Sonntag, 10. Juli 2011

Mombasa's spirit of the people

Dank der Koffer-Geschichte durfte ich Mombasa schon zweimal besuchen: das erste Mal als ich Fuß auf Afrikas Boden setzte und ein zweites Mal, um meine verspäteten Koffer abzuholen. (Man muß das hier persönlich mit Paß machen wegen der Zollbestimmungen. Alle - also auch meine - Koffer werden geöffnet und durchgewühlt. Ich bin froh, daß sie meine chinesischen Kräuter nicht als Drogen gewertet haben...)


Wenn ich mir oft denke, wie schön doch Wien ohne die grantelnden Wiener wäre, so hatte ich hier sofort das gegensätzliche Gefühl: Mombasa wäre wohl keinen Besuch wert, wären da nicht die Menschen. Auf der Strasse, teilweise mit großen Löchern übersäter Asphalt teilweise buckligster Erdboden, ist es schwer auszumachen, wer oder was hier an Überzahl gewinnt: es tummeln sich zu gleichermaßen Menschen, Tiere, wie Ziegen und Esel, und Autos. Ganz ohne Gehupe oder Geschrei nimmt jeder auf jeden Rücksicht und da man sowieso kaum über 10kmh fahren kann, macht es auch nichts, wer daran Schuld hat: die Bodenbeschaffenheit oder das gegenseitig bedingte Chaos. Eines der letzten Erlebnisse im Wiener Straßenverkehr habe ich noch im Ohr: "Herst, schleich di G'spritzter, sonst hau i da ane in di Papn!" - charming, indeed! 


Die Hafenstadt Mombasa hat zirka 600 000 Einwohner. Die Miete für eine Wohneinheit (bloß von außen betrachtet würde kein Europäer einen Fuß dort hineinsetzen) in Mombasa kostet KSH 5000 (€50) und ist somit für die Bevölkerung unleistbar. Deshalb pendeln die Arbeiter, die zumeist im Dienstleistungssektor (Industrie gibt es in Mombasa nicht) untergebracht sind, täglich zwischen Mombasa und der umliegenden Orte. Da es keine Straße gibt, die den Hafen überquert, gibt es drei Fähren, die tagsüber (in der Nacht ist es nur eine) ständig Leute Autos und Tiere übersetzen. 

Was ich dann außerhalb von Mombasa an Wohnunterkünften sehen durfte, waren entweder sehr heruntergekommene Barackenbauten oder schlicht und ergreifend aus Dachrinnen oder Büschen zusammengestellte Hütten. Natürlich gibt es keine Kanalisation, natürlich gibt es keinen Strom, natürlich gibt es keine Waschgelegenheit - und trotzdem: es stinkt nicht, die Leute haben freundliche Gesichter, sie lachen, bleiben stehen, wenn sie Bekannte sehen, und scheinen immer einen Spaß auf den Lippen haben. Was mir auch sofort bei allen Kenianern aufgefallen ist, ist ihre perfekte Haltung: die Schulterblätter sind streng nach hinten gezogen und sie haben einen aufrechten und stolzen Gang. In Wien schlürfen ja viele herum, als hätten sie keine Körperspannung - ich nehme mich da gar nicht aus...

Aber das aller Faszinierendste für mich ist die Kleidung: die Herren hatten alle ein sauberes Hemd und Hosen an (bis auf ein paar Maasai, ein Naturvolk, die ihre traditionelle Kleidung tragen), und auch bei genaueren Hinsehen konnte ich keine Nachlässigkeit erkennen. Die Frauen aber übertrafen meine Erwartungen: diese schönen farbenfrohen knielangen, figurbetonte Röcke mit den dazupassenden enggeschnittenen Oberteil mit Ärmelrüschen! Ganz zu schweigen von ihrer Haartracht: entweder eng geflochten oder aufgesteckt: sehr schön! Wenn man in einige Lehmhütten hineinlugt, dann sieht man hin und wieder einen Schneider oder Schneiderin, die eine Nähmaschine, mit Aggregat betrieben, emsig bedient. Wenn ich diese bedacht stilvolle und farbenfrohe Mode mit dem verwaschenen Einheitsbrei-Grau-in-Grau-Ton in Wien vergleiche, dann müßten wir uns eigentlich schämen: denn wir haben Waschmittel & Co im Haus!  Und auch wenn die Schulbuben vor der Schule mit einer Kokosnuß Fußball spielen, dann tun sie das in einer sauberen Schuluniform (je nach Schule unterschiedlich) und passen tunlichst darauf auf. Nicht so wie bei uns in Wien, wo die Hosen der Buben mitsamt der Unterhose bei den Knien hängt. Wer ist also reich an Benehmen und Kultur?
Mir fiel spontan ein Satz meiner früheren Yoga-Lehrerin ein: "Sei lieb zu deinem Körper, damit die Seele Lust hat in ihm zu wohnen." Ja, diese Leute haben nichts als sich selbst und achten deshalb auf ihr Äußeres und haben sichtlich Lust auf ein Miteinander!

