Dienstag, 26. Juli 2011

Memory mal anders: zwei gleiche Bilder, aber unterschiedliche Realitäten

Wir gehen durch die Welt und tragen in uns ein fixes „mindset of realities“. So müssen wir etablierte Bilder unserer Umgebung nicht näher erklären. Wenn ich Freunden einen Restaurants Besuch vorschlage, dann muss ich nicht erklären, dass ein Restaurant ein Ort, meistens im Erdgeschoß eines Hauses, für die Öffentlichkeit ist, die gegen Bezahlung etwas Ess- und Trinkbares aus einer dafür vorgesehenen Karte, die alle Möglichkeiten auflistet, bei einem Menschen, der dort angestellt ist und die Gäste bedient, bestellen kann; diese Gäste werden zu Tischen geführt oder sie können sich einen Tisch aussuchen… u.s.w. – Nein, so umständlich muss ich es nicht erklären: wir alle wissen, was mit dem Wort „Restaurant“ gemeint ist und wie man sich dort verhält. Und dieses Beispiel lässt sich für eine Vielzahl von Begriffen anwenden; alle, die dieselbe Welt teilen, werden sich auskennen! Nur was passiert, wenn man eine neue Welt betritt und glaubt, wie alle super-gescheiten Europäer (ich meine mich!), sich auszukennen… richtig: ein Meer von Fettnäpfchen, so groß wie der indische Ozean, in denen ich – wie es scheint, regelmäßig bade!

Ich esse hier nach strenger Trennkost und fühle mich gewichts- und verdauungstechnisch sehr wohl. Während in unserer europäischen Welt unsere Mägen mit einer Vielzahl von Durcheinander täglich zu kämpfen haben, atmet mein Magen hier richtig auf: Bohnen und Brot; Ugali – Afrikas Nationalgericht: ist einfach herzustellen und sehr billig, macht sehr schnell satt und schmeckt nach nichts; meine Mutter hat während der Nachkriegszeit immer Sterz gegessen – ich glaube, laut ihrer Schilderung, ist das so etwas Ähnliches – oder Reis oder Erdäpfel mit Gemüse. Keine Vorspeise, keine Nachspeise, keine weiteren Beilagen. Es wird während dem Essen geschwiegen und an die fürchterliche Dürre und Hungersnot in Norden Kenias gedacht; ein Satz wird den Kindern hier besonders eingebläut: „We don’t throw food away!“ Zu Beginn meines Aufenthaltes im Waisenhaus suchte ich nach sinnvollen Fragen, die ich den Kindern stellen konnte. Und so fragte ich sie, was man denn in Kenia zum Frühstück isst. Es schien mir eine ganz normale Frage, die ich schon oft Kindern im Unterricht in verschiedenen Ländern Europas (Österreich, England, Italien) gestellt hatte. Die Antwort hier lautet: „Yesterday’s left-overs.“ Schluck. Ja, richtig, wie kann man auch nur so unsensible sein und glauben, dass man überall das Bild von einem üppig gedeckten Frühstückstisch mit Müsli, weichem Ei, Wurst, Käse, Yoghurt und Kaffee teilt. Es ist der Moment, wo einem immer wieder die Augen geöffnet werden und man mit einer neuen Realität, mit einem neuen Bild konfrontiert wird. Eines ist auf jeden Fall klar: den lästigen Kinderschrei in der Früh nach einer Milchschnitte ersparen sie sich hier!


