Zwei Tage durfte ich Mäuschen sein und Schule in Kenia miterleben. Um 5.45h frühstücken die Kinder und um 6.30h geht der Schulbus in Richtung Schule. Ich stellte mir den Wecker um 5.30h und ließ das Frühstück sausen…ich bin weder Frühaufsteher noch ein „Früh-Frühstücker“! Um 7.30h erreichen wir dann die Schule. Die Schule, die „meine“ Waisenkinder besuchen, nennt sich internationale Schule und heißt „Nice View Gratitude Academy“ und in der Tat hat es ein sehr gepflegtes Ambiente. Sie beherbergt Schüler vom Babyalter bis zum Maturajahrgang. Das Schuljahr besteht aus Trimestern; schulfreie Monate sind Jänner, Mai und August. Es ist nun die letzte Schulwoche vor den Sommerferien hier und somit finden schriftliche Prüfungen statt. Deshalb konnte ich leider keinen Unterricht mitverfolgen, aber ich nutzte jede Gelegenheit, mit Lehrern und auch mit Schülern zu reden, um einen Eindruck zu gewinnen, wie das System hier funktioniert.
Ich hatte ein langes und aufschlussreiches Gespräch mit dem Schulleiter. Er erklärte mir, dass eines der größten Herausforderung, die Vermittlung der englischen Sprache sei. Die Kinder sprechen zuhause verschiedenste Dialekte, die mit Swahili nur entfernt zu tun haben. Standard Swahili wird deshalb als erste Fremdsprache in der Schule gelehrt; und als zweite lebende Fremdsprache gilt Englisch. Das allein hätte mich noch nicht gewundert, da auch bei uns in Österreich viele Kinder erst mit „Hochdeutsch“ in der Schule konfrontiert werden und dann Englisch dazu lernen. Nur ist hier die Problematik, dass Englisch gleichwertig zu Swahili als Nationalsprache gilt, und alle Prüfungen in Englisch abgehalten werden müssen (und paradoxerweise nicht in Swahili). Ich konnte mich dessen vergewissern, als ich den Schülern während den Prüfungen immer wieder über die Schultern geschaut habe und siehe da – alles nur auf Englisch! Das Überraschendste für mich jedoch war, dass auch die 4-jährigen Prüfungen ablegen – auch alle in Englisch! Das sind so Fragen wie: „Write down 5 two-letter words“. Einige Kinder waren verwirrt und schrieben fünf-Buchstaben Wörter. Ich hab ein bisschen geholfen, wenn es kein Lehrer mitbekommen hat… (Schön, einmal auf der anderen Seite zu stehen!) Aber welches 4-jährige Kind kann bei uns schon wirklich schreiben und dann in einer Fremdsprache? Ich war verblüfft!
Ich ging durch alle Klassenzimmer und in mir kam ein riesen Ärger hoch: Tische, Tafel, Stühle, nett gestaltete Wände, ab und an ein OHP. … Wie bei uns – gut, in manchen Schulen gibt es eine Computerausrüstung. So, Folgendes möge mir bitte jemand erklären: Österreich hat eines der teuersten Schulsysteme und Kenia – wage ich zu behaupten – wird kaum Geld für Bildung aufwenden können. Also, wenn aber die Klassenausrüstung ähnlich aussieht: wo geht unser Geld hin? Wenn schon offenkundig nicht in die Klassenausrüstung, dann vielleicht in die Lehrerausbildung? Wohl kaum, wenn man bedenkt, dass österreichische Schüler des Lesens und Schreibens kaum mächtig sind.
Die Schüleranzahl pro Klasse variiert; diese Schule hat besonders moderate Ziffern: 8-12 Schüler pro Klasse in der Oberstufe; im Kindergarten bestehen die Gruppen aus 25 Kindern. Ich nehme aber an, dass wenige überhaupt in die Oberstufe weitergehen, da sie ja auch Schulgeld bezahlen müssen und sich das kaum eine Familie über Jahre hinweg leisten kann. Das Schulgeld ist nämlich gestaffelt: je höher die Schulstufe desto mehr Schulgeld; während die ersten Jahre zirka KSH 23700 (€237) jährlich kosten, so zahlt man in den letzten Schuljahren (bis zum 18. Lebensjahr) KSH 32700 (€327). Der Lehrerverdienst ist haarsträubend: eine Kindergartenpädagogin bekommt monatlich zwischen KSH 3000 (€30) und KSH 7000 (€70); ein Sekundarlehrer bis zu KSH 15000 (€150)… zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel?
Jedes einzelne Gespräch mit den anschließenden Personen hat mich emotional sehr bewegt und mitgenommen. Esther ist 45 Jahre alt und seit 15 Jahren Kindergärtnerin. Sie erzählte fast so nebenher ihre Geschichte: durch eine Vergewaltigung wurde sie schwanger und da sie es nicht übers Herz brachte, ihr Kind im Busch auszusetzen, wurde sie von ihrem Dorf vertrieben. Sie brachte ihren Sohn alleine durch und sie musste oft hungern. Mittlerweile ist ihr Sohn 17 und geht in Nairobi aufs College. Dass sie kein Herz mehr für Männer hat, hat sie mehrmals betont; aber sie ist glücklich, sich von niemandem kommandieren lassen zu müssen. Sie hat in mehreren Schulen schon gearbeitet und ist sehr froh, hier letztendlich gelandet zu sein. Es passiert häufig – so erzählte sie mir – dass eine Schule eröffnet wird und gar nicht vom Staat registriert ist; das erfahren aber die dort angestellten Lehrer nicht; wenn dann aber plötzlich die Behörde kommt und die Schule schließt, ist man nicht nur von heute auf morgen den Job los, sondern hat auch keinen Gehalt bezogen. Eine andere Variante ist, dass sich der Schulleiter am Schulgeld bereichert und eines Tages mit dem Geld abhaut und die Lehrer gehen wieder mit leeren Taschen nach Hause. Esther hat ein Ziel: sie möchte unbedingt 60 Jahre alt werden – da schmunzelt sie andächtig.
