kinder, nunmehr Jugendliche und alsbald Erwachsene werden flügge.

Und diese ganz normale Entwicklung geht Hand in Hand mit meinem Lebenslauf: ich bin in meiner 5. Lebensdekade und spüre die Beschwerlichkeit der Reise nach Kenia, die von Tür zu Tür 22 Stunden beträgt.  Mittlerweile brauche ich beinahe 3 Tage, um mich von den Strapazen zu erholen.  Das Gepäck von insgesamt 4 großen und 2 kleinen Koffern,  die man auschecken sowie erneut bei Inlandsflügen einchecken muss,  hängt sich auch immer mehr an. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an alle, die hübsche Kleidungsstücke,  Schuhe und Ähnliches gespendet haben! Die Jugendlichen werden sich sehr freuen!!!

Ich sitze gerade in Addis und warte auf den nächsten Flug nach Nairobi. Danach geht es nach Mombasa und von dort nach Ukunda. Es wird Abend bis Martin und ich am Ziel ankommen. Wir sind gerade sozusagen bei km 23/ Meile 15 unseres Reisemarathons.

Und da wir beide Läufer sind, wissen wir: nun gilt es Zähne zusammen beißen und weiter laufen.....immer der Zielgeraden entgegen: Amadeus Children's Home!



Freitag, 30. August 2024

"I am what I am!"

Der Abschluss unserer Amadeus-Woche mit unseren Kindern war die gemeinsame Choreographie vom Song der Gloria Gaynor "I am what I am". Vielen Dank an meinen lieben Sohn, der die Choreo mit den Kindern einstudierte. Die kids liebten es. Es ist ja auch Lied, das zum Mitsingen und Tanzen anregt. Und so war es auch ein voller Erfolg.  Lauthals sangen sie das Lied mit und brüllten gemeinsam den Refrain "I am what I am"! 

Es war mir aber auch ein besonderes Anliegen, mit ihnen die Botschaft des Lieds zu besprechen: du bist was du bist und du darfst das, was du bist, auch sein - ohne Einschränkung und ohne Kompromisse. Und da wären wir auch beim Thema, der eigenen sexuellen Orientierung...und das ist heikel in Kenya.

Seitdem ich vor 13 Jahren Fuß in dieses Land setzte, habe ich noch nie 2 Männer nebeneinander gehen sehen. Ich erinnere mich, dass ich eine Netflix-Serie mit einem homosexuellen Paar in einer Nebenrolle in Österreich begonnen hatte und diese Serie in Kenya weiter sehen wollte.  Verblüfft musste ich feststellen, dass beim Aufrufen dieser Serie eine Meldung am Bildschirm aufschien: Diese Serie hat homosexuelle Inhalte, die hier nicht erlaubt sind. Somit war die gesamte Serie blockiert. Und das im 21. Jahrhundert!

Gleichgeschlechtliche Paare werden in die Illegalität getrieben. Ja, Homosexualität ist verboten in Kenya und steht unter Strafe. Das ist, wenn es überhaupt soweit kommt, dass Autoritäten einschreiten.  In Wirklichkeit werden gleichgeschlechtliche Paare in Hintergassen brutal ermordet. Kinder, die sich im jeweiligen anderen Geschlecht verkleiden wollen...denen wird der "shit" herausgeprügelt. Und trotzdem muss ich auch festhalten,  dass diese Zeiten ja auch gar nicht so lange her sind in Österreich oder in anderen europäischen Staaten.  Von Vorurteilen, die ins Heute reichen,  muss ich ja nicht extra reden. Traurig- denn am Ende des Tages: it's all about love. 

Und das wollte ich mit diesem Song den Kindern nahe bringen: man soll sich nicht verbiegen müssen,  sondern das sein dürfen, was man ist. Das fängt ja auch mit gender-freien Berufen an: warum sollen meine girls nicht Pilotinnen werden und warum meine boys nicht Kindergarten-Pädagogen...nur um eines von vielen Beispielen zu nennen. 




Unser Aufenthalt neigt sich dem Ende. Ich will an dieser Stelle ganz ehrlich sein. Es gibt Momente,  an denen ich denke, warum kann ich nicht auch mal egoistisch sein und einen Sommer auf einer griechischen Insel verbringen- da war ich noch nie! Kenya ist oft anstrengend: das fängt mit der langen Reise an und hört mit all seinen oft überraschenden und unvorhersehbaren Problemen auf. Auch wenn die lokale Einstellung sich in "Hakuna matata" widerspiegelt, so ist doch oft Vieles sehr kompliziert und undurchschaubar. 

Doch was sollte ich meinen Kindern sagen? Dass ich auch schon 50 bin und mal ausspannen will und mal eine andere Ecke der Welt kennen lernen will? 

Und dann schläft unser Jüngster auf meiner Schulter ein...und dann sagen mir die Kinder, dass sie nur mir vertrauen...und dann schauen sie mich an und sagen: next year we want to do this and this and this with you....was soll ich dann sagen,  wenn mir dann die Tränen aufsteigen. Was würdet ihr tun? Ich hab nun mal vor 13 Jahren ein commitment begonnen...und was ich je in meinem Leben begonnen habe, habe ich noch immer zu Ende gebracht. 

Natürlich komme ich- und das weiß die Amadeus gang. "Ninarudi"- Swahili: "ich komme wieder". Vielen Dank an Martin, der mich dieses Jahr so großartig unterstützt hat und bei Amadeus auch weiterhin uneigennützig mithelfen will. Viele Menschen sagen oft Vieles,  wenige ziehen es durch.

Kwa heri!