Um mir dann doch ein wenig kulinarische Abwechslung zu gönnen, besuchte ich in Ukunda ein kleines Restaurant, um ein gut gewürztes Hendl zu bestellen. Gesagt, getan. Ich nehme an einem Tisch auf der Straße Platz, und es kommt auch eine Bedienung und nimmt die Bestellung auf. Ich bestelle „natürlich“ auf Swahili und wiederhole – um sicher zu gehen, dass ich keinen Blödsinn von mir gegeben habe - auf Englisch. Ich bekomme mein Getränk; dann warte ich und warte ich und warte ich und … kein Hendl. Ich frage höflich nach. „Ja, die Bestellung ist aufgenommen, der Koch wartet“. „Aha? Warum? Ich warte doch!“ „Naja, der Koch wartet auf das Hendl.“ Ich dachte, ich wäre im Irrenhaus. „Moment, ich warte auf mein Hendl…?“ „Hm. Warum kaufen Sie dann nicht eines? Der Koch wartet!“ Mit einer Hand deutet sie zum Fleischhauer nebenan. Dann erst dämmerte es mir: ich musste mein Huhn selbst kaufen und dann wird es nach dem Rezept des Restaurants zubereitet! Okay – naja, das muss einem schon gesagt werden…! Auch dieses Bild ist mit unserer europäischen Realität nicht konform. Auf jeden Fall läuft das Restaurant nicht Gefahr, zu viel einzukaufen! Das Hendl war übrigens vorzüglich!

Ich unterrichte einmal pro Woche (immer Mittwochnachmittag) die Angestellten des Waisenhauses. Da sitzen dann grobschlächtige Gärtner und Wächter vor mir und sind ganz konzentriert und äußerst höflich und unterwürfig, zu erfahren, was denn ich, die Frau Doktor aus dem Westen, ihnen mitzuteilen habe. Ich hatte mein Handout zum Thema „sich vorstellen“ genau überprüft, um ja keine unpassenden Themen anzuschneiden. So hatte ich „favourite film“ oder „last holiday“ ersatzlos gestrichen. Die wenigen Leute hier, die Arbeit haben, sind getrennt von ihrer Familie, da die Weg Zeit hin und zurück zu lange und zu teuer wäre. Somit verbringen Sie den „Urlaub“ immer zu Hause bei Ihrer Familie. Strom gibt es selten hier, und wenn, verschwendet man den nicht an einen Fernseher… und Kino hab ich noch keines entdeckt! Jeder meiner Teilnehmer durfte sich ein Thema aussuchen und darüber plaudern. Der Erste in der Reihe entschied sich über sein Lieblingsbuch zu reden. Es war beeindruckend, ihm zuzuhören: ich hatte noch nie einen erwachsenen Menschen so hingerissen über ein Buch erzählen gehört! Er konnte einige Stellen sogar fast auswendig, so sehr hatte es ihm beeindruckt. Ich nutzte diese Gelegenheit, um gleich einzuhaken: „Also, das heißt, Sie werden das Buch noch einmal lesen!“ „Ja, würde ich soooo gern.“ „Naja, vielleicht finden Sie ja einmal die Zeit!“ Und ich schaute ihn ermunternd an. „Ja, ich spare schon. Das Geld für das Busticket nach Mombasa habe ich schon.“ Da, schon wieder dieser Moment, wo sich mein Herz zusammenkrümmt: wie konnte ich nur annehmen, dass er ein Buch besitzen könnte! Hier werden Bücher in der Community bestenfalls weitergeborgt, wenn sie überhaupt eines haben. Und in Ukunda habe ich noch kein Buchgeschäft gesehen – die Leute hier haben andere Probleme… Ich biss mir auf die Lippen und erfragte aus geheucheltem Interesse den Titel und den Autor. Das nächste Mal in Mombasa habe ich also schon einen Weg! Es ist so schön, wenn man so einfach Freude bereiten kann. Wenn ich nur daran denke, wie ich meine Schüler zum Lesen zwingen muss…!

Der Nächste in der Reihe wollte über seine Lieblingsfarbe sprechen: grün. Und wieder, in meiner europäisch geprägten Realitätswelt tut sich eine Abhandlung philosophischer Natur auf: grün, die Farbe der Hoffnung; seine beruhigende Wirkung; seine tiefgründige Intensität. „Wenn ich die Farbe Grün sehe, dann bin ich immer glücklich, denn das heißt, dass der Boden fruchtbar ist und ich meine Familie ernähren kann.“ Und schon wieder: dieser intensive emotionale Moment. Hier sitzt ein kräftig gebauter, hart arbeitender Mann vor mir, der mit glücklichen Augen über das spricht, was ihm am Wichtigsten ist. Ja, so einfach kann das Leben sein – Leben, garantiert durch das fruchtbare Grün der Natur, um sicher zu gehen, dass es left-overs für den Morgen gibt!