Als der Schulgärtner erfuhr, dass ich Österreicherin bin, kam er aufgeregt zu mir und fragte, ob ich auch oft in Deutschland wäre, denn er hat einen besonderen Bezug nach Köln. Er war zwar noch nie in Europa, wurde aber von einer deutschen Familie gesponsert und hat ihnen somit seine Schulbildung zu verdanken. Er sprach sehr bedacht und gebildet und ich fragte mich, warum er „nur“ Gärtner geworden ist. Es wäre aber unsensibel von mir gewesen, so etwas zu fragen. Glücklicherweise erriet er meine Gedanken. Er hat in Nairobi Bodenkultur studiert; als er damit keine Anstellung bekam, machte er ein dreijähriges College für Buchhaltung – gleichermaßen aussichtslos. Er lachte, als er meinte, er hätte sich somit das Naheliegenste ausgesucht: Gärtner in der Schule zu sein, die er einmal besucht hat. Von irgendetwas müsse er ja schließlich leben! Wenn nur unsere arbeitslosen Akademiker auch so denken würden…
Ich befragte einen Schüler der 6. Oberstufenklasse, wie ihm so die Schule gefällt. Er war mit den Lehrern und seinem Umfeld hier sehr zufrieden. Er fragte mich, wie ich es denn bewerkstelligt hätte, dass ich andere Länder bereisen kann; er hätte einen großen Traum: in Oxford Physik zu studieren… Dann wird er ernst und sagt, dass er 22 Jahre alt sei und fügt rasch hinzu, dass er aber nicht dumm sei. Ich versicherte ihm, dass ich das nie angenommen hätte. Da seine Eltern das Schulgeld nicht immer bezahlen können, musste er immer wieder für ein bis zwei Jahre aussetzen und arbeiten, bis er das Geld zusammen hatte. Da er aber in der Zeit, in der er nicht in der Schule war, wieder einiges vergessen hatte, musste er auch Klassen nachholen. Doch jetzt hofft er, dass sein Vater ihm die letzten zwei Schuljahre bezahlen wird können. Ich fragte ihm, was sein Lieblingsfach wäre: Geographie, obgleich er nicht weiß warum, denn er wird nie das Geld haben, diese Länder, über die er in Büchern liest, zu bereisen. Er könne sich ja nicht einmal einen Ausflug in einen Nationalpark hier leisten, um einmal die Tiere zu sehen, die er in seiner Freizeit so gerne malt: Elefanten, Löwen und Giraffen. Er verkauft seine Bilder in Curio-Shops (das sind Souvenir Shops, die man überall hier findet). Er würde aber so viel darum geben, diese Tiere einmal „in echt“ zu sehen!
Da alle Lehrer ganz emsig Zeugnisse (das sind 20-seitige A5 Büchleins mit den Noten und genauen mündlichen Begründungen – eine furchteinflößende Arbeit!) im Computerraum schrieben, war ich überrascht, einen Lehrer in seinem Klassenzimmer zu sehen (ja, auch hier haben Lehrer ihr eigenes Klassenzimmer; nur wir bringen das nicht zusammen…). Ich, in meiner unverblümten Art, sprach ihn darauf an; er lachte und erklärte mir, dass er ausnahmsweise gestern keine Prüfungen abgehalten hat, da er seine Frau beerdigte (sie starb an Brustkrebs). Es ist das Lachen eines Menschen, der sein Schicksal angenommen hat und seine Trauer anders darstellt. Ich versank im Erdboden… Das Gespräch entwickelte sich weiter und er versuchte mich über die Probleme Kenias aufzuklären. Erstens, Schwarze sind faul; zweitens, Aids wird zu wenig bekämpft; drittens, die Dürre: wenn es kein Essen gibt, gehen die Kinder auch nicht zur Schule. Und ohne Bildung gibt es auch keine Aufklärung über Aids. Er war die erste Person, die das Thema Aids offen angesprochen hat. Ich habe nämlich das Gefühl, dass es eine Art Tabu-Thema ist und unter den Teppich gekehrt wird; wenn überhaupt, wird es euphemistisch umschrieben und heißt „moderne Krankheit“. Dass Afrikaner faul sind, ist ein gängiges Vorurteil in der westlichen Welt; ich kann das nach meinen Beobachtungen überhaupt nicht teilen – ganz im Gegenteil: die meisten stehen hier gegen 5h morgens auf, und ich habe das Gefühl, dass die Mehrheit versucht, einer Arbeit nachzugehen, die ihnen etwas einbringt. Aber dieser Lehrer war von der Faulheit seiner Mitbürger überzeugt.
Am Ende meines Schulbesuchs zeigte mir Esther noch den Schulkalender, der aus verschiedenen Portraits der Kinder bestand und ihre – zum Teil herzzerreisenden -Geschichten erzählte. Erst in diesem Moment ging mir ein Licht auf: die wenigsten Kinder, die diese Schule besuchten, hatten Eltern; diese Schule klaubt Kinder von Waisenheimen auf und sucht Sponsoren, die das Schulgeld bezahlen. Man bekommt einen Katalog mit den Kinderbildern und kann sich eines aussuchen, das man ab sofort unterstützt – so wie meine Waisenkinder vom Amadeus Children’s Home unterstützt oder auch der Schulgärtner von der deutschen Familie gesponsert wurde. Ihr, die das lest, wisst, an welcher Tür ich in der nächsten Minute klopfte: ja, im Sekretariat, um die nötigen Formulare zu holen…