Sonntag, 24. Juli 2011

Wie nemman dem denn: Jinglish, Global English oder doch ganz anders?

Dass Sprache generell dem Naturgesetz der Veränderung unterliegt, ist allgemein bekannt. Weiters ist es auch kein Geheimnis, dass Sprache der zwischenmenschlichen Kommunikation dient. Wir lernen Englisch als erste lebende Fremdsprache und das spätestens ab den letzten beiden Volksschuljahren. Bis zur Matura soll man das Sprachniveau B1+ erreicht haben – sprich man soll in unterschiedlichsten Situationen sich grammatikalisch korrekt und situationsangepasst ausdrücken und auf sein Gegenüber eingehen und sprachgewandt reagieren können: successful communication & intelligibility! Soweit so gut.

Seit 2003 gilt in Kenia die allgemeine Schulpflicht, die bei weitem nicht von allen Kindern befolgt werden kann, da sehr oft das Geld für die Schuluniform und die Prüfungsgebühren fehlt. Außerdem hat man dem Schülerstrom die Infrastruktur nicht angepasst, und es gibt viel zu wenige Schulgebäude bzw Verkehrsmittel, die einem zu dieser Bildungseinrichtung bringen. Unterrichtsmaterialien sind natürlich auch Mangelware… Das kenianische Schulsystem sieht das sogenannte 8-4-4 Programm vor, was an das britische System angelehnt ist: 8 Jahre Primary School, die man mit dem KCPE (Kenyan Certificate of Primary Education) abschließt; 4 Jahre Secondary School, welche mit dem KCSE (Kenyan Certificate of Secondary Education) endet; danach 4 Jahre High School. Der Unterricht findet ausschließlich in Englisch statt. Fragt sich nur in welchem Englisch?

Wir wissen, dass es verschiedene Standardformen der englischen Sprache gibt: Britisch, Amerikanisch, Irisch, Schottisch, Australisch, Kanadisch – alles Länder mit Englisch als Muttersprache. Dann kommen Länder, die während des Britisch Commonwealth englische Kolonien waren und denen Englisch als eine Art Supra-Sprache politisch aufgezwungen wurde. Heute will man von Zwang nichts mehr wissen und nennt es: lingua franca – Englisch als Verkehrssprache. Indian English, African English, …. Nur in den Zeiten des internationalen Business müssen natürlich geschäftsbedingt Briten, Inder, Afrikaner, Italiener, Franzosen an einem Tisch sitzen und „business“ reden und so war auch schon der Umbrella-term geboren: Global Englisch: eine Sprache, die jeder versteht und jeder spricht – ganz natürlich gewachsen, denn aus den Kunstsprachen wie Esperanto ist ja nichts geworden. Also: Global English für alle Menschen dieser Welt! Das ist die theoretische Seite der Medaille.

Die Praxis sieht jedoch anders aus: ein Engländer wird kaum in anderen nicht-englisch-sprachigen Ländern verstanden, außer er spricht Global English. Ich erinnere mich gut, wie eine Britin sich bei einer internationalen Konferenz auf dem Schlips getreten gefühlt hat, als man sie aufforderte, nicht so geschwollen zu reden, sondern zu simplen Sprachstrukturen zu greifen: Global English halt! Dieses Konzept einer – im besten Sinn formulierten – straffen Sprache wird ja schon in „1984“ von George Orwell beschrieben, der eine Sprache voraussieht, die nur wenige Adjektive hat und nur mit „not“ das Gegenteil ausdrücken kann: „good – not good“. Wie Recht er doch hatte! Also wenn Global English in allen Schulen dieser Welt unterrichtet werden muss, dann müssen sich auch die in verschwindender Unterzahl befindenden „native speakers“ darauf einstellen, Global English als eine Art Fremdsprache zu erlernen, denn sonst laufen sie Gefahr als unhöflich, arrogant und schlicht und ergreifend unverständlich rüber zu kommen.

Für mich stellt sich bei meiner Mission folgendes Problem: Englisch ist gemeinsam mit Swahili die Nationalsprache Kenias. Das heißt, die Bevölkerung ist eigentlich zweisprachig, nur mit dem Unterschied, dass Englisch von außen gelehrt wird und Swahili zu Hause gesprochen wird. Die beiden Sprachen haben ungefähr so viel miteinander zu tun wie eine Tomate mit einem Klavier: gar nichts. Swahili ist eine Bantu-Sprache und Englisch hat, wie auch Deutsch, westgermanische Wurzeln. Und trotzdem – wie kann man es auch anders erwarten, färbt Swahili die englische Sprache… und zwar so sehr, dass ich Mühe habe, zu verstehen. Jetzt könnte man meinen, dass das gerade meine Herausforderung sei, diesen Leuten hier „richtiges“ Englisch beizubringen. Ja, schon, nur wenn sie hier miteinander Englisch sprechen, verstehen sie einander hervorragend und bringen jegliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Kommunikation mit. Ich scheine die einzige zu sein, die schwer verstanden wird und schwer versteht.

Bei meiner Ankunft hier am Flughafen von Mombasa musste ich die Daten meiner vermissten Koffer angeben. Die zuständige Person fragte mich „How many bags?“ und sprach „bags“ wie „bucks“ aus. Ich verstand es zwar nicht, aber aus dem Kontext konnte ich schon schließen, worum es ging – Geld konnte sie ja schwer meinen… Das allein hätte ich noch als schweren Aussprachefehler dieser Person gewertet, wenn da nicht eine Schlange von Afrikanern gestanden hätte, die auch alle ihr Gepäck vermissten und alle, ausschließlich alle, sprachen „bags“ wie „bucks“ aus. Ich versuchte zwei, drei Mal „bags“ zu etablieren, wurde aber nicht verstanden; es hatte keinen Sinn, ich gab auf und musste schlussendlich auch „bucks“ sagen, um endlich das Formular, das ich ausfüllen musste, mit der zuständigen Dame durchzugehen… Und das mir – die PPOCS Frau!

Gott-sei-Dank verändert sich ja Sprache nach Gesetzmäßigkeiten und so kann man auch hier ein pattern erkennen: alle Vokale wie in „cat“ und wie in „bird“ werden sehr kurz und wie der Vokal in „but“ ausgesprochen; „cat“ ist also homophon mit „cut“, und „church“ kann auch „judge“ sein. Diphthonge, die Lieblingslaute aller Engländer, habe ich, seitdem ich hier bin, nicht gehört; es wird alles monophthongiert, und Vokallängen werden ignoriert: „snake“ klingt wie „snack“ und „beach“ leider wie „bitch“. So, was tun? Soll ich jetzt meinen 12 Erwachsenen, die im Waisenhaus arbeiten, diese Dinge austreiben und Received Pronunciation drillen? Mit dem Resultat, dass sie Kommunikationsschwierigkeiten mit dem Rest der Bevölkerung haben werden? Wohl kaum!

Natürlich mache ich auf jeden Fall eines: Vorhandenes aktivieren und ihnen bewusster machen, und ein paar Ausspracheübungen werden wohl auch nicht schaden. Das habe ich gemixt mit vielen kleinen Rollenspielen, aufgepeppt mit Synonymen für gängige Wörter – ich möchte ja, dass George Orwell nicht Recht hat! Und wenn es mir gelingt, dass man zu mir nicht mehr sagt: „Were you walking on the bitch, Christina?“, bin ich schon ganz „over the moon“!