Montag, 11. Juli 2011

Paradise Found: Cristo si è fermato a Mara ed è rimasto lí!

John Milton hätte im 17. Jahrhundert nach Masai Mara fahren sollen, dann hätte er nicht "Paradise Lost" sondern "Paradise Found" geschrieben! Ich war vom 9. bis 11. Juli auf Safari in der berühmten Masai Mara. Und da ich im Leben oft Glück habe, durfte ich sogar the big migration, das größte Tierwunder der Welt, live miterleben: riesige Tierherden - mehr als 2 Mio. Tiere - wandern von der südlich gelegenen Serengeti auf der Suche nach frischem Grün in den nördlichen Teil. Dabei müssen sie auch Flüsse überqueren, das gefährlichste Unterfangen der Reise, da Krokodile und Löwen auf ein ergiebiges Fressen warten. 

Als ich nach meinem zwei-stündigen Flug, vorbei am Kilimanjaro, in der Masai Mara (1700m gelegen) ankam, wurde ich von meinem Safari-Guide abgeholt und gemeinsam mit zwei deutschen Ehepaaren hatte ich sofort meinen ersten game-ride. Als Einzelperson durfte ich neben dem Fahrer sitzen und hatte deshalb auch die beste Aussicht! Wir fuhren durch ein Paradies, voll gestopft mit Tieren, die ich noch nie in freier Wildbahn gesehen hatte: Gnus, Zebras, Giraffen, Elefanten, Wildschweine, Affen, Pelikane, Strauße, Büffel, Löwen, Hippos, Antilopen, Hyänen, Geier - eine unzählige Vielfalt, die sich Wange an Wange tummelten, etwas, das wir Menschen  wohl nie hinkriegen werden... 
Bei einer Flußüberquerung blieben wir stehen und mit Staunen verfolgte ich ein river-crossing! Unglaublich: tausende Tiere bilden eine  kilometerweite Schlange und warten geduldig hintereinander bis das erste Tier schließlich den Startschuß gibt! Und dann wird gerannt was das Zeug hält: so schnell wie möglich überqueren die Tiere im Laufschritt den Fluß. Ein  Spektakel!!!

Das Mittagessen nahm ich in meiner Unterkunft ein: ich residierte in einem luxuriöst ausgestattenen Zelt, das ein riesiges Bett (am Abend versteckte sich dort eine Wärmflasche!), eine Sitzgruppe, einen Tisch, eine Garderobe, eine Dusche (mit heißem Wasser!), ein Klo und ein Waschbecken beherbergte. Davor hatte man eine gemütliche Terrasse, so groß, dass man Waltzer hätte tanzen können! Ganz klar: Licht und Strom war "natürlich" auch vorhanden. Ja, dafür sollen die wazungu (die Weißen) blechen: wer inmitten der afrikanischen Savanne fürstlich dinieren will und wie zu Hause wohnen will, verdient es auch nicht anders!

Beide Nächte, die ich dort verbrachte, waren laut: fremdartige Tiergeräusche wogen mich in den Schlaf, um dann einmal aufzuschrecken, als etwas gegen mein Zelt sprang! Stocksteif im Bett liegend hämmerte ich mir ein, dass es hier ja watchmen gibt, die darauf achten, dass ich keinem wilden Tier zum Opfer falle. Ich schlief dann doch noch ein. Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass sich eine Affenfamilie einen Spaß erlaubt und ein kleines Wettrennen veranstaltet hatte. Um 6h wurde ich aufgeweckt, denn um 6.30h fand schon der Morgen-game-ride statt! Die Sonne über Akazienbäume aufgehen zu sehen, stolze Löwen müde gähnen zu sehen - ja, da hat der liebe Gott seine Hand im Spiel! Und der Löwe weiß ganz genau um seine Vorrangstellung: angstlos, arrogant und eitel stolziert er herum. Die Gnus scharren sich zusammen und versuchen ihn sogar zu provozieren. Doch der Löwe geht auf keine Spielchen ein; er weiß, dass er, wenn er wollte, ein Gnu sofort reißen könnte und in fünf Minuten mit Haut und Haare verschlingen würde. Doch, jetzt mag er nun einmal nicht.


Am zweiten Tag meiner Safari war ich allein; die Deutschen waren abgereist und so hatte ich den Jeep und den Guide ganz für mich allein! Ich durfte soviele Tiere aus nächsten Nähe sehen und machte großartige Fotos. 





Durch die rießigen Kuhherden der Massai, das faszinierendste Naturvolk Ostafrikas, neugierig gemacht, entschloß ich mich kurzerhand, ein echtes Massai-Dorf zu besuchen. Ich erfuhr, dass die Massai gute businessmen sind und dass sie gegen Geld gerne bereit sind, sich besuchen zu lassen. Das fand ich nur allzu fair. Am selben Nachmittag brachte mich der Fahrer in so ein Dorf und setzte mich zu meinem Entsetzen mutterseelen allein vor dem Dorfzaun mit dem Versprechen, mich in einer Stunde wieder abzuholen, ab. Ich hatte eigentlich erwartet, dass auch andere Besucher von anderen Lodges zugegen sein würden... Nein, so stand ich vollkommen verblüfft und sprachlos vor zwei Massai, die mich willkommen hießen. Ich weiß nicht, wer ein größeres Objekt der Neugierde war: die in ihrer traditioneller Tracht und mit reichem buntem Schmuck behangenen Massai oder ich in meiner westlichen Hose und T-Shirt.