Es dauert - aufgrund der sehr schlechten Straßenverhältnisse - eine Stunde bis man Ukunda erreicht und das Bild wird immer mitnehmender: kilometerweise Lehm- oder Buschhütten; Frauen sitzen mit ihren Kindern am Boden und spielen; es wird Mais über eine Feuerstelle gehalten. Die Menschen lachen und fegen ihren Lehmboden. In der ärmsten Armut sieht alles sauber und ordentlich aus. Die Männer (40% der Bevölkerung ist arbeitslos!) versuchen, Dinge zu verkaufen, die sie selbst herstellen: Schuhe aus kaputten Autoreifen, Wasser, Schmuck aus Überresten, Kleidungsstücke (die kein Europäer haben will),... Ich dachte mir, was ist es, das die Leute hier hält? Natürlich ist es klar, dass sich hier sowieso niemand ein Flugticket leisten könnte; außerdem bezweifle ich, dass die Mehrheit der Ärmsten einen Paß besitzt. Aber ich hätte mit einer tristen Stimmung gerechnet, einer Hoffnungslosigkeit auf den Gesichtern ob ihrer inexistenten Zukunftschancen. Nein, gar nicht! Ich sage jetzt bitteschön nicht, dass Armut lustig ist oder glücklich macht! Ich möchte auch nicht, dass man denkt: "Naja, die Christina ist erst mal ein paar Tage dort und glaubt die Weisheit mit dem Löffel gefressen zu haben." Nein, das möchte ich auf gar keinen Fall! Ich kann nur die Begebenheiten so schildern, wie ich sie in meinem kleinen subjektiven Bewußtsein wahrgenommen habe - nicht mehr, nicht weniger.



Wenn ich diese Lehmböden in den Hütten sehe, dann erinnere ich mich, dass auch meine Mutter von Lehmböden in ihrer Kindheit erzählt. Ihre Familie hatte auch eine Ziege und war auf ihre Milch angewiesen. Auch sie hungerte in den furchtbaren Wirren des 2. Weltkriegs und der Nachkriegszeit. Also ist die Armut gar nicht so lange her in Österreich. Und warum Österreich und nicht Kenia heute diesen Wohlstand hat, wissen wir alle! Österreich hatte einfach Glück, dass die Vereinigten Staaten an seinem Markt interessiert war, und uns deshalb der Marshall Plan (den wir übrigens meines Wissens nach noch immer nicht zurück bezahlt haben!) zuteil wurde. Welch ein Glück! Wer weiß, was sonst aus uns geworden wäre. Besonders bedauerlich finde ich in diesem Zusammenhang bloß, dass wir jetzt zögern, Griechenland aus der Patsche zu helfen... 
Bei der Rückfahrt vom Flughafen (diesmal mit den Koffern!) war es schon dunkel geworden; um 18.30h dämmert es und um 19h ist es stockdunkel. Vor den Baracken und Hütten finden sich alle Leute zusammen; sie brasseln Hühnergeflügel; einige Hühner flattern in Käfigen vor den Hütten. Überall brennen kleine Feuer-kerosin-stellen. Es gibt einen Eindruck, den man nur schwer in Worten fassen kann; ich kann vielleicht am ehesten sagen, wie ich mich fühlte: demütig. 
In diesem Moment spricht mich ein Kind mit einem aus Verbrennungen stammenden vernarbten Gesicht an und bittet mich um etwas Geld, sodass es sich etwas zum Essen beschaffen könnte. Ich saß im Auto und die Fensterscheibe war bis zu einem Spalt zu. Aus Unsicherheit, Scham und vollkommener Hilflosigkeit bevorzugte ich, wegzusehen und wartete peinlich berührt, bis es wegging. Etwa eine halbe Stunde später, vielleicht um 500m weiter (man kommt hier sicherlich zu Fuß schneller voran als im Auto), stand es wieder da und wieder schaute ich weg. Diese Szene sollte mich in den nächsten Tagen, wo auch immer ich war (Safari, etc.) quälen: wie konnte ich als Christ diesem armen Geschöpf nicht einfach etwas Geld geben? Ganz egal, wie es dieses Geld verwendet hätte, es wäre als Mensch, der in der Lage ist, zu geben, meine Pflicht gewesen. Aber, wie wir alle wissen, gibt der liebe Gott immer drei Chancen: die nächste werde ich nicht verpassen...