Sonntag, 17. Juli 2011

Let's rock the Amadeus!


Es führt eine Straße zum Amadeus Waisenhaus – in einem Boot mit drei Meter hohen Wellen wär’s nicht anders: man könnte seekrank werden. Man fährt auf einem engen Weg, ringsum ist meterhohes Gras: man ist mitten im Busch. Um den Weg im Auto zu bewältigen, muss man den Weg gut kennen und sich gut anhalten, denn die Unebenheiten sind so arg, dass man ständig derbe Schräglagen in Kauf nehmen muss. Doch mitten in dieser unberührten Wildnis haben zwei Österreicher etwas ganz Großartiges auf die Beine gestellt: ein Kinderheim für Waisen – „Amadeus Children’s Home“.

Ganz im europäischen Stil nachhaltig gebaute Gebäude, abgegrenzt durch eine Mauer mit elektronischer Sicherung, steht man in einem gepflegten Areal, das einem sehr willkommen heißt. Es gibt einen Wachmann, der ständig am Tor ist; es gibt ein Bürogebäude, ein luxuriöses Haus für Freiwilligenarbeiter (wie ich) und natürlich das Hauptgebäude, wo sich die Kinder wohlfühlen dürfen. Dahinter öffnet sich sofort ein sehr großer Kinderspielplatz mit einem Baumhaus, einer Schaukel, einer Wippe, einer Sandkiste und einer überdachten Sitzgelegenheit. Im anderen Teil des Gartens gibt es außerdem noch einen Sand-Volleyball-Platz und auch einen überdachten Pavillon für Erwachsene. Mein Haus, in dem ich mich nun eingerichtet habe, hat drei geräumige Zimmer: eine Wohnküche, ein Schlafzimmer und einen Büroraum. Hätte ich nur sowas in Wien…! Vor meinem Haus befindet sich eine von den Kindern und restlichen Aktivitäten abgeschiedene Terrasse mit gemütlichen Korbsesseln. Wenn ich dort meine Lehrmaterialien sichte und meine Einheiten vorbereite, schaue ich auf einen riesigen Gemüsegarten, der uns frisches Gemüse für den täglichen Bedarf spendet.

Mein erstes Willkommen-Erlebnis fand schon vor gut einer Woche statt und Gott-sei-Dank nicht zur späten Stunde direkt nach meiner zweiten Safari. Es ist witzig, als Lehrer ist man ja normalerweise nirgends gern gesehen: privat nicht, da einem alle die langen Ferien neidig sind, und beruflich nicht, da Schüler prinzipiell einen Freudentanz aufführen, wenn man nicht zugegen ist. So, da stand ich nun, inmitten dieser Kinderaugen und – händen, die mich alle berühren wollten. Sie hüpften um mich herum und schrien ausgelassen: Welcome, Miss Christina! Thank you for coming! Als sie dann ein Willkommenslied trällerten, spürte ich, wie es in mir aufwallte – es war ein so intensiver emotionaler Moment für mich. Meine Augen wurden wässrig und ich konnte es nicht mehr kontrollieren. Ich freute mich so – noch nie habe ich erleben dürfen, dass sich jemand für mein Ankommen so ehrlich gefreut hat wie diese Kinder… und sie wussten, dass meine Präsenz dafür bestimmt ist, dass sie während ihrer Ferien lernen müssen.

Als Lehrer ist das natürlich schon genug Bezahlung. Ich hab mich ja schon zuhause genau auf diesen Unterricht hier vorbereitet, aber mit diesem Input bin ich natürlich auch schon die letzten zwei Tage Stunden gesessen und ich darf behaupten, dass ich ganz tolle Sachen für die kiddies vorbereitet habe. Auf jeden Fall leisten diese Kinder sowieso schon eine tolle Arbeit: sie sind eigentlich zweisprachig – Englisch und Swahili. Sie verstehen, wenn ich mit ihnen Englisch rede. Ich werde ihre Sprachfähigkeit weiter aktivieren und ausbauen – und das mit viel Spaß und schönen Aktivitäten!

Der tägliche Ablauf, den die Kinder hier erleben, bestätigt mich in meiner Annahme, dass Kinder Struktur und Rituale brauchen. Sie benehmen sich bei Tisch sehr manierlich, sprechen ein Tischgebet, warten bis alle aufgegessen haben, räumen auf, waschen ab – ja, auch die 4-Jährigen waschen ihr Geschirr ab, sie bekommen einen Sessel, damit sie groß genug sind (Geschirrspüler gibt es natürlich keinen). Sobald all das erledigt ist, erlebe ich sie als ganz normale ausgelassene, herumtollende Kinder auf ihrem Spielplatz. Ich liebe Kinder, die schmutzig sind, denn das bedeutet, sie waren aktiv. Unsere westlichen Kinder schauen ja oft mehr wie Barby-Puppen aus mit ihren Kleidchen und Hello kiddy Blödsinn. Was mir auch sehr gut gefällt, ist, dass sie alle aufeinander Rücksicht nehmen: die größeren Kinder auf die kleineren; die kleineren sehen aber auch ein, wenn sie etwas nicht richtig gemacht haben – dann klatschen alle und freuen sich, weil die Kleine etwas gelernt hat! Also unser leidiges Modewort (und jeder Lehrer muß sich damit ständig auseinander setzen, weil es vor allem die Eltern so wollen) „mobbing“ ist hier noch nicht durchgedrungen.

Eines der ersten Dinge, die mir die Kinder gezeigt haben, waren ihre Kleidungsstücke; das schönste T-Shirt ist für den sonntäglichen Kirchgang. Geschenke dieser Art werden von unseren Kindern häufig verschmäht, da Kleidung zur Selbstverständlichkeit zählt. Hier habe ich im ganzen Kinderhaus kein Spiel, kein Spielzeug, kein Buch, keine Stofftiere gesehen – und die Kinder sind aufrichtig stolz auf zwei Dinge: ihr Bettchen und ihre Kleidung. Außerdem haben sie mir glückselig mitgeteilt, dass sie neue Zahnbürsten bekommen hätten…Würde das unseren Kindern bei ihren Überfluss überhaupt auffallen???

 
 
Wenn ich bei den Kindern bin, dann habe ich ständig „Schoßanwärter“: alle wollen auf meinem Schoß sitzen. Die zwei-jährige Asha hat sich sofort in mich verliebt und folgt mir auf Schritt und Tritt. Baby-Obama (unser kleiner Präsident), den man kurz nach seiner Geburt in der Mülltonne schreiend gefunden hat, sonnt sich in meinen Armen und gurrt, wenn ich seine Schläfen streichle. Tja, und dann gibt es da noch meine große Liebe zu Rama (4): es war Liebe auf den ersten Blick. Ein Goldjunge mit Scharm und Esprit. Die Art wie er meinen Namen sagt… Wenn ich zum Essen erscheine, kommt er mit einem Polster für meinen Stuhl und will, dass ich neben ihm sitze; dann fragt er mich „How are you, Christina?“ und antwortet dann auf meine Frage hin „I’m very fine, thank you.“ und legt seinen Kopf schief dabei und blinzelt mich verschmitzt an. Er hat mich sogar schon um ein Date gefragt: er will, dass ich ihn bei seinem nächsten Kirchgang begleite. Glücklicherweise habe ich eine Woche Zeit zu überlegen, welches Sonntags-Kleidungsstück ich dazu wähle…