In einem mit Büschen und Ästen umzäunten Kreis standen etwa fünf Lehmhütten; vor einer saß eine Frau und säugte ihr Baby. Sie zeigten mir ein Haus und erklärten mir die Raumaufteilung; üblicherweise hat ein Haus vier Zimmer: im ersten Zimmer - oder besser gesagt Nische - wohnt die Baby-Kuh; im zweiten Zimmer (Nische) schlafen die Kinder; im dritten die Eltern und in der vierten Ecke die Verwandten. In der Mitte war eine Feuerstelle. Das ganze Haus hatte etwa sechs Quadratmeter. Es war stockdunkel und ich wurde über Hände weiter gereicht, bis man mir zu verstehen gab, wo ich mich hinsetzen sollte. Anhand der Blitzfunktion meiner Kamera konnte ich die Räume ausmachen: eine Kuhhaut war die Liegestatt und einige alte Reindln waren um die Feuerstelle gestellt. Dann zeigten sie mir, wie sie Feuer machten. Als wir dann die Hütte verließen, hatten sich schon die Frauen des Dorfes draußen zu einem traditionellen Tanz versammelt. Ich traute meinen Augen nicht: sie sangen und tanzten ganz für mich allein! Ich kam aus meinem Staunen nicht heraus, als sie mich plötzlich aufforderten, mit ihnen mitzutanzen. Ich kam mir reichlich blöd vor, aber es ergriff mich ein wenig: ich durfte mit einer ganz andersartigen Kultur in einer Reihe stehen und etwas tun, das ich in meinem Leben nicht mehr tun werde: mit Massai Frauen tanzen!


Bei der Verabschiedung kam es noch zu einem kurzen Gespräch mit dem Chief, der ein wenig Englisch konnte, doch sonst kiswaheli sprach. Ich fragte ihn, wieviel Kühe er besaß. Stolz antwortete er: 400! Wenn man bedenkt, dass eine Kuh zwischen €300 und €500 am Markt abwirft, so hätte ich gerne soviel Geld am Konto... Ja, die Massai sind reiche Bauern! Doch sie würden keine Kuh verkaufen - es ist ein Statussymbol! Eher würden sie ein Kind einer Krankheit aussetzen, als dass sie eine Kuh verkaufen würden, um die Arztrechnung zu bezahlen. Doch die Herde kann bei einer Dürre auf 50 schrumpfen und somit wunderte ich mich, warum sie nicht vor einer Dürrekatastrophe einige Kühe am Markt verkaufen, um keinen Verlust zu erfahren. Aber solche Gedanken hat man nur als westlich orientierter Kapitalist...
Das Gespräch zwischen dem Massai und mir war wie folgt:
Ich: "How many cows have you got?"
Massai: "400. And you?"
Ich: "I don't have a cow."
Massai: "Na magari?" (Er sprach auf Swaheli weiter) ("And cars?")
Ich: "Hakuna." ("Keines.")
Massai: "Mume?" ("Ehemann?)
Ich: "Hapana." ("Nein.")
Massai: "Watoto?" ("Kinder?")
Ich: "Hapana." ("Nein.")
Massai: "Asanthe sana." ("Vielen Dank.") Vom Tonfall war klar, dass für ihn somit das Gespräch zu Ende war... Tja, so schnell kann ein Stern fallen! Viele westliche Frauen wären um diesen Zustand der Freiheit und Selbstbestimmung froh, hier ist man offenkundig unten durch.

Am nächsten Tag und nach zwei weiteren abenteuerlichen game-rides stieg ich wieder in das kleine Flugzeug, das mich wieder zurück nach Diani Beach/Ukunda bringen sollte. Aus dem kleinen Fenster verabschiedete ich mich vom biblischen Paradies, das so treffend in der Bibel beschrieben wird...und ich war sogar dort!!! Es ist ja auch kein Zufall, dass sich hier der Great Rift Valley, der Große Afrikanische Grabenbruch mt seiner wuchtigen Gregory-Spalte befindet, der die Entstehung neuer Primatenformen, mithin des Menschen, vor 15 Mio. Jahren ermöglichte. Somit hat Darwin das Biologische eigentlich mit dem Göttlichen verbunden...und es stimmt wirklich: der Mensch stammt von hier - vom Paradies! 
Carlo Levi irrte mit dem Titel "Cristo si è fermato a Eboli"; es sollte vielmehr heißen: "Cristo si è fermato a Mara ed è rimasto lí"!